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EM-Qualifikation gegen Gibraltar Eine DFB-Elf im Schlummermodus


Beim 4:0 gegen Gibraltar zeigt die deutsche Nationalmannschaft, dass sie dringend aus ihrer Post-WM-Lethargie gerissen werden muss. Offenkundig wird, dass Leistungsträger überspielt sind.
Von Mathias Schneider, Nürnberg

Ein großes Plakat haben sie angebracht vor der Haupttribüne des Grundig-Stadions von Nürnberg. Deutschland gegen Gibraltar steht darauf, ein Werk mit Erinnerungswert ist das, niemals zuvor spielte eine deutsche Nationalmannschaft schließlich gegen den sogenannten Affenfelsen. Und dann auch gleich noch in einem echten Pflichtspiel. EM-Qualifikation.

Nachdem die Fifa das Teilnehmerfeld zur nächsten EM aufgebläht hat, kamen ja im Vorfeld der Partie ein paar Fragen auf, ob man durch ein Mammutprogramm ohnehin belastete Stars auch noch mit Partien gegen bessere Bezirksauswahlmannschaften zusätzlich beschweren muss. Beim Fußball-Weltverband Fifa ist das britische Überseegebiet gar nicht gelistet. Erst im Vorjahr wurde es von der Uefa wieder aufgenommen. 30.000 Einwohner zählt das Land.

Verständlicherweise "sehr stolz" war Trainer Allen Bula also, als er nach dem 0:4 vor die Presse trat. All jenen, die seinem Land die Daseinsberechtigung auf der großen Bühne abgesprochen hätten, sei nun endlich "das Maul gestopft". Einen mutigen Auftritt habe seine Elf gezeigt, der ihn nach Worten ringen lasse, so stolz sei er nun. "Man spielt schließlich nicht oft gegen den Weltmeister".

Tja, der Weltmeister.

Er existiert natürlich weiter, doch derzeit vor allem auf dem Papier. Wo noch im Juli "Made in Germany" draufstand, stecken vier Monate später nur noch ein Haufen müder Recken drin. Schwer fällt der Rücktritt von Kapitän Philipp Lahm ins Gewicht, auch Bastian Schweinsteiger fehlt. Männer wie Durm, Kruse oder Podolski, bei der WM kein Faktor, rotierten mangels Alternativen direkt aufs Feld. Mit bedauernswerten Konsequenzen. Jene Elf von Nürnberg hatte auch personell nicht viel mit der Weltmeister-Elf gemein. Offensichtlich wird, dass die Spielerdecke nicht gar so dick ist, wie man das noch vor Wochen glaubte.

Blamage light

Dass es gegen den Fußball-Winzling nur zu vier mickrigen Treffern langte, was einer Blamage light gleichkommt, erklärt dies nicht. Eher wurde auch in Nürnberg offenkundig, dass Löws Männer von den Strapazen des Sommers und zahlreichen Spielen im Klub mental ausgebrannt sind und dringend einen Neuanfang benötigen. Beinahe scheint es, als wolle mancher die lästige EM-Quali am liebsten gleich bis zum nächsten Turnier 2016 in Frankreich überspulen.

Ging Löw noch gegen Irland und Polen gnädig mit jenen Männern um, die ihn zum Weltmeister-Trainer machten, so wird die Rhetorik langsam frostiger. "Ich hätte mir von der Mannschaft heute mehr erwartet", stellte er nach der Partie indigniert fest. Kein eigenes Tor hatte seine Elf gegen die bessere Bezirksauswahl in der zweiten Hälfte zustande gebracht. Ein Eigentor brauchte es, um nach der Pause überhaupt zu treffen.

Auch war es jetzt nicht so, dass sich Pfosten und Latte in einen deutschen Schusshagel warfen. Breiig zirkulierte der Ball um den erwartungsgemäß mit Gibraltarern vollgestopften Strafraum. So desinteressiert wirkte mancher, dass der Post-WM-Kredit spätestens nach dem Auftritt von Nürnberg aufgebraucht ist.

Bei Löw vor allem.

Alles auf dem Prüfstand

Bereits vor der Partie hatte er in einer Mini-Ruck-Rede seinen müden Kriegern angekündigt, er werde sie im neuen Jahr wieder mit einem wahren Maßnahmenpaket aufrütteln. Er wollte noch nicht ins Detail gehen, doch vom Matchplan bis zum Personal scheint alles auf dem Prüfstand.

Die 90 Minuten von Nürnberg dürften ihn eher darin bestärken, die Zügel schleunigst wieder anzuziehen, bevor die Elf vollends in einem dauerhaften Wachkoma versinkt. Ungewohnt deutlich rügte Löw, er habe sich "vom einen oder anderen mehr erwartet, mehr Zug zum Tor, mehr Torgefahr". Man musste kein Bundestrainer sein, um die Verdächtigen zu identifizieren. Zumal Löw auf Nachfrage zumindest mit einem Namen selbst herausrückte. "Wir müssen uns überlegen und er sich auch, was das nächste Jahr bringt", sagte er zu Lukas Podolski, seit Monaten wenn nicht Jahren trotz durchwachsener Leistungen unter Artenschutz.

Seinem Lieblingsspieler fehle Spielpraxis. Auch in seiner Einschätzung des Mönchengladbachers Kruse, dürfte der Bundestrainer sich rückwirkend bestätigt sehen. Löw hatte Kruse vor der WM aussortiert. Gegen Gibraltar wirkte Kruse wie Podolski schwerfällig, wie das ganze deutsche Offensivspiel derzeit an einem Überaufgebot an eher schwerbeinigen Kräften krankt. Da auch Mario Götze, Thomas Müller, vor allem aber Toni Kroos sich derzeit weigern, aus Cruise Control höher zu schalten, fehlen schlicht Geschwindigkeit und damit Anspielstationen. Einzige Ausnahme erneut: Karim Bellarabi.

Löw wird eine neue Elf errichten müssen, auch um sie wieder herauszufordern. Noch ist das WM-Jahr allerdings nicht vorbei. Am Dienstag wartet noch ein Freundschaftsspiel gegen Spanien in Vigo. Ein paar Wechsel wird es dann wieder geben. Noch beginnt die neue Zeitrechnung nicht.

Bis Sonntagabend hat Löw erst einmal freigegeben.


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