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EM-Qualifikation: Das Team sollte nochmal in den Urlaub - nur einer überragt

Eigentlich müsste man Löws Männer noch einmal in den Urlaub schicken. Noch sind die Beine müde von den Strapazen eines großen Turniers. Und der Kopf auch. Doch einer rackert wie immer.

Von Mathias Schneider, Dortmund

Die Tribünen des Signal-Iduna-Parks von Dortmund haben sich bereits geleert, Deutschland gegen Schottland ist noch keine Stunde alt und doch schon so gut wie archiviert. Da ertönt irgendwo im Inneren des Stadions noch immer dieser Dudelsack. Schon das ganze Spiel über war er zu hören. Haben sie ihn und seinen Träger am Ende vergessen?

Die Tartan Army, all die so furiosen schottischen Fans, sind längst auf dem Rückzug, doch der Dudelsack, der jammert noch immer. Als wolle er daran erinnern, dass jenes erste Qualifikationsspiel zur Europameisterschaft in Frankreich wirklich stattgefunden hat.

Deutschland 2. Schottland 1.

Es geht schon wieder um ein bisschen was

Es geht für diese Nationalelf tatsächlich schon wieder um etwas. Wobei: Um ein bisschen was trifft es wohl besser. Wer zweifelt schon an der Qualifikation? Aber eine rechte Quälerei ist all das für Männer wie Kroos, Höwedes, Durm, Kramer oder Götze schon.

Bisweilen durfte man den Eindruck gewinnen, dass eine kollektive Erschöpfung sich über diese Auswahl gelegt hat, die noch immer ihre Wunden leckt nach dem großen Triumph von Rio. Kaum wiederzuerkennen ist die Elf. Kein Schweinsteiger, kein Özil. Kein Hummels. Allesamt verletzt. Kein Lahm, kein Klose, kein Mertesacker, allesamt Nati-Ruheständler. Der Rest? Ein noch matter Haufen Aufrechter.

Bis auf einen.

Wenn alle noch nicht wieder auf der Höhe sein können, wie der Bundestrainer nach diesem eher erkämpften als erspielten 2:1 gegen erstaunlich ungemütliche Schotten nachsichtig bilanzierte, gilt das natürlich nicht für einen Mann. Dieser Thomas Müller, der macht einfach weiter, wo er in Brasilien aufgehört hat. Er unterliegt ja nicht den herkömmlichen Gesetzen körperlicher Belastung, wie es scheint.

Zum 1:0 schraubte er sich in ungeahnte Höhen, auf 2,15 Meter taxierte Schottlands Trainer Gordon Strachan die Sprungkraft dieser "Machine" aus Germany. Er übertrieb nur ein bisschen.

Müller kann Löw nicht mehr verblüffen

Als Löws Mannen kollektiv im zweiten Abschnitt immer weniger taten und irgendwann die Lücken zwischen Mittelfeld und Abwehr so groß waren wie das Loch Ness, so dass zwei schnelle Pässe gegen in der Rückwärtsbewegung träge Deutsche reichten, um Anya zum 1:1 auf die Reise zu schicken, schritt Müller sogleich erneut zur Tat.

Praktisch im Gegenzug hämmerte er aus dem Gewühl das Leder ins Netz. Es war ein eher schmutziges Tor. Ein Müller-Tor. Aber Löw hat das nicht weiter verwundert, er erlebt diesen Müller ja nicht erst seit gestern. "Er kann mich nicht mehr verblüffen", erklärte der Bundestrainer munter.

Löw selbst wirkt dieser Tage wie ein Mann, der sich eines unsichtbaren Schutzes sicher wähnt, immunisiert durch diesen WM-Sieg. Seine stark improvisierte Elf wankte beträchtlich, wirkte diesmal - welch Wunder - brüchig. Baustelle an Baustelle reiht sich derzeit aneinander. Die Recken von Rio, sie existieren nur noch auf dem Papier.

Keine Pfiffe in Dortmund

Welche bunte Blüten das Spiel mit der Aufstellung derzeit treibt, illustrierte Löw nach der Partie. Erst nach dem 2:4 gegen Argentinien in der Wochenmitte sei ihm die Idee gekommen, es mal mit dem Hoffenheimer Rudy als rechten Außenverteidiger zu versuchen. Er werde da in den nächsten Wochen noch ein bisschen weiter probieren. Profiliertes Personal ist schließlich seit dem Abschied des ewigen Lahms außen nicht in Sicht. Aber ein Problem sieht Löw darin nicht.

Schon am 11. Oktober gegen Polen erwartet er die WM-Beine all jener, die diesmal dabei waren, weniger schwer. Zumindest bei Mesut Özil darf er auf eine Rückkehr hoffen, wie auch beim Innenverteidiger Hummels. Der Schalker Höwedes könnte dann wieder auf seinen linken Außenverteidiger-Posten zurückkehren, aber wahrscheinlicher ist wohl, dass Löw noch ein bisschen neues Personal in Augenschein nimmt. Es reicht ja auch so. Irgendwie.

Ein weiteres Whistle-Gate gab es diesmal übrigens nicht zu vermelden. Mario Gomez blieb draußen und damit vor dummen Pfiffen gefeit: Dortmund-Rückkehrer Mario Götze wurde wohl vor allem wegen seines goldenen Treffers diesmal verschont. Er trug ja diesmal nicht das Rot der Bayern.

Am Ende stand deshalb ein schmuckloser Arbeitssieg. "Ich bin absolut zufrieden, dass wir die drei Punkte haben", erklärte Löw. Hauptsache gewonnen. Und dann schnell vergessen, nur darum ging es ihm diesmal.

Es hätte gelingen können. Doch einer mochte da diesmal nicht mitspielen.

Und blies deshalb umso lauter in die Dortmunder Nacht.

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