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EM-TEST: Holpriger Neuanfang

Mit einer sehr jungen Mannschaft startete Rudi Völler in die EM-Qualifikation. Bevor es erst werden wird, sollte ein Testspiel Klarheit über eine zukünftige Aufstellung bringen.

Aller Neuanfang ist schwer: 52 Tage nach dem verlorenen WM-Finale in Yokohama ist eine deutsche Verlegenheitself am Mittwochabend in Sofia mit einem schmucklosen 2:2 (1:1) gegen Bulgarien in die Länderspiel-Saison gestartet. Vor der trostlosen Kulisse von nur 10.000 Zuschauern im Lewski-Stadion blieb zwar der angesichts der personellen Lage befürchtete Imageschaden für den Vize-Weltmeister aus, doch lieferte die Partie Teamchef Rudi Völler die Erkenntnis, dass seine Möglichkeiten ohne Stammkräfte wie Dietmar Hamann, Torsten Frings oder Oliver Neuville nicht unerschöpflich sind. Michael Ballack (23./Foulelfmeter) und Carsten Jancker (57.) machten mit ihren Toren gegen den allenfalls zweitklassigen Gegner einen zweimaligen Rückstand durch Dimitar Berbatow (21.) und Krassimir Balakow (50./Foulelfmeter) wieder wett.

Kein richtiger Maßstab

»Dieses Spiel kann kein richtiger Maßstab sein. Aber wir haben unsere Sache ordentlich gemacht. Dass es da auch Abstimmungsprobleme gibt, ist doch logisch. Es war ein guter Test für den EM-Auftakt in Litauen. Deshalb ist es mir ganz recht, dass es nicht so bombig gelaufen ist«, sagte Rudi Völler und erinnerte an die vergangene Saison: »Damals ist uns mit dem 5:2 in Ungarn ein toller Test gelungen und dann haben wir gegen England verloren.« Für Michael Ballack war es ein »ganz ordentlicher Test. Das erste Spiel der Saison ist immer schwer«.

Partie mit wenig Glanz

17 Tage vor dem Beginn der EM-Qualifikation in Kaunas präsentierte sich die nach zahlreichen Absagen zur Notelf gewordene Mannschaft als Team mit vielen Fremdkörpern. In einer Partie mit wenig Glanz wirkte die zusammengewürfelte Elf zwar engagiert, aber ohne Zusammenhalt. Immerhin bewies der Teamchef mit der Einwechslung von Arne Friedrich zur Pause eine glückliche Hand. Der Debütant von Hertha BSC war mit seinem strammen Schuss, den Jancker ins Netz abfälschte, maßgeblich am Ausgleich beteiligt. In der Schlussphase feierte auch noch der Bremer Tim Borowski seinen Einstand in der Nationalelf.

Viele Neulinge

Der Mangel an Harmonie lag indes nicht nur an Völlers »Neuen«, von denen Daniel Bierofka und Paul Freier zum ersten Mal in der Anfangsformation standen. Der Neu-Leverkusener Bierofka war auf der linken Seite mit Abwehraufgaben taktisch überfordert. Der Bochumer Freier konnte bei seinem zweiten Einsatz im DFB-Trikot die Nervosität nicht ablegen und leitete mit einem kapitalen Fehlpass die bulgarische Führung ein. Nach der Pause wurde das glücklose Duo durch Gerald Asamoah und Alexander Zickler abgelöst.

Aber auch Ingo Hertzsch vom Hamburger SV, der zum ersten Mal seit der 1:2-Niederlage gegen Dänemark im November 2000 wieder in der DFB- Auswahl zum Einsatz kam, leistete sich in seinen Duellen gegen den schnellen Wolfsburger Martin Petrow manchen Aussetzer. Zum Glück konnten der stellungssichere Carsten Ramelow als Abwehrchef und Christoph Metzelder die meisten Patzer wettmachen. Nach der Pause machte der Dortmunder für Friedrich Platz.

Alle Erfahrung hat nichts genützt

Im Mittelfeld produzierten selbst erfahrene Strategen wie Michael Ballack, Bernd Schneider und Interimskapitän Jens Jeremies viel Stückwerk. »Fußballer des Jahres« Ballack räumte seinen Platz nach der Pause für Sebastian Kehl. Fast völlige Funkstille herrschte im Angriff, wo dem nach Udine gewechselten Carsten Jancker die fehlende Spielpraxis deutlich anzumerken war. Der frühere Münchner stand nur in der 57. Minute genau richtig. Auch seinem Sturmpartner Miroslav Klose fehlte die Spritzigkeit.

Kapitaler Schnitzer

Ein kapitaler Schnitzer von Freier vor dem eigenen Strafraum leitete die bulgarische Führung ein. Der Bochumer spielte den Ball unbedrängt Balakow vor die Füße, dessen Pass der freistehende Berbatow an Oliver Kahn-Vertreter Jens Lehmann vorbei ins Tor schlenzte. Doch dann sorgte ein umstrittener Pfiff von Stephane Bre für den schnellen Ausgleich. Der Unparteiische aus Frankreich entschied auf Strafstoß, nachdem Iwailo Petkow den Lauterer Klose zu Fall gebracht hatte. Ballack ließ sich die Chance zu seinem zehnten Länderspiel-Tor nicht entgehen. Als wenig später Martin Petrow (32.) Hertzsch einmal mehr davonlief, verhinderte das Außennetz den erneuten Rückstand.

Zweiter Elfmeter brachte den Ausgleich

Eine weitere strittige Schiedsrichter-Entscheidung brachte kurz nach der Pause die Gastgeber erneut in Führung. Nach einer »Trikotbremse« von Ramelow an seinem Leverkusener Teamkollegen Berbatow vor dem Strafraum entschied Bre erneut auf Elfmeter, den der Stuttgarter Balakow sicher verwandelte. Sorglosigkeit machte sich nun auch in Bulgariens Abwehr breit. In der 53. Minute landete ein Schneider-Freistoß an der Unterkante der Latte, dann fasste sich der gerade eingewechselte Friedrich aus 20 Metern ein Herz und Jancker fälschte den Ball unhaltbar zum 2:2 ab.

Oliver Hartmann und Jens Mende, dpa

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