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Krise beim Rekordmeister Fehler, Formtiefs und löchrige Viererkette: Darum läuft es nicht beim FC Bayern

Krise beim Rekordmeister: Fehler, Formtiefs und löchrige Viererkette: Darum läuft es nicht beim FC Bayern
HINWEIS: Dieser Beitrag wird ohne Sprechertext gesendet. O-Ton Hansi Flick, Trainer FC Bayern München: "Die Intensität, die letztes Jahr da war, einfach vielleicht ein bisschen die mentale Frische, fehlt. Das ist, wie ich es gerade gesagt habe, es kommt letztendlich Punkt für Punkt dazu, dass es am Ende zu einer großen Chance kommt. Und da machen wir es aktuell dem Gegner zu einfach. Dann müssen wir besser letztendlich da auf dem Platz stehen und gemeinsam das Tor auch verteidigen. Auch das Spiel lesen. Ja, es ist letztendlich eine Spitzenmannschaft, eine Spitzenmannschaft zeichnet nicht nur aus, wenn es gut läuft. Sondern es zeichnet sich gerade dann aus, wenn es nicht gut läuft, dass man relativ schnell wieder in die Spur kommt. Das ist unsere Aufgabe, das ist unser Anspruch. Wir sind für den FC Bayern München, für die erfolgreichste Mannschaft in Deutschland, auf jeden Fall. Da stehen wir unter Vertrag und es ist unsere Aufgabe. Und wir müssen schleunigst damit anfangen, dass wir wieder in die richtige Spur kommen."
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Die Krise, die den FC Bayern ereilt hat, ist nach den jüngsten Niederlagen nicht mehr zu leugnen. Der Triplesieger wirkt angeschlagen wie lange nicht. Trainer Hansi Flick weiß um die Schwächen, kann sie im Moment aber nicht abstellen. Eine Analyse.

Die "triumphalen Tripletage" ("Kicker") von Lissabon sind im Schneegestöber von Kiel endgültig zu Ende gegangen. Die Niederlage in der 2. Runde des DFB-Pokals gegen den Zweitligisten Holstein Kiel hat endgültig deutlich gemacht: Der FC Bayern steckt in einem Form- und Motivationstief, das die wie immer hochgesteckten Ziele der Saison gefährdet. Das Triple zu verteidigen ist nach dem Ausscheiden im Pokal nicht mehr möglich, auch wenn dieses Ziel von Anfang an sicherlich kaum realistisch und eher dem eigenen Selbstverständnis geschuldet war.

Am Sonntagnachmittag spielen die Bayern gegen den SC Freiburg, der zuletzt fünf Siege in Folge holte. Für die Münchner dürfte das Spiel ein Gradmesser dafür sein, wie tief die Krise wirklich ist. Die Konkurrenz ist angesichts der Schwächephase vorsichtig, dennoch registriert sie das Formtief des Rekordmeisters natürlich ganz genau. Schon in der Vergangenheit unter den Trainern Carlo Ancelotti und Niko Kovač war die Dominanz der Bayern phasenweise brüchig geworden, aber den Meistertitel gewannen sie trotzdem. "Es wird der Tag kommen, an dem die Bayern wieder bayern-like auftreten. Darauf kann sich jeder verlassen, dass die Jungs wieder zurückkommen", prognostizierte Mönchengladbachs Trainer Marco Rose. 

Lange verdeckten die Siege in der Bundesliga, die die Bayern regelmäßig nach Rückständen holten, die Krise, aber unter der Oberfläche schwelt sie schon länger. Nach den jüngsten Niederlagen gegen Borussia Mönchengladbach und Holstein Kiel trat sie voll zu Tage. Was ist also in den vergangen Monaten und Wochen passiert? Warum funktioniert die kompakte, offensive Pressing-Maschine nicht mehr, die im vergangenen Jahr durch die Bundesliga und Europa rollte und fünf Titel gewann? Die Gründe dafür sind vielfältig:

Die Gegner haben sich auf die Bayern eingestellt

ARD-Experte Bastian Schweinsteiger sieht eine Hauptursache für die aktuelle Schwäche darin, dass die gegnerischen Mannschaften den "Bayern-Code" entschlüsselt haben. Borussia Mönchengladbach und Holstein Kiel haben es zuletzt bei ihren Siegen mustergültig angewandt. Sogar Mannschaften wie der Tabellenletzte der Bundesliga, Mainz 05, schafften es, die hoch stehende Bayern-Abwehr mit Steilpässen oder langen Bällen zu überwinden und mit 2:0 in Führung zu gehen, auch wenn sie am Ende gegen aufgewachte Bayern 5:2 verloren haben.

Individuelle Fehler und Formkrisen

Die taktische Grundausrichtung sieht vor, dass die Bayern weit vorn in der gegnerischen Hälfte aggressiv pressen, dafür braucht es die weit aufgerückte Viererkette. Diese Spielweise erfordert einen enorm hohen Einsatz aller Spieler, die den Ball erobern oder Pässe in die Tiefe verhindern sollen. Doch genau das funktioniert im Moment kaum, weil die Bayern zu nachlässig angreifen oder selbst Fehlpässe produzieren. Die Ballverluste führen zu schnellen Kontern der Gegner. 

In der vergangenen Saison traten die Bayern hingegen geschlossener auf, jedes Rädchen griff in das andere. Zur Zeit laufen viele Profis ihrer Form hinterher. Serge Gnabry ist zum Beispiel nicht auf dem Niveau der vergangenen Saison, Leroy Sané bringt nicht die von ihm erwartete Defensiv-Leistung. So verhinderten die beiden im Pokalspiel nicht den langen Ball der Kieler auf den startenden Fin Bartels, der das 1:1 erzielte. "Das ist ein Muster, das wir bei vielen Gegentoren öfter gesehen haben", sagte Flick später. Auch Spielern wie Müller oder sogar Kimmich unterlaufen Ballverluste im Mittelfeld, die zum gleichen Ergebnis führen.

Krise beim Rekordmeister: Fehler, Formtiefs und löchrige Viererkette: Darum läuft es nicht beim FC Bayern

Zu viel Rotation, keine eingespielte Viererkette

Hier kommt ein weiteres Problem hinzu. Alle Abwehrspieler sind außer Form. Benjamin Pavard, David Alaba, Alphonso Davies, Lucas Hernández oder Niklas Süle unterlaufen viel zu viele Fehler oder sich agieren nachlässig. Kommt ein tiefer Pass durch die Schnittstelle, laufen sie zu häufig hinterher. Oft gibt es Abstimmungsproblemen beim Stellungspiel, sodass gegnerische Spieler vollkommen unbedrängt zu Torchancen kommen. Beispielhaft war das im Pokalspiel zu beobachten. Der Kieler Hauke Wahl stand mutterseelenallein im Strafraum und köpfte den Ball zum 2:2 ins Netz. Die Abstimmungsprobleme sind auch der Tatsache geschuldet sein, dass Flick die Mannschaft wegen der großen Belastungen viel häufiger rotieren lässt. Die Viererkette wirkt nicht eingespielt. In Kombination mit individuellen Fehlern und Formkrisen führt das zu einer Flut von Gegentoren.

Weniger Qualität im Kader

Der Kader verfügt nicht mehr über die gleiche Qualität wie in der vergangenen Saison. Im Sommer verließen Philippe Coutinho, Ivan Perišić und Thiago den Verein. Besonders Letzterer war jahrelang ein Fixpunkt des Münchner Spiels. Es kamen Leroy Sané, Douglas Costa, Eric Maxim Choupo-Moting, Bouna Sarr und Marc Roca. Von denen hat sich bisher keiner als echte Verstärkung erwiesen.

Motivationslücke

Bleibt die Frage nach der mangelnden Motivation. Sie verneint Flick zwar kategorisch, aber es ist nichts Außergewöhnliches, wenn einzelne Profis und ganze Teams nach einem überragenden Triumph mental nicht bei hundert Prozent sind. Dahinter steckt keine Absicht, aber unbewusst lässt man es natürlich gern mal schleifen, weil man die großen Titel ja schon gewonnen hat.

Enger Terminplan

Nicht zu unterschätzen ist die hohe Belastung durch den engen Terminplan. Die Bayern hatten von allen Teams in Deutschland und Europa die kürzeste Sommerpause. Zwischen dem Triumph von Lissabon und dem Anpfiff der Bundesliga lagen gerade mal viel Wochen. Eine echte Regeneration ist da kaum möglich. Und um alternative Taktiken einzuüben, fehlt ebenfalls die Zeit.

Quellen: DPA, "Kicker", "Süddeutsche Zeitung", "Sport1"


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