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Verzweiflung in der Bundesliga: Alle jubeln über eine gute Anfangsphase gegen den FC Bayern - absurder geht's nicht

Borussia Dortmund freute sich trotz deutlicher Niederlage gegen den FC Bayern über eine gute Anfangsphase. Auch andere Bundesligisten geben sich häufig mit einem guten Start gegen die Münchner zufrieden. Es wird Zeit für ein Umdenken.

Ein Kommentar von Felix Haas

Pep Guardiola und Thomas Tuchel verstehen sich bestens - auf dem Feld war der BVB zu brav.

Pep Guardiola und Thomas Tuchel verstehen sich bestens - auf dem Feld war der BVB zu brav.

Marcel Reif war schier aus dem Häuschen. Es lief gerade einmal Minute 25 im "Topspiel" zwischen Bayern und dem BVB, da überschlug sich der Kommentator geradezu in seinem Urteil über das Spiel der Dortmunder, attestierte der Borussia hervorragende Taktik und Zweikampfstärke. "Die Bayern haben nur knapp 50 Prozent Ballbesitz. Die Borussia beeindruckt hier richtig." Wie das Ganze nach 90 Minuten aussah, ist bekannt.

Reif als Live-Kommentator obliegt natürlich, das Spiel im Verlauf zu analysieren und Urteile zu fällen. Wenn sich die zwischenzeitliche Einschätzung nicht mit dem Endergebnis deckt, ist das für ihn nicht so schlimm; schließlich kann und soll sich ein Spiel entwickeln. Wenn aber die Verantwortlichen des BVB das Gleiche betonen, und zwar nach dem Schlusspfiff, dann muss man sich doch sehr wundern. Der eigentlich so clevere BVB-Coach Thomas Tuchel sagte jedenfalls allen Ernstes im Sky-Interview: "Am Anfang haben wir es sehr gut gemacht."

Das Motto: Ganz so chancenlos waren wir dann doch nicht

Dieser Satz steht derzeit stellvertretend für die Verzweiflung der Bundesliga. Wohl jeder Coach hat ihn so oder so ähnlich in den vergangenen Jahren einmal geäußert. 20, 30, 40 Minuten - die kann dann noch fast jeder Bundesligist mit den Bayern mithalten. Da nach Spielschluss dennoch äußerst selten ein Ertrag bleibt, wollen alle noch einmal die schönen ersten Minuten ohne Gegentor betonen, um etwas Positives aus dem Spiel ziehen. So nach dem Motto: Ganz so chancenlos waren wir dann doch nicht. Eigentlich gehört der Satz natürlich verboten.

Wer nur kurz mithalten kann, ist eben doch chancenlos. Es wäre klüger, sich das einzugestehen, auch wenn es die Übermacht der Bayern kurzfristig noch mehr betont. Wie soll man bitte je wieder gegen die Bayern gewinnen, wenn man sich immer nur an den ersten paar Minuten hochzieht?

In der Halbzeit-Tabelle ist der FC Bayern nur Dritter

Schaut man über den Tellerrand zu anderen Sportarten, dann wird die Einschätzung der Bundesliga noch absurder. Beim Handball oder beim Basketball zum Beispiel fällt die Entscheidung meist erst in den letzten Minuten. Kein Mensch käme dort auf die Idee zu sagen: Bis kurz vor Schluss haben wir gut mitgehalten. Im Gegenteil, es gehört gerade zur Qualität von Teams wie beispielsweise dem THW Kiel, im Endspurt besonders stark zu sein und sich entscheidend abzusetzen. Das gilt natürlich auch für Fußball.

Es ist Ausdruck von Bayerns Qualität, dass nach der 30. Minute kaum mehr jemand mithalten kann. Am deutlichsten zeigt sich das in der Halbzeittabelle. Würden Fußballspiele nach 45 Minuten beendet, wären die Bayern lediglich Dritter. Alle vier Gegentore kassierten sie in Halbzeit eins. In der zweiten Hälfte aber schossen die Münchner eine Tordifferenz von 22:0 heraus, gewannen alle Spiele und kassierten keinen einzigen Treffer.

Der Konkurrenz täte es gut, sich das vor Augen zu halten und daraus Schlüsse zu ziehen. Mit einer guten Anfangsphase sollte sich keiner mehr zufrieden geben. Selbst wenn die Verlockung bei der derzeitigen Übermacht noch so groß sein sollte.


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