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0:5 in Gladbach Rekordpleite der Bayern im Pokal: Die Gründe liegen neben dem Platz

Bayern-Spieler Joshua Kimmich fasst sich entsetzt an den Kopf
Bayern-Star Joshua Kimmich kann es nicht fassen: Wie konnte es zur höchsten Pokal-Klatsche in Mönchengladbach kommen?
© Marius Becker / DPA
Beim FC Bayern herrscht Ratlosigkeit. Wie konnte man bei eigentlich kriselnden Gladbachern derart untergehen? Die Antwort liegt wohl auch neben dem Platz. Das 0:5 gegen die Fohlen war Tiefpunkt einer gebrauchten Woche.

Am Tag danach herrschte immer noch Staunen und Ratlosigkeit. 0:5! Nie verlor der FC Bayern in einem DFB-Pokalspiel höher als an diesem Mittwochabend im Mönchengladbacher Borussia-Park. Und das, obwohl der Rekordmeister und -pokalsieger zuletzt selbst namhafte Gegner nach Belieben "hergespielt" hatte – beispielsweise erst kürzlich in der Bundesliga, als die Bayern beim 5:1 in Leverkusen für ihre fünf Tore nicht einmal eine Halbzeit brauchten. Wie also konnte es wenig später dennoch zu dem "kollektiven Blackout" in Gladbach kommen?

Eine Erklärung fanden auch die Bayern zunächst nicht. "Einfach schockiert" sei er, sagte FCB-Sportvorstand Hasan Salihamidzic nach dem Spiel. Von einem "kollektiven Versagen" sprach Thomas Müller, der sich anders als namhafte Teamkollegen immerhin überhaupt zu der Rekordpleite äußerte. Das sei alles "erstmal ein bisschen schwierig zu fassen." Womöglich war es aber auch nur menschlich. Zwar wollten die Klub-Verantwortlichen das nicht gelten lassen, doch in den vergangenen Tagen war es rund um die Säbener Straße vergleichsweise wenig um Fußball gegangen. Und das desolate Auftreten gegen entfesselt spielende Gladbacher verriet dann doch, dass das alles offenbar nicht spurlos an der Millionentruppe vorbeigegangen war.

Die Causa Joshua Kimmich

Da war vor allem Joshua Kimmich, dessen Geständnis, aus persönlichen Bedenken (noch) nicht gegen Corona geimpft zu sein, eine enorme Welle auslöste. Die gesamte Debatte um eine zu geringe Impfquote in Deutschland, Impfverweigerer, Corona-Leugner und die Auswirkungen der Haltung Ungeimpfter auf das alltägliche Leben insgesamt entzündete sich plötzlich an der Person des Nationalspielers aufs Neue. Sogar die Bundesregierung appellierte öffentlich an Kimmich, er möge sich informieren und dann vielleicht doch impfen lassen.

Auch andere Parteien und Interessengruppen vereinnahmten den "Fall" für eigene Zwecke, wieder andere verurteilten die ganze Kimmich-Debatte. Wirklich anmerken ließ sich der 26-Jährige das alles in Gladbach nicht. Doch sein Mienenspiel und seine Reaktionen auf die Geschehnisse auf dem Platz verrieten: Da steht jemand mächtig unter Strom. Und als seine Mannschaft zunehmend die Spielordnung verlor, war der Mittelfeldstratege anders als sonst nicht in der Lage, dies aufzuhalten.

Karl-Heinz Rummenigge

Der Trainer in Quarantäne

Vielleicht hätte Julian Nagelsmann helfen können, doch der Trainer konnte in Gladbach nicht am Spielfeldrand stehen. Stattdessen steckte der Coach just wegen einer Corona-Infektion in Quarantäne fest – obwohl er geimpft ist. Unter der Woche berichtete er aus der heimischen Küche, dass er froh sei, geimpft zu sein, weil er wisse, wie die Krankheit verlaufen könne, wenn man nicht geschützt sei. Da "die Jungs" marschierten und die Technik Besprechungen über die Distanz mögliche mache, habe er es in der Isolation einigermaßen ausgehalten. Das dürfte sich während des Gladbachspiels gründlich geändert haben. Ob der 34-Jährige den Untergang seines Teams in Mönchengladbach wirklich hätte aufhalten können, ist zwar ungewiss, doch es passte zu diesen Tagen, dass Nagelsmann nicht einmal die Chance dazu hatte.

Die Causa Lucas Hernández

Für Verteidiger Lucas Hernández kam die erlösende Nachricht eigentlich zum rechten Zeitpunkt. Wenige Stunden vor dem Pokalspiel ging die Nachricht über den Ticker, dass der Franzose in Diensten des FC Bayern nicht ins Gefängnis muss. Ein Gericht in Madrid wandelte die ursprüngliche Haftstrafe von sechs Monaten im Zusammenhang mit einer handgreiflichen Auseinandersetzung mit seiner heutigen Ehefrau auf offener Straße in eine Geldstrafe um: 240 Tagessätze à 400 Euro – insgesamt also 96.000 Euro. Die Sache aus dem Jahr 2019 hatte Hernández in der vergangenen Woche plötzlich wieder eingeholt. Der 25-Jährige wäre nicht der erste, der durch eine erlösende Nachricht und dank der damit verbundenen Erleichterung nicht seine größte Leistungsfähigkeit erreicht. In Gladbach jedenfalls verursachte er durch ein ungeschicktes Einsteigen den Elfmeter zum 3:0 der Borussen und schätzte vor dem 4:0 die Situation komplett falsch ein. In jedem Fall hatte das Damoklesschwert einer Haftstrafe tagelang über dem Weltklasse-Verteidiger geschwebt – selbst wenn er, wie es von Vereinsseite hieß, wohl schon länger davon ausgehen konnte, dass die Sache für ihn glimpflich endet. In Weltklasseform war Hernández in Gladbach jedenfalls nicht.

0:5 in Gladbach: Rekordpleite der Bayern im Pokal: Die Gründe liegen neben dem Platz

FC Bayern auf dem roten Teppich

Auf all' das kam am Montagabend auch noch die Premiere der Doku-Serie "FC Bayern - Behind The Legend" in einem Münchner Kino. Viel FC-Bayern-Prominenz erschien auf dem roten Teppich und musste sich ein weiteres Mal Fragen vor allem nach der Haltung von Joshua Kimmich zum Impfen gefallen lassen. Die Reaktion von Uli Hoeneß, der besonders die Medien für die Welle verantwortlich machte, verriet, dass sich der Klub sehr wohl mit dem Thema beschäftigen musste. Ob ein bisher so nicht gekannter offener Blick hinter die Kulissen des legendären Vereins da passend war, sei dahingestellt. Die Doku zeigt unter anderem jenen Moment, in dem der heutige Nationaltrainer Hansi Flick der Mannschaft nach dem Gewinn des letzten Meistertitels seinen nahen Abschied mitteilt. Das wurde ebenso zum Thema wie die Äußerungen von FCB-Vorstand Oliver Kahn über seine Depressionen.

Gladbach – der spezielle Gegner

Reichlich Nebenschauplätze ausgerechnet vor einem Alles-oder-Nichts-Spiel gegen den alten Rivalen aus den 1970er-Jahren. Gegen Borussia Mönchengladbach haben sich die Bayern in den vergangenen Jahren wiederholt schwer getan. Gerade im Borussia-Park ging es oft nicht gut aus für den Dauermeister – und das war auch vor dem Spiel am Mittwochabend durchaus Thema. Doch schon nach gut 20 Minuten war überdeutlich: Die Mannschaft des FC Bayern war schlicht nicht auf der Höhe und traf zudem auf hoch motivierte Fohlen, denen an diesem Abend fast alles gelang. So wurde das 0:5 zur bisher höchsten Pokalpleite des Rekord-Pokalsiegers und zum finalen Tiefpunkt einer gebrauchten Woche.

Das Erschrecken in Bayern-Reihen über das Ergebnis und die eigene Spielweise war groß. Co-Trainer Dino Toppmöller blieb am Ende nur, von einem "Ausrutscher" zu sprechen. Ob er mit seiner Einschätzung richtig liegt, wird sich zeigen. In jedem Fall dürfte man sich in den kommenden Tagen rund um die Säbener Straße wieder mehr auf Fußball konzentrieren als zuletzt.


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