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Bayerns Sturmlauf gegen die Zweifel: Nichts kühlt die Nerven wie große Spiele

Der Rekordmeister entgrummelt mit einem einzigen Spiel die Atmosphäre der letzten Wochen rund um den Verein. Beim 6:1 gegen Porto wird er dabei nicht von den üblichen Verdächtigen getragen.

Von Mathias Schneider, München

Das Spiel ist gelaufen, die Menschen liegen sich auf der Tribüne der Allianz-Arena in den Armen, auf dem Rasen trotten Philipp Lahm und Holger Badstuber völlig ausgelaugt vor sich hin – die Nachwehen einer langen Wettkampfpause – da zieht ausgerechnet der Stürmer Giovane Elber in der 87. Minute dieses Champions-League-Viertelfinales plötzlich noch einmal einen langen Sprint an. Langsam läuft er erst los, doch nach rund zehn Metern, kein Gegner weit und breit, schaltet Elber, der ewige Bayern-Stürmer, in den Vollgasmodus. Noch ein paar Meter sind es bis zum Tor. Das bei Elber allerdings der Ausgang ist. Bloß nicht in den Stau nach dem Spiel kommen.

In Jeans und einem Jackett ist Elber mittlerweile gewandet, seine 42 geben kein Bayern-Trikot mehr her. Aber beim alten Klub mal vorbei schauen, das tut er noch immer gern. Wie übrigens auch der Niederländer Roy Makaay, wie Elber einst ein Bayern-Stürmer, nur ein paar Jährchen später.

Die Bühne gehört mittlerweile anderen.

Lewandowski auf Elbers Spuren

Zum Beispiel einem Nachfolger der beiden in direkter Linie – Robert Lewandowski. Zwei Treffer trug der Pole zu einem 6:1 bei, das man, wenn man nicht Matthias Sammer heißt, so nicht hat kommen sehen. Ein Grummeln war ja in den Tagen vor dem Rückspiel gegen das tapfere, aber auf höchstem europäischen Niveau dann doch eher als Ausbildungsverein geltende Porto rund um diesen FC Bayern aufgekommen.

Das 1:3 im Hinspiel wurde in den Folgetagen noch gewürzt durch eine Affäre, die selbstverständlich den Namen "Mull-Gate" verdient. Der Wunderheiler Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der Vertrauensarzt der Bayern-Stars seit Vereinsgründung, war entnervt zurückgetreten. Die Gründe liegen noch immer im Nebulösen, zwischen einer Kabinenschelte von Chef Karl-Heinz Rummenigge bis zum verweigerten Zugriff auf das Knie des Spaniers Thiago ist Stand heute alles als Begründung denkbar.

Aufbruch dringend benötigt

Die Affäre schwelt nun nicht mehr ganz so drohend im Hintergrund. Denn nichts kühlt bei diesem FC Bayern München auch 2015 die Nerven wie große Spiele. Sie haben so ein 6:1 mal wieder dringend gebraucht, auch wenn das etwas albern klingt, das arme Donezk war im Achtelfinale ja auch mit 0:7 nach Hause geschickt worden. Doch zuletzt war unmerklich Sand ins Bayern-Getriebe gerieselt, vorn wie hinten. Noch in der Stunde des Triumphes, die hautenge Armani-Hose - an der Naht geplatzt - bedeckte ein Pullover, erinnerte Pep Guardiola daran, dass es seinen Männern zuletzt ja schwer gefallen sei, Chancen zu kreieren.

Gegen Porto brach das schematische Bayern-Spiel auf wie die Frühlingssonne nach einem langen Winter. Vor allem der Spanier Thiago spielte, als wolle er in einem einzigen Spiel all die versäumten Europapokalnächte wieder aufholen. Monatelang hatte er gefehlt, das Knie, nun scheint es zu halten. Gestern zeigte er, warum gerade seine Personalie von solch entscheidender Bedeutung für diese Bayern ist.

Thiago - ein Ribery und Schweinsteiger zugleich

Denn neben seiner ausgefeilten Technik verfügt Thiago über die Leidenschaft eines Franck Riberys und sucht, wie Bastian Schweinsteiger, selbst tief in des Gegners Strafraum den Abschluss. Wenn es einen emotionalen Führer dieses 6:1 gegeben hat, so war es der Spanier Thiago, Guardiolas Lieblingsspieler. Unterstützung erhielt er diesmal vom kaum minder furiosen Juan Bernat, der sich auf der linken Seite immer mehr zum zweiten Lizarazu entpuppt, klein an Wuchs, groß an Technik und Herz. Flankiert wurden sie diesmal von Lewandowski, der seit der Absenz der verletzten Robben und Ribery viel besser ins Spiel integriert ist und plötzlich aufblüht.

Es sind also nicht die üblichen Verdächtigen gewesen, die dieser Europapokalnacht ihren Stempel aufdrückten. Von einer Stabübergabe kann freilich noch keine Rede sein. Noch fehlen Robben wie Ribery, vor allem dann, wenn nicht das Adrenalin alle Bayern-Beine beschleunigt. Immer wieder vermögen sie mit ihrem Dribbling Räume zu schaffen, wenn eine Partie festgefahren ist.

Guardiolas Zauber, er wirkt noch

Guardiola wird vorerst die Gewissheit reichen, dass er auch ohne beide eine konkurrenzfähige Elf auf Feld bringen kann. Auch gegen große Gegner. Er wusste, wie groß die Bedeutung dieses Sieges war. Ausgelaugt wirkte er auf der Pressekonferenz. Ein großes Spiel als Rückversicherung dass sein Zauber noch wirkt, hatte auch er gebraucht. Nun steht er wieder im Halbfinale. Nun steht Bayern wieder im Halbfinale.

Noch in der Nacht nach dem Spiel erklärte übrigens Vorstandschef Rummenigge: "Ich habe gestern mit Mull telefoniert. Wir schätzen ihn menschlich und fachlich, er bleibt Teil der Bayern-Familie." Schon erstaunlich, was 90 Minuten alles bewirken können.

In München.

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