FC Bayern München Spielt die Mannschaft gegen Klinsmann?


Es knackt und knarzt an allen Ecken und Enden: Beim FC Bayern München wird es nach dem Aus im Pokal auch für Jürgen Klinsmann immer ungemütlicher. Der schwache Auftritt in den ersten 70 Minuten gegen Leverkusen erhärtet den Verdacht, dass das Team gegen den Trainer spielt.
Von Klaus Bellstedt

In der Düsseldorfer LTU-Arena beim DFB-Pokal-Spiel der Bayern gegen Bayer Leverkusen lief die 63. Minute - 120 Sekunden zuvor hatte die Werkself in ihrem Ausweichstadion durch den Chilenen Arturo Vidal gerade das 2:0 erzielt - als sich zwischen Bayern-Ersatzbank und Spielfeld eine höchst bemerkenswerte Szene abspielte. Der von Jürgen Klinsmann gegen Leverkusen zum Auswechselspieler degradierte Bastian Schweinsteiger zog sich für seinen in kürze bevorstehenden Einsatz in aller Seelenruhe das Trikot über. Und: Er lächelte dabei milde und ja, Schweini fand sogar noch die Zeit, ein bisschen mit den anderen Auswechselspielern zu flachsen. So also sehen derzeit Bayern-Spieler aus, die in einem Pokal-Viertelfinalspiel bei Rückstand der eigenen Truppe auf ihren Einsatz brennen.

Gestört in der eigenen Wahrnehmung?

Hätte Jürgen Klinsmann die allzu lockere Vorbereitung seines einstigen Lieblingsspielers aus seligen Sommermärchenzeiten mitbekommen, was hätte der Trainer seinem Schützling wohl gesagt? Hätte er seinen Ersatzspieler am Schlafittchen gepackt? Wohl Kaum. Hätte er ihm ordentlich die Leviten gelesen? Eher nicht. Klinsmann hätte wahrscheinlich zurückgelächelt. Er lächelt viel in diesen Tagen, in denen das von ihm trainierte Münchener Starensemble immer tiefer in die Krise schlittert. Erst vier mickrige Punkte in der Bundesliga-Rückrunde, dazu jetzt das Aus im DFB-Pokal-Viertelfinale in Leverkusen, in dem der FC Bayern München über 70 Minuten regelrecht vorgeführt wurde.

Der in die Enge getriebene Klinsmann verweist nach Spielen wie in Bremen (0:0) oder in Düsseldorf gerne auf seine makellose Champions-League-Bilanz. Aber nach einer über weite Strecken peinlichen Vorstellung gegen Bayer Leverkusen einen Satz wie den folgenden ins Premiere-Mikrofon zu sprechen, lässt einen arg an Klinsmanns eigener Wahrnehmung zweifeln: "Die Qualität hat die Mannschaft schon x-mal gezeigt. Sie kann mit jeder Mannschaft in Europa mithalten." Wenn sich Klinsmann da nicht mal gewaltig täuscht. Oder etwa nicht? Vielleicht hat Klinsmann ja doch Recht, nur dann müsste man den 70-minütigen Auftritt der Bayern gegen Leverkusen ganz anders werten: Spielt da etwa eine Mannschaft gegen ihren eigenen Trainer? Plötzlich erscheint auch der flachsende Schweinsteiger in einem ganz anderen Lichte.

Das eigene Gesicht wahren

Fakt ist, dass der amtierende Pokalsieger 70 Minuten lang den Nachweis seiner Klasse schuldig blieb. Während die Leverkusener entschlossen in die Zweikämpfe gingen und eine hohe Laufbereitschaft demonstrierten, fehlten den Aktionen der Bayern ohne den grippekranken Philipp Lahm und den an der Achillessehne verletzten Torjäger Luca Toni Tempo und Biss. Spieler wie Oddo, Borowski oder auch Demichelis ließen, zumindest gegen Bayer, den Nachweis ihrer Erstligatauglichkeit vermissen. Drei Totalausfälle, die gegen die "Anti-Trainer-These" sprechen.

Dafür spricht hingegen die Tatsache, dass die Klinsmann-Elf (besser gesagt Teile von ihr) erst nach dem 0:3 durch Helmes in der 70. Minute angefangen hat, Fußball zu spielen. Weil einzelne ihr eigenes Gesicht wahren wollten? Weil sie sich nicht weiter abschlachten lassen wollten? Wie anders ist zu erklären, dass eine Mannschaft innerhalb von zwei Minuten zwei Tore schießt und einen bis dahin klar dominierenden Gastgeber plötzlich in Bedrängnis bringt? Zweifel am Charakter des Teams sind in jedem Fall mehr als angebracht.

Es wird weiter gelächelt

So ist es wahrscheinlich eine Mischung aus beidem: Teile der Mannschaft wollen lieber heute als morgen Klinsmann als Trainer loswerden, auch weil sie Zweifel an seinen Übungsleiter-Qualitäten haben. Wie gegen Bremen im Pokal wieder nur mit einer nominellen Spitze (Klose) spielen zu lassen, heißt Wasser auf die Mühlen dieser Kritiker zu gießen. Hinzu kommen die schon aufgelisteten und teilweise eklatanten Defizite einzelner Akteure in der aktuellen Bayern-Mannschaft. Es knarzt und knackt - an allen Ecken und Enden. Und die Rolle von Jürgen Klinsmann wird dabei immer bedauernswerter. Auch weil er sich selbst so ungeschickt verhält.

Ein letztes Beispiel: Nach dem Spiel gegen Leverkusen verschaffte der Trainer seinen Spielern noch schnell ein schickes Alibi für die gezeigte Leistung, indem er sagte, dass man Vorstellungen wie jene beim 5:0 in der Königsklasse in Lissabon nicht alle drei Tage von Bayern München erwarten könne. Schweinsteiger und Co., sie werden vermutlich weiter lächeln.


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