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FC Schalke 04 vor dem Pokalfinale: Eine gute Chance, sich alles zu versauen

Der FC Schalke 04 geht als hoher Favorit in das DFB-Pokalfinale gegen den MSV Duisburg. Aber der Druck ist immens. Sechs Niederlagen in Serie sind eine schwere Hypothek. Trainer Rangnick wirkt ratlos.

Von Andreas Morbach, Gelsenkirchen

Auf das Erbe seines Vorgängers trifft Ralf Rangnick seit seinem Neustart beim FC Schalke naturgemäß an allen Ecken und Enden - sogar auf dem Pokalendspiel gegen Zweitligist Duisburg hat Felix Magath eine kleine persönliche Duftmarke hinterlassen. So trieb der einstige Trainer-Manager, bei Königsblau immerhin schon vor über zwei Monaten vom Hof gejagt, gleich nach dem Halbfinalsieg beim FC Bayern Anfang März die Reiseplanungen für das nationale Cup-Finale voran - und ließ bereits für Mittwochnachmittag einen Flug nach Berlin buchen.

75 Stunden Vorlauf zum eigentlichen Ereignis sind rekordverdächtig, ändern wollte Chef-Übungsleiter Rangnick daran aber nichts mehr. Zudem haben drei lange Tage und Nächte in der Hauptstadt ja auch etwas Gutes: Mit dem Tapetenwechsel haben die Schalker die Chance, ihre Vergehen der letzten Wochen mal jenseits des eigenen Reviers zu betrachten. Denn die sportlichen Referenzen, die sie am Samstagabend mit ins Olympiastadion schleppen, sind niederschmetternd: Zuletzt setzte es sechs Niederlagen am Stück, allesamt fast widerstandslos hingenommen.

Deshalb ist das frühe Glücksgefühl des Trainers, der seiner erklärten Leidenschaft Schalke 04 zum zweiten Dienstantritt anfangs vier Siege, darunter die epochalen Triumphe über Inter Mailand schenkte, längst einem mächtigen Kater gewichen. Und so erlebt der Revierklub in diesen Tagen einen Cheftrainer, der angespannt ist wie einst beim Mobbing des Ex-Managers Rudi Assauer bei Rangnicks erster Schalke-Schleife.

"Wir werden jetzt sicher nicht die Favoritenrolle abgeben. Aber die Leistungen, die wir in den letzten zwei Bundesligaspielen gezeigt haben, werden nicht ausreichen, um das Pokalfinale zu gewinnen", schlägt Horst Heldt nun Alarm, schließlich weiß der Manager: "Duisburg kann befreit aufspielen, wir dagegen haben alles zu verlieren." Vor allem die allerletzte Chance, am Ende dieser bizarren Saison – mit dem Erreichen des Champions-League-Halbfinals einerseits, Liga-Rang 14, der schlechtesten Platzierung seit 17 Jahren, andererseits - wenigstens noch den Hüpfer in die Europa League hinzubekommen.

Schalke zeigt wieder Siegeswillen

"Wir wissen, was auf dem Spiel steht", umreißt Kapitän Manuel Neuer vor seinem mutmaßlich letzten Spiel vor dem Wechsel nach München den Ernst der Lage. Nach seinem persönlichen Gala-Auftritt im Königsklassen-Halbfinale gegen Manchester United ließ sich auch der Keeper mitunter von den fehlerhaften Darbietungen seiner Teamkollegen infizieren. Und ähnlich wie Offensivstar Raúl, der seinen immensen Frust über den Schalker Absturz beim letzten Punktspiel in Köln mit jeder stummen Geste an seine Mitspieler offenbarte, wirkte Neuer zuletzt extrem unzufrieden.

"Wir müssen gewaltig aufpassen, mir fallen da ein paar Sachen auf. Was genau, sag' ich jetzt lieber nicht", mäkelte der 25-Jährige schon vor dem Köln-Spiel warnend in Richtung der eigenen Kollegen. Immerhin: In den letzten 20 Minuten vor der Pokal-Generalprobe zeigte Rangnicks Personal erstmals seit Wochen wieder so etwas wie Siegeswillen. So könnte zumindest das Timing stimmen - zumal der Schuldenberg-Klub mit der Vertragsverlängerung mit Hauptsponsor Gazprom bis 2017 unter der Woche bei den Finanzen schon einen wichtigen Schritt nach vorn gemacht hat.

Schwer genug wird es Ralf Rangnick bei seinem Plan, Schalkes inhomogenen und viel zu großen Kader umzukrempeln, ohnehin haben. Gefallen haben dem aktuell arg ratlosen Schwaben, der nach seinem Rücktritt in Hoffenheim ursprünglich erst zur neuen Saison wieder ins Geschäft einsteigen wollte, der unter seiner Leitung rasch gesicherte Klassenerhalt sowie die Highlights gegen Mailand.

"Jetzt müssen wir im Pokalfinale den dritten Schritt machen, bevor mein eigentlicher Auftrag beginnt", erklärt Rangnick, für den es nach dem Erfolg im Württembergischen Pokal mit dem SSV Ulm vor 14 Jahren der erste große Titelgewinn als Trainer wäre. Von einem Sieg über Duisburg sei er "absolut überzeugt", betont der 52-Jährige. Während sein Spannmann Horst Heldt lieber die Hände faltet. "Zuletzt haben sich unsere Spieler ja ein bisschen ausgeruht", lästert Schalkes Manager - ehe er sich nach Kräften selbst beruhigt. "Wir haben", findet er, "ja schon eine Mannschaft, die bei manchem großen Spiel gezeigt hat, wozu sie in der Lage ist."

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