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Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel: Champion mit "Arschloch"-Gen

Sebastian Vettel ist zum vierten Mal hintereinander Weltmeister in der Formel 1. Aber beliebter macht ihn der Titel nicht. Der Deutsche hat ein Imageproblem - teilweise selbst verschuldet.

Von Klaus Bellstedt

Es ist vollbracht. Sebastian Vettel ist wieder Formel-1-Weltmeister. In Indien hat er seinen vierten Titel in Folge perfekt gemacht. In der Formel-1-Historie steht er jetzt auf einer Stufe mit Juan Manuel Fangio und Michael Schumacher. Auch sie schafften das WM-Quadruple. Aber Vettel hat den beiden Legenden des Rennsports eine Sache voraus: Im Kreis der Vierfach-Weltmeister ist er mit 26 Jahren der Jüngste. Schumacher war 32, als er 2001 auf dem Hungaroring zum vierten Mal triumphierte, Fangio sogar schon 45.

Man kann den alten und neuen Weltmeister nicht oft genug loben: Vettel hat die Konkurrenz in dieser Saison in Grund und Boden gefahren. Selten hat ein Fahrer die Formel 1 so dominiert und auf Distanz halten können. Auch diesbezüglich werden Erinnerungen an Schumacher und dessen beste Jahre wach.

Vettel und Schumacher, die beiden eint auch sonst einiges. Zum Beispiel dieser unbändige Ehrgeiz, die eigenen Fähigkeiten kontinuierlich zu verbessern. Christian Horner, Teamchef bei Red Bull, hat über den jetzt Vierfach-Champion einmal folgenden treffenden Satz gesagt: "Sebastian ist wie ein Schwamm. Er kann nie genug Input bekommen. Das ist eines seiner Erfolgsgeheimnisse." Adrian Newey, der geniale Konstrukteur der Red-Bull-Autos, betont stets Vettels Hang zur Perfektion: "Er ist oft noch spät am Abend in der Box, schaut sich die Daten an und arbeitet mit den Ingenieuren. Er sieht sich auch oft seine eigenen On-Board-Aufnahmen und vergleicht seinen Fahrstil mit dem der anderen Fahrer. Er versucht, jede noch so kleine Information für sich zu nutzen." Gierig, triebhaft, besessen: Schumacher war das auch.

"Wer nur Vorfahrt gibt, gewinnt nicht"

Manchmal zeigt sich auch die dunkle Seite von Vettels Ehrgeiz. So wie beim diesjährigen Großen Preis von Malaysia in der frühen Phase der Saison. Dort hatte er kurz vor Schluss entgegen der Order vom Red-Bull-Kommandostand seinem Teamkollegen Mark Webber mit einem beinharten Überholmanöver auf den letzten Metern noch den Sieg entrissen und seinen ersten Grand-Prix-Erfolg in der neuen Saison eingefahren. Egoisten sind sie im Rennauto alle, aber so offen wie Vettel hat selten ein Formel-1-Fahrer seine brutale Seite auf der Rennstrecke gezeigt.

In einem Interview mit dem "Playboy" antwortete der 26-Jährige mal auf die Frage, ob man auf der Rennstrecke ein bisschen Arschloch sein muss: "Nicht nur ein bisschen. Es ist notwendig, denn die anderen machen es genauso. Wer nur Vorfahrt gibt, gewinnt nicht." Es sind diese Äußerungen, die Vettel im Kollegenkreis und auch bei den Formel-1-Fans nicht eben beliebter machen.

Offen, ehrlich, unsympathisch

Keine Frage: Das Image von Sebastian Vettel hat in dieser Saison ein paar Kratzer mehr abbekommen. Teilweise selbst verschuldet, teilweise ohne eigenes Zutun. Als dem Red-Bull-Piloten auf den Podien in Singapur und Monza die offene Ablehnung des Publikums entgegenschlug, war das schon überraschend – und für die Formel-1-Verhältnisse auch eher ungewöhnlich. Vettels Dominanz und die damit verbundene Langeweile in der Königsklasse des Rennsports waren die Gründe für die unfairen Buhrufe.

Am 26-Jährigen prallt diese Form der Kritik ab. Zumindest äußerlich. "Der Unterschied steckt im Detail. Wenn die anderen nach Hause gehen und die Eier in den Pool hängen, sind wir noch da und tüfteln weiter am Auto", sagte der Titelverteidiger nach dem Sieg in Singapur und begründete damit die Reaktion des Publikums. Das war mal wieder offen und ehrlich, aber eben auch ein bisschen unsympatisch. Freunde - außerhalb der eigenen Mannschaft - macht man sich so jedenfalls nicht.

Aber Vettel will auch gar nicht Everybody's Darling sein. Er ist auch so, als gnadenloser Ehrgeizling und Egomane, problemlos zum vierten Mal hintereinander Weltmeister geworden. Gelingt es ihm auch in Zukunft, mit diesem Image dauerhaft erfolgreich zu sein, kann er zu einer Legende werden. Michael Schumacher hat es vorgemacht. Der alte und neue Champion der Formel 1 muss das erst noch beweisen.

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