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Japans Trainer: Der Coup des listigen Herrn Sasaki

Trainer Sasaki wollte Japans Frauenfußball eigentlich bis 2015 in die Weltspitze bringen. Nun ist die "Nadeshiko" bereits erblüht und steht im WM-Finale. Hinter dem Erfolg steckt eine kluge Strategie.

Von Frank Hellmann, Frankfurt

Ganz artig hatten sich Yuki Nagasato und Kozue Ando vor die im Halbkreis versammelten Kolleginnen gestellt. Die Stürmerinnen von Turbine Potsdam und des FCR Duisburg ahnten aber nicht, welche Ehre ihnen da am Freitagabend nach einer Trainingseinheit der japanischen Frauenfußball-Nationalmannschaft noch zuteil werden würde. Der Teamadministrator Kaori Yamada schleppte zwei riesige Pappschachteln herbei, sodann stimmten Spielerkader und Trainerstab ein lautes "Happy Birthday" an. Yuki Nagasato war an jenem Tag 24, Kozue Ando sechs Tage zuvor 29 Jahre alt geworden, und wie es offensichtlich auch in Japan üblich ist, gab es dafür eine riesige Torte, die noch auf dem Rasen ausgepackt und angeknabbert wurde. Die vielen Kamerateams und Fotografen auf dem Sportgelände an der Babenhäuser Landstraße direkt am Frankfurter Stadtwald nahmen die ulkigen Motive gerne auf, und die Berichterstatter genüsslich Aussagen wie diese von Yuki Nagasato: "Der Kuchen ist sehr schön und schmeckt gut. Aber ich esse ihn nicht alleine auf." Dann setzte die Ulknudel im Team der "Nadeshiko", der Prachtnelke", wieder ihr blumiges Lächeln auf.

Es herrscht also gute Laune im japanischen Lager so kurz vor dem historischen Finale dieser Frauenfußball-WM gegen die USA (Sonntag 20.45 Uhr). "Es ist wichtig, konzentriert zu bleiben", beschied der Nationaltrainer Norio Sasaki, "aber es ist ganz wichtig runterzukommen und zu entspannen. Wir sind gerade sehr glücklich." Das Grinsen des 53-Jährigen verriet, dass diese Worte bewusst gewählt waren, und Sasaki war auch so höflich, sich bei den fast 250 Kindern zu bedanken, die raus an den Frankfurter Stadtwald gekommen waren, um die Übungseinheit vor dem Finale zu begleiten. Sie stammen aus der Japanischen Internationalen Schule in Frankfurt, und während ihre Eltern artig draußen vor dem umzäunten Gelände verharrten, spazierten die junge Schüler fröhlich um die Tartanbahn und riefen ein lautes "Ganbatte!". Hängt euch rein, strengt euch an, heißt das in der Übersetzung, und auch diese Geste war ein schönes Zeichen an einem lauen Sommerabend.

"Wir haben in dieser Mannschaft eine große Solidarität"

So harmonisch also das Umfeld, so harmoniesüchtig auch das Ensemble. Nachdem Sasaki in Erwartung der amerikanischen Spielweise fast eine Stunde lang seine Torhüterin Ayumi Kaihori und seine Abwehrspielerinnen Saki Kumagai und Azusa Iwashimizu mit hohen Flanken eingedeckt hatte (die entweder die Torfrau abfangen oder die Verteidigerinnen wegschlagen musste), halfen am Ende beim Tragen des Trainingstors alle 21 Kaderkräfte. Selbst Kapitänin Homare Sawa beeilte sich noch, mit anzupacken. "Wir haben in dieser Mannschaft eine große Solidarität", glaubt Sasaki, "damit haben wir Deutschland und Schweden besiegt, jetzt soll uns das auch helfen, die Nummer eins in der Welt zu schlagen." Mittlerweile ist sogar Fifa-Boss Sepp Blatter davon überzeugt, der ein Duell "von Ost nach West" in der weiblichen Sparte herrlich findet und die Japanerinnen lobt: "Das war kein Glück, sie sind auf dem Weg nach vorne."

Deren Entwicklungshelfer Sasaki sagt bei jeder Gelegenheit, dass es aber in diesem Jahr wegen des verheerenden Erdbebens in der Heimat um mehr geht. "Unser Land hat durch die Katastrophe viel mitgemacht. Wir wollen den Opfern mit unseren Leistungen helfen, eine kleine Hilfestellung geben und ein bisschen Mut machen." Sasaki hat sich bisher der emotionalen Triebfeder bedient, seinen Auserwählten Sequenzen von explodierten Atomreaktoren, ausgelöschten Städten und verängstigten Menschen zu zeigen. Nun winkt aber noch eine andere Motivation. Verbandspräsident Junji Ogura hat mittlerweile eine Titelprämie bewilligt: 13.340 Euro soll es dafür pro Spielerin geben. Eine große Summe für die Geringverdiener.

Die Kraft der Nadeshiko

Trainer Sasaki, bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking noch den Deutschen im Spiel um Platz drei unterlegen, verfolgt seit Längerem einen klaren Plan: Jedes Training läuft zwar mit viel Gelächter ab, folgt aber auch einem strengen Muster, sonst würde der höfliche Chef seinen kahlköpfigen Assistenten Satori Mochizuki nicht so viele Stangen und Hütchen verteilen lassen. Die Spielformen sehen einfach aus und scheinen doch so schwierig. Experten ziehen vor der Umsetzung von Theorie in Praxis längst den Hut - die Technische Studiengruppe der Fifa hat den kleinen Japanerinnen riesengroße Kränze geflochten für den Showdown gegen die US-Girls. "Sie spielen in hohem Tempo mit nur ein, zwei Kontakten. Sie denken immer voraus, sie halten das Spiel eng, während es die Amerikanerinnen lieber breit machen", lobte etwa die ehemalige Bundestrainerin Tina Theune. Auch ihre Kollegin, die frühere amerikanische Nationaltrainerin April Heinrichs, kam aus dem Schwärmen nicht hinaus: "Das ist die mutigste und mitreißendste japanische Mannschaft, die ich je gesehen habe. Früher waren sie zurückhaltend, heute sind sie aggressiv. Und jede Spielerin ist eine Meisterin am Ball."

Man dürfe, so April Heinrichs, sehr wohl Parallelen zwischen dem FC Barcelona (Männerfußball) und Japan (Frauenfußball) ziehen. Im Land des Lächelns hört das zwar niemand so gern, aber selbst Verbandspräsident Ogura referiert dieser Tage gerne über die Fortschritte. "Japanische Sportlerinnen waren bislang im Judo, Ringen oder im Marathon reif, ein Champion zu werden, nun sind es auch unsere Fußballerinnen." Ganz zufällig kommt das nicht, und dieser Erfolg fällt auf den Vordenker Sasaki zurück, der einst ein Buch geschrieben hat. Titel: "Die Kraft der Nadeshiko". Japaner sprechen von Nadeshiko, wenn sie über das weibliche Ideal sinnieren. Der listige Schriftsteller Sasaki aber verfasste ein Werk, um detailliert die Planungen darzulegen, wie das weibliche Nationalteam bis 2015 in einen titeltauglichen Zustand gelangt.

"Wir mussten schon als Kinder mit den Jungs spielen"

Drei Hauptziele tauchen darin auf: Den Frauenfußball mit seinen bislang erst 37.000 Fußballerinnen zur Hauptsportart zu machen, den Nachwuchs so zu fördern, dass Japan unter die ersten Fünf der Welt kommt und, drittens, einzelne Weltklassespielerinnen hervorzubringen. Dabei hilft, dass das aktuelle Ensemble zum einen intern bestens ausgebildet ist (Stürmerin Nahomi Kawasumi: "Wir haben schon im Kindesalter immer mit den Jungs spielen müssen"), zum anderen aber auch extern von den Auslandserfahrungen seiner Besten profitiert (Spielmacherin Homare Sawa: "Ich bringe alles ein, was ich den USA gelernt habe").

So sind aus den Fiktionen schon Fakten geworden, anders ist auch die Eloge der Amerikanerin April Heinrichs nicht zu deuten: "Die Japanerinnen pflegen ihren Stil seit 10, 15 Jahren. Jetzt aber haben sie ein Angriffsspiel entwickelt, das Maßstäbe setzt. Von Fußballerinnen, die vielleicht ein Tausendstel von dem Einkommen eines männlichen Stars verdienen." Die 47-jährige Gelehrte aus der prägenden Großmacht des Frauenfußballs ahnt wohl, dass es ungeachtet der Historie - die Japanerinnen haben in 25 Vergleichen gegen die USA nur drei Unentschieden geholt und 22 Mal verloren - gute Argumente für eine Wachablösung am Sonntag gibt.

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