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Frauenfußball: Japan ist Weltmeister: Balsam für ein geschundenes Land

Japan ist Weltmeister. Auch im Finale gegen die USA verblüfften Nippons Töchter – ausnahmsweise aber nicht mit Frauenfußball vom anderen Stern.

Von Klaus Bellstedt, Frankfurt/Main

Bundestrainer Silvia Neid rutschte Mitte der zweiten Halbzeit immer tiefer in ihren Sitz oben auf der Tribüne in der Frankfurter WM-Arena. Manchmal schüttelte sie auch ungläubig ihren blondierten Schopf und blickte verdutzt zu ihrer Nachbarin, Grünen-Chefin Claudia Roth. Die umstrittene Bundestrainerin hatte zwar schon selber leidvolle Erfahrung mit einem der beiden Endspielkontrahenten gemacht, aber das, was Neid im Finale von den Amerikanerinnen zu sehen bekam, war dann doch noch mal eine andere Qualität. Im Vergleich dazu war die DFB-Auswahl von den Japanerinnen im Viertelfinale fast noch schonend behandelt worden.

Die US-Girls hatten sich ihre beste Leistung bei diesem Turnier bis zum Schluss aufgehoben. Es war beeindruckend, wie sehr die Mannschaft um Weltklassestürmerin Abby Wambach die Japanerinnen beherrschte. Aber der zweifache Weltmeister, der so gerne mit dem dritten Titel seine Vormachtstellung im Frauenfußball zurückerobert hätte, hielt die Asiatinnen nicht nur klug in Schach, das US-Team arbeitete sich beinahe im Minutentakt auch hochkarätige Torchancen heraus. Eine Angriffswelle nach der anderen rollte auf Japans Torhüterin Ayumi Kaihori zu. Drei, vielleicht auch vier Treffer hätten die USA locker erzielen können. Als Silvia Neid vor Anerkennung auf ihrem Sessel ehrfürchtig abtauchte, stand es allerdings erst 1:0. Das Führungstor hatte die eingewechselte Alex Morgan in der 69. Minute erzielt.

Die "Prachtnelke" zeigt sich standhaft

Japans Frauenfußball-Nationalmannschaft wird in der Heimat "Nadeshiko" ("Prachtnelke") genannt. Aber spielerisch prächtig traten sie im WM-Finale nie auf. Dabei hatten genau das alle erwartet. Wie dieses Kollektiv bei diesem Turnier kombiniert hatte, erinnerte zeitweise an die Ballstafetten des FC Barcelona. So war es bisher gewesen. Im Endspiel war davon wenig bis gar nichts zu sehen. Keine Spur von den enormen technischen Fähigkeiten, nichts war es mit dem gefürchteten Kurzpass-Spiel. Nippons Töchtern fehlte es in der Vergangenheit oft an Cleverness und Zielstrebigkeit. Diese Zeiten schienen seit Beginn des WM-Turniers überwunden. Nun hatte die Japanerinnen die eigene Vergangenheit aber wieder eingeholt.

Dass sie nach einem spektakulären WM-Finale mit Verlängerung und Elfmeterschießen doch als Weltmeisterinnen vom Platz tanzten, lag an ihrer Einstellung. Zwei Mal egalisierte die Mannschaft von Trainerfuchs Norio Sasaki einen Rückstand. Einmal kurz vor Ende der regulären Spielzeit durch ein Tor von Aya Miyama (81.), beim 2:2 glich die beste Spielerin des Turniers, Homare Sawa, die neuerliche Führung der Amerikanerinnen durch Abby Wambach drei Minuten vor dem Ende der Verlängerung aus. Der Wille, ihre Moral und das Vertrauen in die eigenen Stärken waren den Japanerinnen trotz der spielerischen Unterlegenheit niemals abhanden gekommen.

"Das ist gut für unser Land"

"Wir haben immer an uns geglaubt, deshalb ist es auch nicht unverdient, dass wir gewonnen haben", sagte Homare Sawa, mit fünf Treffern auch beste Torschützin dieser WM, hinterher. Japan hat das Finale nicht im Elfmeterschießen, in dem sich die US-Girls drei Fehlschüsse leisteten, sondern davor gewonnen. Die Leistung des Abends bestand darin, sich nicht aufgegeben zu haben. "Immer weitermachen! Immer weiter! Immer weiter!", Oliver Kahn hätte, wenn er denn in Frankfurt anwesend gewesen wäre, seine wahre Freude an den Kämpferinnen gehabt, die normalerweise Hochbegabte sind.

Jetzt sind sie Weltmeister. Und keine Mannschaft hat es mehr verdient als Japan. "Was wir gemacht haben, ist gut für unser Land", sagte Norio Sasaki hinterher noch. Der Coach hatte seinen Spielerinnen vor dem Deutschland-Match TV-Bilder aus den von der Katastrophe in Fukushima betroffenen Regionen gezeigt. Tief berührt sollen sie gewesen sein. Von da an, auch das verriet der Trainer noch, soll alles wie von selbst gelaufen sein. Sasaki verzichtete selbst vor dem Endspiel auf die obligatorische Motivationsansprache. Die Spielerinnen wollten diesen Titel vor allem für ihr leidgeprüftes Heimatland gewinnen.

Im Gegensatz zu Birgit Prinz und Co., die unter den hohen Erwartungen ächzten, durchliefen die Japanerinnen das WM-Turnier völlig ohne Druck. Das merkte man ihnen selbst in der Stunde des größten Triumphes noch an. Ihre Freude war aufrichtig, sie kam aus tiefsten Herzen. Fast schien es so, als sei es ihnen peinlich, neuer Weltmeister im Frauenfußball zu sein. Der bescheidene, fast kindliche Jubel dieser sympathischen Japanerinnen über das Erreichte wird länger in Erinnerung bleiben als jeder Luxus-Konfettiregen oder das Feuerwerk zum Abschluss der WM über dem Stadiondach. Auch Silvia Neid war ganz angetan. Sie war ergriffen. Die Bundestrainerin jubelte von oben den Japanerinnen zu - wie übrigens auch zahlreiche Nationalspielerinnen, die das Finale auf der Tribüne verfolgten. Das war eine schöne Geste.

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