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Aus für DFB-Team bei Frauen-WM: Kopflos ins Verderben

Die deutsche Frauen-Nationalmannschaft ist bei der WM vorzeitig ausgeschieden. Die Niederlage gegen Japan war vor allem eines: selbstverschuldet. Der Hauptvorwurf geht an die Trainerin.

Von Klaus Bellstedt, Wolfsburg

Um Punkt 23.15 Uhr war der Traum vom Sommermärchen reloaded wie eine Seifenblase geplatzt. Der WM-Titel war vom DFB ja ganz offensiv als Ziel ausgegeben. Jetzt lagen die deutschen Fußballdamen, entweder weinend oder kopfschüttelnd, auf dem Rasen der Wolfsburger WM-Arena und konnten ihr Ausscheiden gegen Japan einfach nicht fassen: kein Finale in Frankfurt, kein Empfang der Weltmeisterinnen auf dem Römerberg, kein Autokorso. Stattdessen hatte sie das überraschende Viertelfinal-Aus in der niedersächsischen Provinz ereilt. War das bitter. Und jetzt war auch noch der DFB-Präsident im Begriff, zur Mannschaft zu drängen. Aber erst war Silvia Neid dran.

Theo Zwanziger stand noch Minuten nach dem Abpfiff der guten Schiedsrichterin Quetzzalli Alvarado aus Mexiko am Spielfeldrand und redete wild gestikulierend auf die Bundestrainerin ein. Das war insofern bemerkenswert, als dass der DFB-Präsident in der Szene nicht gerade als Temperamentsbolzen bekannt ist. Aber jetzt juckte es ihn. Zwanziger hat früher selber mal Fußball gespielt. Beim VfL Altendiez gab Deutschlands höchster Fußballfunktionär in den späten 60er Jahren sogar den Spielmacher. "So muss man das machen, oder so, oder so, verdammt noch Mal, Silvia. Das kann doch nicht so schwer sein." Der Monolog des DFB-Bosses könnte diesen Wortlaut gehabt haben. Die Bundestrainerin widersprach in dieser Szene jedenfalls nicht. Sie nickte nur stumm.

Die Deutschen rannten sich fest

Es war aber auch wirklich zum Verzweifeln. Die deutsche Mannschaft rannte an diesem schwül-warmen Abend in Wolfsburg so viel wie noch nie bei dieser WM. Sie rannte an. Und sie rannte sich fest. Optisch war das DFB-Team im Viertelfinale gegen Japan über die gesamten 120 Minuten haushoch überlegen. Sage und schreibe 23 Torschüsse feuerte die deutsche Offensive ab. Dem gegenüber standen nur neun Versuche des Gegners. Unglaubliche 20 ruhende Bälle resultierend aus Standardsituationen segelten im hohen Bogen in den gegnerischen Strafraum. Trotzdem hieß es nach Verlängerung 0:1 durch das Tor von Karina Maruyama aus der 108. Minute. Warum das Ergebnis trotzdem nicht unverdient war, lässt sich anhand einer weiteren Zahl gut erklären. Mit 54 Prozent hatten die vor allem in der Defensive optimal gestaffelten Japanerinnen insgesamt mehr Ballbesitz.

Japan ist das Barcelona des Frauenfußballs. Das Team ist spielerisch enorm stark und ballsicher. Aber die körperlich unterlegenen Japanerinnen brauchten ihre Kombinationsmaschine gegen Deutschland ja nicht mal richtig anzuwerfen. Sie liefen Grings, Garefrekes und Co. einfach davon. Es war klar: Je länger das Spiel andauern würde, desto schwerer würde es für die Mannschaft werden, die gegen Frankreich zum Abschluss der Gruppenphase ihren Fans noch so viel Freude bereitet hatte. Die Art und Weise, wie dann das Tor zustande kam, war bezeichnend. Nach einem öffnenden Pass der überragenden Kapitänin Homare Sawa zu Karina Maruyama, startete die einfach durch, ließ rechts Saskia Bartusiak stehen und überwand Torfrau Nadine Angerer aus spitzem Winkel. So einfach ist Fußball - einfach und grausam.

Ohne Überzeugung und Konzept

Dem deutschen Spiel fehlte es gegen die wuseligen und kampfstarken Japanerinnen aber nicht nur an Durchschlagkraft, sondern auch an der nötigen Überzeugung - und an einem Konzept. Dieser Vorwurf geht an die Adresse der Bundestrainerin, deren Erklärungsversuche hinterher allesamt irgendwie ins Leere griffen. Ja, die Verletzung von Kim Kulig, die sich in der Anfangsphase der Begegnung schwer am Knie verletzte und mit Verdacht auf Kreuzbandriss ausgewechselt wurde ("Das war ein echter Schock, das hat das gesamte Team verunsichert"), traf die Mannschaft natürlich schwer. Aber sie war nicht spielentscheidend. Zumal die defensive Mittelfeldakteurin im letzten Spiel gegen Frankreich, aus Furcht sie könne die zweite Gelbe Karte bekommen, gar nicht auf dem Platz stand - und die DFB-Auswahl auch ohne Kulig 4:2 gewann. Ein Ausfall der Regisseurin Celia Okoyino da Mbabi hätte Deutschland vermutlich viel schlimmer getroffen.

Viele fragten sich hinterher, warum Silvia Neid ihrer Mannschaft gegen Japan ohne Not ein anderes Gesicht verpasst hatte und auf drei Positionen wechselte. Gegen Frankreich wurde das Offensivspiel nicht zuletzt wegen Lira Bajramaj und Kerstin Garefrekes, den beiden Flügelspielerinnen, endlich dynamischer. Variabilität und Unberechenbarkeit, das waren die Schlüssel zum Erfolg gegen Frankreich, nach dem der Traum vom WM-Titel plötzlich wieder zum Greifen nah erschien. Nun, gegen Japan, blieb Bajramaj über 120 Minuten draußen. Ihr auch technisch hochanspruchsvolles Spiel hätte der oft blind anrennenden deutschen Mannschaft gut getan. "Ich mache mir keine Vorwürfe", sagte Silvia Neid hinterher. "So ist das eben wenn die Nummer zwei der Welt auf die Nummer vier trifft. Da entscheiden Nuancen." Aber so einfach ist es natürlich nicht.

"Ich mache mir noch keine Vorwürfe"

Never change a winning team, so heißt ein Grundsatz aus der Welt des Sports. Für Silvia Neid galt er in Wolfsburg nicht. Die Bundestrainerin wirkte angeschlagen nach dem Ausscheiden ihrer Mannschaft. Sie wirkte fahrig, unsouverän. Ein Journalist wurde oberlehrerhaft abgekanzelt. Vielleicht muss man das verstehen. Vielleicht hat Neid - schneller als alle denken - realisiert, dass auch sie Fehler gemacht hat. Eine Aussage deutete daraufhin. Schon etwas später auf der Pressekonferenz korrigierte sie sich nämlich. "Ich mache mir im Moment noch keine Vorwürfe", sagte sie. Das hörte sich schon etwas weniger trotzig an. Ihr Fazit wollte die 47-Jährige aber nicht überdenken: "Ich bleibe dabei, die Japanerinnen sind heute unverdient weitergekommen." Diese Meinung hat sie allerdings exklusiv.

"Wir haben die richtige Wolke erwischen". Dieses Zitat stammt vom großen Hans-Hubert, genannt "Berti", Vogts. Noch heute erklärt der ehemalige Trainer der deutschen Nationalmannschaft so den EM-Erfolg des DFB-Teams 1996 in England. Bei der Frauen-WM 2011 schien die deutsche Mannschaft nach dem 4:2-Erfolg gegen Frankreich so gerade noch die richtige Wolke erwischt zu haben. Umso ärgerlicher, dass sie jetzt doch ausgeschieden ist. Trotzdem war das Aus auch logisch. Einerseits lag es an einem starken Gegner, andererseits an den deutschen Spielerinnen und ihrer Trainerin. Denn klar ist auch: Eine gute Halbzeit in vier Weltmeisterschaftsspielen reicht nicht aus, um ein Sommermärchen zu feiern, geschweige denn von einem WM-Triumph zu träumen.

Theo Zwanziger hatte vor Beginn der WM Silvia Neid noch schnell mit einem frischen Vertrag bis 2016 ausgestattet. Der DFB-Präsident stärkte der Bundestrainerin auch nach dem WM-K.o. den Rücken: "Ich stehe zu meiner Entscheidung. Silvia ist das Beste, was uns passieren kann", sagte er in der Mixed Zone in den Katakomben der Wolfsburger WM-Arena weit nach Mitternacht. Kurz zuvor, als er mit Silvia Neid unten am Spielfeldrand fertig war, enterte Zwanziger schließlich auch noch den Rasen. Der DFB-Präsident hat wohl mehr als alle anderen vom dritten WM-Gewinn einer deutschen Frauennationalmannschaft geträumt. Jetzt wollte er zu den Spielerinnen und ihnen Trost zusprechen. Lira Bajramaj bekam einen Klaps auf die Wange und einen Kuss. Babett Peter wurde im Gesicht getätschelt. Angerer die Hand gegeben. So richtig wahrgenommen wurde er nicht. Der Frust der Spielerinnen war einfach zu groß.

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