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FUSSBALL: »Kaiserschelte« für den Trauer-Spieltag

Franz Beckenbauer hat die Austragung des Bundesliga-Spieltages am Wochenende scharf kritisiert. »Es hätte nur vier Tage nach dem furchtbaren Terror in Amerika kein Liga-Spiel stattfinden dürfen«.

Franz Beckenbauer hat die Austragung des Bundesliga-Spieltages am Wochenende scharf kritisiert. »Es hätte nur vier Tage nach dem furchtbaren Terror in Amerika kein Liga-Spiel stattfinden dürfen«, schreibt der »Kaiser« in seiner »Bild«-Kolumne. Nach Ansicht von Beckenbauer haben die europäischen Ligen und ihre Verantwortungsträger komplett versagt: »Europa hätte mit einem fußballlosen Wochenende ein großes Zeichen setzen können. Doch die Chance wurde vertan«.

Verwirrung

Beckenbauer selbst erlebte den Spieltag beim 1:0-Sieg des FC Bayern gegen den SC Freiburg auf der Tribüne des Münchner Olympiastadion mit. Seine Eindrücke beschrieb der FC-Bayern-Vize so: »Die Mannschaften bildeten einen Kreis, die Spieler fassten sich an der Hand, demonstrierten ihren Friedenswillen. Wären sie danach schweigend in die Kabine gegangen ohne Fußball zu spielen, wäre es eine wundervolle Geste geworden. So hat es alle nur verwirrt«.

Perverse Situation

Ähnliche Worte fanden auch viele Spieler, die mehr ihrer eigenen Verwirrung als mit ihren Gegenspielern zu kämpfen hatten. Freude und Jubel wurden zum Tabu erklärt. Oliver Kahn sprach von einer »perversen Situation«, Andreas Möller »hätte heute nicht angepfiffen«, und selbst beim souveränen Tabellenführer herrschte nur traurige Sprachlosigkeit. »Auf Grund der Vorkommnisse der letzten Tage habe ich keine Lust zu sprechen« - Andreas Brehme, Teamchef des 1. FC Kaiserslautern, sah sich am Samstag außer Stande, den 2:0-Erfolg der »Roten Teufel« beim 1. FC Nürnberg zu kommentieren.

Verhaltene Freude

Verhaltene Freude auch am Sonntagabend bei den Spielern von Hertha BSC Berlin, denen mit 2:1 (0:1) gegen den TSV 1860 München immerhin der erste Heimsieg gelang. In einem von Härte geprägten Spiel, der Berliner Alex Alves sowie die Münchener Didier Dheedene und Vidar Riseth wurden des Feldes verwiesen, drehten die Gastgeber einen 0:1- Pausenrückstand durch Paul Agostino (45.) durch das Eigentor von Filip Tapalovic (59.) und dem Treffer von Michael Preetz (79.) noch um. Torlos blieb die Begegnung zwischen Hansa Rostock und Energie Cottbus.

Die Profis beugten sich

Sieger und Verlierer gab es im Grunde keine, zu sehr beherrschte der Terroranschlag auf die USA das Geschehen. Doch die Erstliga-Profis beugten sich der Entscheidung ihrer Liga und traten an, wenngleich Wolfgang Wolf, Trainer des VfL Wolfsburg, vor dem 0:2 gegen den VfB Stuttgart Verständnis aufgebracht hätte: »Wenn einer Probleme mit diesem Spieltag hat, den stelle ich frei«.

Mit dem sechsten Erfolg in der sechsten Begegnung behielt Kaiserslautern seine »weiße Weste«, Verfolger Nummer eins sind vorerst Bayer Leverkusen (3:1 gegen den FC St. Pauli) und Titelverteidiger Bayern München, für den Giovane Elber erst in der 89. Minute zum 1:0 gegen den SC Freiburg traf.

»Das ist doch alles Quatsch«

Probleme hatten viele. Nationaltorhüter Jens Lehmann kritisierte die Trauer- und Solidaritätsmaßnahmen: »Das ist doch alles Quatsch. Entweder macht man es richtig - dann hätte nicht gespielt werden dürfen - oder gar nicht. Ich kann doch nicht meinen Gegner an den Händen fassen, und eine Minute später trete ich ihm vor die Knochen«.

Baslers Fauxpas

Ein Beispiel dafür, wie schnell sich der Alltag wieder einstellt, lieferte unterdessen Mario Basler. Zwei Jahre nach seinem Abschied vom FC Bayern München rechnete der Profi des 1. FC Kaiserslautern mit seinen früheren Kollegen und Vorgesetzten ab. »Bei Bayern misst man mit mehrerlei Maß. Ein Stefan Effenberg kann einer Frau in einer Disco in die Fresse hauen, da passiert nichts«, sagte Basler in einem Zeitungs-Interview. Es stimme nicht, dass beim Rekordmeister alle gleich behandelt würden. »Man hat mich anders behandelt als die anderen, und für Effenberg gab es noch ein Extramaß«, so Basler. Bayern-Coach Ottmar Hitzfeld konterte angesichts der Tragödie in den USA verbal: »Es gibt wichtigere Dinge, als über Aussagen von Mario Basler zu diskutieren. Das lässt den FC Bayern völlig kalt«.

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