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Fußball international: "Scheißneger" und Affengebrüll

Spanien gilt in Europa zusammen mit Italien als das Land mit der rassistischsten Fankultur. Barcelonas dunkelhäutiger Superstar Samuel Eto'o bekommt dies immer öfter zu spüren - und der Verband schaut weiter nur weg.

Von Klaus Bellstedt

Es lief die 77. Minute beim Primera-Division-Spiel zwischen Real Saragossa und dem FC Barcelona, als Samuel Eto'o am vergangenen Wochenende endgültig genug hatte. Der dunkelhäutige Stürmer war - wie schon im Vorjahr - im Romareda-Stadion von Saragossa-Fans mit Affengeschrei verhöhnt worden und wollte darauf hin das Spielfeld verlassen. "Ich spiele nicht weiter, ich halte es nicht mehr aus", sagte er und strebte festen Schrittes dem Ausgang entgegen. Die Begegnung stand am Rande des Abbruchs. Dass schließlich doch weitergespielt wurde, lag auch am Schiedsrichter.

Kurz vor Barcelonas Auswechselbank stellte sich der Unparteiische dem Kameruner in den Weg, Freund und Feind bestürmten Eto'o, auf dem Platz zu bleiben. Der Stürmer ließ sich umstimmen, aber er löste mit seiner "historischen Geste", wie das Sportblatt "El Mundo Deportivo" schrieb, in Spanien eine neue Debatte über den Rassismus in den Fußballstadien aus. "Wir wären mit Eto'o vom Platz gegangen", versicherten die Barca-Profis Ronaldinho und Rafael Marquez.

Nationaltrainer Aragones mit abfälligen Bemerkungen über Thierry Henry

Auch Saragossas Stürmer Ewerthon, der bis Ende voriger Saison für Borussia Dortmund gekickt hatte, stellte sich auf die Seite des Kameruners: "In Deutschland gibt es ebenfalls Rassismus, aber ich bin in den Bundesliga-Stadien nie verhöhnt worden", sagte der dunkelhäutige Brasilianer. "In Spanien dagegen geschieht dies in allen Stadien." Bislang wurde in der Primera Division allerdings noch nie eine Partie wegen rassistischer Zwischenfälle abgebrochen.

Aber nicht nur vereinzelte rechtsradikale Fangruppen sondern auch hochrangige Fußball-Funktionäre sind in den letzten Jahren immer wieder als Provokateure aufgefallen. Ausgelöst wurde der Rassismus-Skandal im spanischen Fußball tatsächlich von keinem Geringeren als Nationaltrainer Luis Aragones. Der hatte sich mit abfälligen Bemerkungen über Thierry Henry von Arsenal London Vorwürfe des Rassismus eingehandelt. Der Vorfall ereignete sich bereits im Oktober 2004.

"Tag des Kampfes gegen Rassismus"

Der 66-jährige Coach hatte sich damals im Trainingslager seinen Nationalspieler Jose Antonio Reyes (ebenfalls Arsenal) vorgeknöpft und Henrys Clubkameraden vor laufender TV-Kamera beschworen: "Du musst Dein Spiel machen. Sag dem Neger, dass Du besser bist als er!" Um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, rieb Aragones seine Stirn an die von Reyes. Mehrere Reporter wollten auch die Worte "Scheißneger" und "Hurensohn" gehört haben. In ganz Europa lösten diese Äußerungen einen Sturm der Empörung aus. Aragones erhielt für seine Äußerung über den Franzosen übrigens einen Denkzettel in Höhe von lächerlichen 3000 Euro.

Vor kurzem sorgte dann Ex-Nationalcoach Javier Clemente für einen handfesten Skandal, als er - nachdem Eto'o einen Gegenspieler bespuckt hatte - sagte: "So etwas machen Leute, die gerade von den Bäumen geklettert sind." Bisher hatte in Spanien die Neigung bestanden, den Rassismus, der sich im Fußball wie ein Domino-Effekt ausgebreitet hat, konsequent zu ignorieren. Und auch der Verband verschloss vor dem Problem die Augen, indem er die Clubs für rassistische Ausschreitungen ihrer Fans lediglich mit geringen Geldstrafen sanktionierte.

Doch nach den jüngsten Vorfällen konnten auch die Medien das Thema nicht mehr übergehen. Die größte Sportzeitung des Landes "Marca" hat den nächsten Spieltag zum "Tag des Kampfes gegen Rassismus" ausgerufen. So what?! Solange der spanische Fußballverband nicht endlich energisch gegen den Rassismus vorgeht, wird sich im Zweifel - trotz solcher gut gemeinter Aktionen - gar nichts ändern.

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