Fußball-Nationalelf Titel-Schmiede Schweiz


Für Kapitän Michael Ballack und seine WM-Kollegen haben die anstrengendsten Trainingstage des Jahres begonnen. In der Schweiz will Trainer Klinsmann "extrem powern", obwohl ihn Ausfälle plagen.

In der Schweiz, wo Sepp Herberger vor 52 Jahren mit der Nationalmannschaft das "Wunder von Bern" gelang, will Jürgen Klinsmann dem "Chef" nacheifern und bis zum 30. Mai die Grundlagen für den vierten deutschen WM-Titel legen. "Hier wird zwei Mal täglich gearbeitet, es wird eine hohe Belastung geben. Besonders vormittags wird in kurzen Einheiten extrem gepowert", kündigte der Bundestrainer an und meinte scherzhaft: "Ich denke, die Jungs werden abends keine Lust mehr haben, in die Stadt zu gehen."

Nach der Trennung von den Familien, mit denen die Spieler am Samstag die Regenerations-Tage auf Sardinien mit einem Bowling-Abend ausklingen ließen, hat Klinsmann erstmals alle 23 Spieler um sich. Abwehrspieler Philipp Lahm war nach seiner Operation am linken Ellbogen tags zuvor sogar noch nach Italien angereist, um dort mit einer Gipsschiene das Lauftraining aufzunehmen. Torhüter Jens Lehmann stieß am Sonntag beim Mittagessen im Genfer Quartier zum Team.

Halbe Mannschaft kränkelt

Beim ersten Training im Stadion von Servette Genf war am Sonntagnachmittag allerdings nur ein Rumpfaufgebot dabei: Während Lehmann seine erste Übungseinheit mit Torwartcoach Andreas Köpke absolvierte, fehlten die Grippe geschwächten Tim Borowski und Mike Hanke. Neben Lahm und den Rekonvaleszenten Christoph Metzelder und Sebastian Kehl sollte auch Lukas Podolski wegen Rückenbeschwerden bei der geheimen Übungseinheit höchsten eingeschränkt mitmachen. Bierhoff war trotz der zunehmenden Personalsorgen zuversichtlich: "Das ist alles nichts, was die Arbeit in den nächsten Tagen behindern könnte."

Klinsmann hatte Arsenal-Keeper Lehmann nach dem für ihn so deprimierenden Champions-League-Finale noch drei Tage Sonderurlaub gewährt. Die Sportliche Leitung glaubt, dass die neue Nummer 1 im deutschen Tor den Platzverweis von Paris weitgehend verdaut hat. "Jens wirkte vollkommen ruhig und gelassen. Er hat sich bei der Familie in London erholt. Man merkt, er freut sich, dass es jetzt losgeht", berichtete Bierhoff nach der ersten Begegnung mit Lehmann.

Die Teamkollegen wollen den 36-Jährigen ebenfalls moralisch aufbauen, wenn es nötig sein sollte. "Wir werden ihm helfen, denn wir brauchen ihn hochkonzentriert im Turnier", sagte Stürmer Miroslav Klose. Auch Lahm war nach seiner Rückkehr mit einem großen "Hallo" begrüßt und sofort wieder in die Gruppe integriert worden. Beim Schlachtruf-Ritual "Wir sind ein Team" am Ende der Trainingseinheiten wurde der Bayern-Profi gleich als Einpeitscher in die Mitte des Spieler-Kreises beordert. Ob Lahm nach seiner Bänder- und Sehnenverletzung am Ellbogen auch bis zum Eröffnungsspiel gegen Costa Rica, das am Samstag beim 2:0-Sieg gegen eine von Ex-Nationalspieler Paul Breitner betreute Auswahl noch keine WM-Tauglichkeit nachweisen konnte, fit wird, bleibt ungewiss.

Lahms Einsatz bleibt "Wunschdenken"

Die Mannschaftsärzte Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt und Josef Schmitt äußerten sich zwar "absolut positiv" über Lahms WM-Chancen. Aber für einen Einsatz im Auftaktspiel am 9. Juni wird die Zeit für den Linksverteidiger knapp. "Unser Wunschdenken ist, dass er zum ersten Spiel fit ist", sagte Müller-Wohlfahrt. Lahm gab sich zuversichtlich, aber auch realistisch: "Die Verletzung ist kurz vor der WM passiert. Nun wird es ein kleiner Wettlauf gegen die Zeit."

Klinsmann will Lahm behutsam aufbauen, für die Teamkollegen dagegen ist es mit Sonnenbaden, Beachvolleyball, Go-Kart-Fahren und Barbecue endgültig vorbei. Allerdings war schon die Wellness-Woche mit den Familien auf Sardinien kein Vergnügungsurlaub, wie Klose bemerkte: "Wir haben nicht nur die Seele baumeln lassen." Am Genfer See rechnen die Spieler mit schweren Beinen. "Man freut sich darauf zu sehen, wo die eigenen Grenzen sind", sagte Abwehrspieler Jens Nowotny.

Hamann erklärt Rücktritt

An diese wird Dietmar Hamann im Nationalteam nicht mehr stoßen. Nach seiner Nichtberücksichtigung für die WM erklärte der 32 Jahre alte Mittelfeldspieler vom FC Liverpool seinen Rücktritt. Die einstigen Teamkollegen gehen derweil in die entscheidende Phase beim Kampf um die Stammplätze. "Wir werden alles geben, dass es für uns eine erfolgreiche WM gibt. Wir müssen die richtige Dosierung im Training finden, damit jeder vor dem ersten Spiel sagen kann: 'Ich bin topfit'", sagte Kapitän Ballack.

Nach dem "Trainingslager vor dem Trainingslager" (Oliver Kahn) mussten die Nationalspieler am Sonntagmorgen auch ihren Liebsten bis zum Kurzurlaub am Pfingst-Wochenende Lebewohl sagen. Die Mitnahme der Familien nach Sardinien kam bei den Spielern extrem gut an. "Wenn man sechs, sieben Wochen von Familie und Kindern weg ist, kommen schnell Frust oder Lagerkoller-Geschichten auf. Durch die gemeinsame Zeit hier wurde die Trennung verkürzt", erklärte Torhüter Kahn.

Klaus Bergmann und Jens Mende/DPA DPA

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