Fußball-Nationalelf Zwischen Knigge und Carrera-Bahn


Für die perfekte Figur neben dem Platz haben die Nationalspieler einen Crash-Kurs in Benimm-Regeln erhalten. Förmlich ging es dabei aber nicht zu: Die Kicker spielten gemeinsam mit einer Carrera-Bahn.

Im schicken Anzug und mit modischem Schal stand Bastian Schweinsteiger auf dem roten Premieren-Teppich und machte neben Bundeskanzlerin Angela Merkel eine perfekte Figur. Stilsicher und weltgewandt, so wünschen sich Bundestrainer Joachim Löw und vor allem Teammanager Oliver Bierhoff die Fußball-Nationalspieler. "Wir wollen die Jungs zu Persönlichkeiten formen, auch außerhalb des Platzes", sagte Bierhoff. Auch nach dem Rücktritt von Bundestrainer Jürgen Klinsmann wird damit weiter auf dessen Philosophie gesetzt, die Profis zum Blick über den Tellerrand zu animieren und die Nationalmannschaft zu einer Lebensschule zu machen.

Die Zeiten, in denen Computer-Spiele die wichtigsten Utensilien im Gepäck und neben Karten spielen die hauptsächliche Freizeitbeschäftigung der Nationalspieler waren, sind vorbei. Ob ein Ausflug zum Schah-Palast im Iran, eine Bootsfahrt auf dem Bosporus oder ein Uhrmacher-Kurs in der Schweiz: Gemeinsame Aktionen sollen nicht nur den Teamgeist fördern, sondern auch das Augenmerk der sonst ausschließlich auf ihren Sport fokussierten Athleten auf die Welt abseits des Fußball-Mikrokosmos lenken. "So etwas werden wir auch künftig tun, um den Spielern über ihren Sport hinaus ein paar Sachen näher zu bringen. Es geht uns dabei um Bewusstseinsschaffung", sagte Bierhoff.

Crash-Kurs in Benimm-Regeln

Den Startschuss für diese Aktionen hatte schon Klinsmann gegeben und Persönlichkeiten aus anderen Lebenswelten zu Vorträgen eingeladen. Extremkletterer Stefan Glowacz oder der frühere Deutschland-Chef von McKinsey, Herbert Henzler, erklärten den Profis ihre Philosophien für Erfolg. Auch der frühere Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters, mittlerweile Berater für das DFB-Kompetenzteam, bekam auf diesem Weg seinen ersten Kontakt zur Nationalmannschaft.

Im Luxus-Hotel von Heiligendamm erhielten die Nationalspieler vor dem Abflug zum EM-Qualifikationsspiel in der Slowakei einen Crash-Kurs in Benimm-Regeln. Das Standardwerk Knigge wurde ihnen von einem Experten näher gebracht. Das DFB-Team soll eine Mannschaft mit Manieren sein. Auftritte wie im Schloss Bellevue bei Bundespräsident Horst Köhler bei der Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes im August stellen gerade die vielen jungen Nationalspieler vor neue Aufgaben. Aber auch Torwart Jens Lehmann, mit 36 Jahren der Oldie im Team, stellte nach der Knigge-Einheit erstaunt fest, noch etwas gelernt zu haben. "Ich wusste nicht, dass man schneller essen soll, um den Tischpartner nicht in Verlegenheit zu bringen", berichtete er.

Bei der kollektiven Horizonterweiterung muss es aber nicht immer förmlich oder protokollarisch exakt zugehen. In Heiligendamm ließ Bierhoff eine Carrera-Bahn aufbauen, an der Wettfahr-Sieger Miroslav Klose & Co ihrem Spieltrieb freien Lauf lassen konnten. Das Team- Building ist eng verknüpft mit der Arbeit von Sportpsychologe Hans- Dieter Hermann. Und selbst Chef-Scout Urs Siegenthaler ist in den ganzheitlichen Ansatz eingebunden. Bei der WM berichtete er nicht nur über Technik und Taktik der Gegner, sondern gab auch Einblicke in Kultur und Geschichte des Landes und die Mentalität der Menschen.

Arne Richter und Klaus Bergmann/DPA DPA

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