Fußball-Nationalmannschaft Kahn und Bobic poltern los


Vor dem Freundschaftsspiel gegen Italien haben sich Oliver Kahn und Fredi Bobic über die vielen verletzungsbedingten Absagen anderer Nationalspieler beklagt.

Statt Vorfreude auf den Klassiker grassierte in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft die Angst vor einem Fehlstart in die EM-Saison. Verbunden mit harscher Kritik an den Bundesliga-Clubs machten die Führungskräfte Oliver Kahn und Fredi Bobic ihrem Unmut über den Personalschwund vor dem Testspiel gegen Italien Luft. «Es kann in Zukunft nicht mehr sein, dass Spieler auf Druck der Vereine nicht kommen, weil der linke Fuß schmerzt», wetterte Kapitän Kahn, «das ist ja der absolute Wahnsinn, wer alles bei uns fehlt.» Bobic prangerte vor dem Duell am Mittwoch (20.45 Uhr/ZDF) in Stuttgart die Bundesligisten als Verursacher der Absagenflut an: «Die Clubs setzen die Spieler immer mehr unter Druck, der Nationalelf bei kleineren Verletzungen abzusagen.»

Deisler und Friedrich im Visier

Kahn und Bobic nannten zwar keine Namen. Doch offensichtlich beklagten sie in erster Linie das Fehlen von Arne Friedrich und Sebastian Deisler und damit die Situation bei ihren eigenen Arbeitgebern. Hertha-Manager Dieter Hoeneß hatte öffentlich zum Verzicht auf Friedrich gedrängt, der aber trotz einer Bauchmuskelzerrung am vergangenen Samstag für die Berliner spielte und auch am kommenden Samstag auflaufen wird. Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld hatte ebenfalls öffentlich gefordert, das Comeback von Deisler in der Nationalmannschaft auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben.

"Brasilianer kommen mit dem Kopf unterm Arm"

«Die Vereinsvertreter müssen sich vor Augen führen, dass die Nationalmannschaft unser wichtigstes Zugpferd ist», forderte Kahn die Vereine zur rückhaltlosen Unterstützung auf. Er erwarte, dass sich auch Spieler mit «minimalen Verletzungen» zur Verfügung stellen: «Wenn die Brasilianer ein Länderspiel haben, kommen sie mit dem Kopf unter dem Arm. Wir waren 1996 zum letzten Mal in Bestbesetzung.»

Ballack von Kritik ausgeklammert

Auch der an Rückenbeschwerden laborierende Bobic machte deutlich, dass nicht jedes Wehwehchen eine Absage rechtfertige: «Auch wenn man nicht ganz fit ist, sollte man sich zumindest im DFB-Quartier blicken und behandeln lassen», monierte der 31-Jährige, der Michael Ballack ausdrücklich aus seiner Kritik ausklammerte. Der wegen einer Wadenverletzung erst gar nicht angereiste Mittelfeldstar habe sich «immer geopfert für die Nationalmannschaft». Jens Jeremies beklagte, dass als Folge des ständigen Personalwechsels die Nationalelf permanent ihr Spielsystem ändern muss: «Ein festes System wäre von Vorteil, damit jeder weiß, was er zu tun hat.»

Gegen Italien ist indes erneut Improvisation angesagt. Wenigstens meldete die verbliebene Notgemeinschaft 24 Stunden vor dem Anpfiff keine ernsthaften Blessuren mehr. «Ein weiterer Ausfall wäre fatal», sagte Völler. Der Bremer Frank Baumann hat seine Knöchelverletzung auskuriert und wird zusammen mit Christian Wörns die Innenverteidigung bilden, obwohl er seit Saisonbeginn von Werder- Trainer Thomas Schaaf zum defensiven Mittelfeldspieler umgeschult wurde. Doch auf dem vakanten Posten des Manndeckers hat Völler in Marko Rehmer nur noch eine selbst in Berlin umstrittene Alternative.

Einzig offene Frage blieb, ob Miroslav Klose oder Bobic neben Oliver Neuville stürmen wird. «Das muss ich noch entscheiden», sagte Völler. Im Gegensatz zu ihm hat Italiens Coach Giovanni Trapattoni alle Asse an Bord, allen voran die Stürmerstars Christian Vieri, Alessandro del Piero und Francesco Totti. «Wir spielen gegen eine Weltklassemannschaft», urteilte Völler.

Spiele gegen die besten Mannschaften

«Wir brauchen solche Spiele gegen die besten Mannschaften, nur so können wir weiterkommen», betonte Kahn. Für den Torhüter des FC Bayern beginnt im ausverkauften Gottlieb-Daimler-Stadion nicht nur die EM-Saison, sondern bereits der Countdown auf die Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land. «Ich habe die EM 2000 noch gut im Kopf. Ich habe keine Lust, nochmals so ein Debakel zu erleben», warnte Kahn.

Dies aber droht schon gegen die «Azzurri», die zuletzt auf dem Weg zum EM-Titel 1996 in der Vorrunde (0:0) Gegner der deutschen Mannschaft waren. «Es gibt auch wichtige Freundschaftsspiele», betonte Völler die Wertigkeit der Partie, der letzten Standortbestimmung vor den vorentscheidenden EM-Qualifikationsspielen in Island (6. September) und gegen Schottland (10. September). «Man kann schon von einer Generalprobe sprechen», sagte Jens Jeremies, «schließlich werden von den jetzt Fehlenden nicht viele zurückkehren». Höchstens mit Friedrich, Deisler und Ballack wird Völler dann wieder rechnen können.

DPA

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