Fußball-Nationalmannschaft Untergang im Opernhaus


Die deutsche Nationalmannschaft hat sich bei der peinlichen 0:1-Pleite gegen Norwegen bis auf die Knochen blamiert, auch weil es an der richtigen Einstellung gemangelt hat. Das Publikum beginnt, sich vom eigenen Team abzuwenden - eine gefährliche Entwicklung.
Von Klaus Bellstedt, Düsseldorf

Ach, was war das für eine zauberhafte Opern-Atmosphäre in der Düsseldorfer LTU-Arena - vor dem Anpfiff. Draußen im Freien ließ einen ein Regen-Schnee-Gemisch erschaudern, aber innen in der Arena hatten sie das Dach geschlossen. Und damit nicht genug. Richtig eingeheizt wurde Fans und Spielern, bei frühlingshaften 17 Grad sollten die eher an Kälte gewöhnten Norweger im ersten Länderspiel des neuen Jahres mal schnell von der Platte geputzt werden.

Nach der enttäuschenden 1:2-Pleite im Prestigeduell gegen England im November in Berlin, mit der sich die Mannschaft von Trainer Joachim Löw 2008 von den Fans verabschiedet hatte, sollte die B-Mannschaft Norwegens die ganze Wut und Willensstärke der Deutschen zu spüren bekommen. Die ganz Kühnen hofften auf zwei, drei, ja vielleicht sogar vier Tore der DFB-Auswahl. Aber auch den weniger Mutigen war schon vorher klar: Dieser psychologisch so wichtige Jahresauftakt, er darf einfach nicht verloren gehen.

Dass er doch daneben ging, lässt sich besonders gut mithilfe einer Phrasenschwein verdächtigen Plattitüde verdeutlichen: Fußball ist und bleibt ein Laufspiel. In der Düsseldorfer Oper liefen zwar elf Spieler wie die Wahnsinnigen und wie in einem schweren Schinken von Richard Wagner über die Bühne - aber das waren die Gäste aus dem hohen Norden. Die deutsche Nationalmannschaft gab bei der peinlichen 0:1-Blamage bestenfalls eine Ballettaufführung. Es fehlten eigentlich nur die weißen Spitzen-Kleidchen.

Zu langsam gespielt

Der Trainer und sein verlängerter Arm auf dem Platz sahen das hinterher übrigens genauso: "Wir hätten eindeutig schneller spielen müssen, insgesamt war das im Spielaufbau alles viel zu behäbig", gab ein frustrierter Kapitän Michael Ballack zu. Joachim Löw präzisierte das Dilemma: "Das Tempo hat gefehlt." Wie Recht er doch damit hatte. Standfußball praktizierten die Seinen, einfallslos und ohne Esprit wurde die Kugel um den massierten Abwehrriegel der Norweger hin und her geschoben. Ballack, der - genauso wie Torsten Frings - erstmals seit dem Ärger mit Löw aus dem vergangenen Jahr wieder in der Startelf stand, war unter den Blinden wenigstens noch der Einäugige.

Vor allem in der ersten Hälfte und auch über weite Strecken der zweiten 45 Minuten versuchte der Mittelfeldstar von Chelsea London das Spiel an sich zu reißen. Ballack war fast allgegenwärtig. Mal räumte er vor der Abwehr ab, mal mimte er den Stürmer, jeder deutsche Angriff ging über ihn. Allein, seine Mitspieler ließen ihn zu oft im Regen stehen. Bezeichnend für die Ohnmacht Ballacks war eine Szene kurz vor dem Halbzeitpfiff, als der Kapitän am Mittelkreis hilflos die Hände hob, als wieder mal ein Ball verdaddelt wurde.

Testspiele sind zum Testen da, kein Frage. Insofern war klar, dass Joachim Löws Wechselorgie in Halbzeit zwei den ohnehin schon bescheidenen Spielfluss der deutschen Nationalmannschaft erheblich stören würde. Mit Beck, Helmes, Tasci, Marin, Kießling und Özil wechselte der Trainer gleich sechs Spieler ein, um sich - gerade auch bei den beiden Debütanten Beck und Özil - neue, wichtige Eindrücke zu verschaffen. Dass ein völlig durchmischtes Team den äußerst clever und abgezockt spielenden Norwegern nicht mehr gefährlich werden konnte, war nicht die Überraschung des Abends. Was soll ein Jungspund wie Mesut Özil in zehn Minuten auch ausrichten? Nein, was vielmehr schockierte, war die Tatsache, dass die Mannschaft der ersten Hälfte nicht dazu im Stande war, einen zweitklassigen Gegner wie Norwegen allein mit spielerischen Mitteln auseinander zu nehmen.

Die Besten des Landes haben versagt

Auf dem frisch verlegten Rasen der Düsseldorfer LTU-Arena stand beim Abspielen der Nationalhymne im Grunde die beste Mannschaft des Landes eng umschlungen nebeneinander. Mal abgesehen von Andreas Hinkel, der auf der rechten Seite den verletzten Berliner Arne Friedrich vertrat. Aber sonst? Schweinsteiger, Lahm, Klose, Westermann, Gomez - für sie gibt es keine Alternativen, sie alle liefern in diesen Wochen ja auch famose Leistungen in ihren Vereinen ab.

Aber vor allem das Beispiel Mario Gomez zeigt, dass Nationalmannschaft und Bundesligaclub zwei völlig verschiedene Baustellen sind. Gomez, am letzten Wochenende überragend, stümperte - ausgenommen von einer guten Szene in der zehnten Minute - in bester EM-Manier über den Platz und wurde unter den gellenden Pfiffen der 45.000 Zuschauer nach einer Stunde ausgewechselt. Auch Gomez muss sich den Vorwurf gefallen lassen, sich in der Partie gegen Norwegen läuferisch nicht ausreichend genug in Szene gesetzt zu haben. Und das Gleiche galt eben auch für die Mehrzahl seiner Mitspieler.

Das Publikum ist enttäuscht

Damit wären wir bei der Einstellung des Teams angelangt. Die war einer deutschen Nationalmannschaft an diesem Abend nicht würdig. Was umso erstaunlicher erscheint, weil im März die WM-Qualifikation mit den richtungweisenden Spielen gegen Liechtenstein und Wales fortgesetzt wird und dafür jetzt die Plätze vergeben werden. Fans haben für eine zu lasche Einstellung übrigens ein feines Gespür - und das sollte für Joachim Löw und seine Männer eigentlich die bedenklichste Erkenntnis des Düsseldorfer Opernabends gewesen sein: Wie schon bei der Niederlage in Berlin gegen England so wendete sich auch das Düsseldorfer Publikum nach gut 60 Minuten von der eigenen Mannschaft ab. Eine gefährliche Entwicklung.

"Wir werden unsere Lehren daraus ziehen. Das kann ich versprechen", diktierte Joachim Löw den Journalisten hinterher in die Blöcke. Bleibt nur zu hoffen, dass auch seine Spieler den Ernst der Lage erkannt haben. Bei einigen ist eine Besserung vielleicht ja sogar schon eingetreten. Beim Verlassen der wohltemperierten und gemütlich-kuscheligen Arena folgte für manch einen am Mittwochabend in Düsseldorf der Kälteschock. Auf dem Weg von den Katakomben in den Mannschaftsbus wehte den besten Fußballern des Landes eisiger Polarwind entgegen. Wenn das mal kein Zeichen war!


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