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Fußball-Nationalmannschaft: Was Löw von der U-21 lernen kann

Was die Nationalmannschaft derzeit nicht schafft, klappt bei der U-21 umso besser. Die Junioren um Lewis Holtby haben dem Überbau von Joachim Löw etwas voraus.

Von Joel Stubert

Traum und Trauma liegen manchmal dicht zusammen. Nur wenige Stunden bevor die deutsche Nationalmannschaft am Dienstag zum WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden antrat, machte die U-21 Deutschlands ihr vorläufiges Meisterstück und sicherte sich die Teilnahme an der EM-Endrunde in Israel im Sommer nächsten Jahres.

3:1 siegte die Elf von Trainer Rainer Adrion in Luzern und ließ die Schweizer nach 3:0-Pausenführung dabei erst zum Schluss ins Spiel kommen, als die hohes Risiko gingen. Die A-Nationalelf agierte später am Abend in Berlin deutlich weniger souverän, verspielte einen 4:0-Vorsprung und befeuerte damit ungewollt die Diskussionen um die Mentalität in der Mannschaft.

Niederlagen stets nach gleichem Schema

Fragen nach dem Siegeswillen, der Motivation und dem Charakter des A-Teams stellen sich zwangsläufig und beziehen sich dabei nicht nur auf die Leistung gegen Schweden. Die Niederlagen des Jahres 2012 wiesen stets ähnliche Charakteristika auf. Nicht nur bei der Europameisterschaft gegen Italien konnte man den Eindruck gewinnen, als verfahre das Team nach dem Motto: Wenn es nicht läuft, dann ist das eben so. Abgesehen vom EM-Vorbereitungsspiel in der Schweiz verliefen die Partien gegen Italien, im Februar beim 1:2 gegen Frankreich und der Niederlage gegen Argentinien (1:3) alle nach dem gleich Muster: Einer guten Anfangsphase ohne Tor folgte ein Rückstand, von dem sich das Team nicht erholte. Planloses, engagiertes Anrennen, ja. Bedingungsloser und für den Gegner unangenehmer Einsatz, nein.

Erfolgreicher verliefen die vergangenen beiden Jahre für die U-21, nur ein Spiel ging verloren. Gegen Argentinien zeigten die Junioren im August eine starke Leistung und besiegten die Albiceleste 6:1, letztes Jahr gewann das Team in den Niederlanden 3:1. Mit dem Sieg in der Schweiz qualifizierte sich das Team nach einem unglücklichen Remis zuhause souverän für die EM in Israel.

Die U-21 hat dem A-Team etwas voraus

Auch das A-Team wird die Qualifikation locker meistern. Beide Teams sind sich darüber hinaus in vielen Punkten ähnlich. Die Angriffe werden mittels kurzen Pässen, schnell und direkt vorgetragen. Kombinationen sind das Merkmal der Teams. Sie verfügen über viele technisch herausragende, wendige Spieler, die kein Dribbling scheuen. Die Schwächen sind ebenfalls ähnlich: Fehlende Linksverteidiger und kaum Variationsmöglichkeiten auf der Position des Mittelstürmers. Auch fehlen vor allem der U-21 Alternativen auf der Innenverteidigerposition. Typen wie Mario Gomez, Miroslav Klose oder Mats Hummels haben die Junioren gar nicht im Kader.

Und dennoch, es scheint, als habe das Team dem Überbau das Entscheidende voraus: Kampfkraft, Willen und Einsatz. Liegen Lahm und Co. erst einmal 0:1 zurück, ist eine Niederlage fast schon beschlossene Sache. Im Mai 2010 gegen Bosnien schaffte es das Team letztmals ein Spiel zu drehen. In Polen (2:2) und der Ukraine (3:3) gelang immerhin noch der Ausgleich. Ganz anders die Junioren. In den dramatischen Spielen in Griechenland (5:4) und in Bosnien (4:4), bei dem Deutschland sogar schon als Erster feststand, bewiesen sie Moral. Einerseits hagelte es viele Gegentore, aber dafür kam das Team nach Rückständen zurück. In Griechenland ignorierte die Elf einen frühen Rückstand, sowie ein Gegentor in der Nachspielzeit und erzielte ihrerseits den Siegtreffer in allerletzter Minute.

Tore nach Standards nur in der U-21

Dabei bediente sich die Mannschaft gern jenes Spielmittels, das bei der A-Mannschaft verpönt scheint. In den insgesamt vier Spielen gegen Bosnien und Griechenland erzielte das DFB-Team vier Tore nach Standardsituation. Und auch in Luzern brachten zwei von Lewis Holtby perfekt ausgeführte ruhende Bälle die Mannschaft in Führung und in ruhiges Fahrwasser. Schweinsteiger und Co. warten dagegen seit der EM 2008 und Ballacks Gewaltschuss gegen Österreich auf ein Tor im Anschluss an einen Freistoß oder eine Ecke. Löw gibt offen zu, nicht allzu viel Wert darauf zu legen. "Die Standardsituationen stehen nicht auf der ersten Seite meiner Liste", sagte der Bundestrainer vor der EM. Das Beispiel der U-21 zeigt jedoch, dass man sie nicht gänzlich vernachlässigen sollte.

Toni Kroos, Marco Reus, Mesut Özil und Co glauben im Kern daran, jede Situation mit ihren überragenden technischen und spielerischen Fertigkeiten lösen zu können. Was sie auch können. Standardsituationen oder energisches Zweikampfverhalten brauchen sie so gut wie nicht. Dieses Überlegenheitsgefühl, auch beim Schweden-Spiel zu erkennen, ist trügerisch. In Situationen, in denen der Gegner stärker wird, ist Demut gefragt. Zweikämpfe müssen gewonnen werden. Für die Junioren scheint dieser Spagat einfacher zu sein. Scheut sich kein Spieler unangenehme Duelle anzunehmen, fällt nicht alles auf die Verteidigung zurück.

Konzentration auf den Sieg

Insgesamt täten dem Team von Joachim Löw mehr Kämpfer gut. Typen, wie Michael Ballack, Daniele De Rossi oder Xabi Alonso verkörpern diese Mentalität. Die Balance zwischen eher rustikal eingestellten Akteuren und Kreativen ist entscheidend, um in schwierigen Situationen nicht unterzugehen. Bei den Junioren ist sie besser. Zweikämpfer, wie Sami Khedira oder die Bender-Zwillinge genießen nicht umsonst bei internationalen Spitzenklubs wie Real Madrid oder dem FC Barcelona Stammplatzgarantien. Fehlen solche Spieler im Nationalteam, muss Bastian Schweinsteiger vor der Abwehr ganz allein aufräumen. Gegen gute Gegner ist das fast unmöglich.

In schwierigen Situationen muss man die taktische Disziplin wahren, das Spiel beruhigen. Die U-21 spielte in der Schweiz den 3:0-Vorsprung routiniert nach Hause, konzentrierte sich auf das Wesentliche, den Sieg.

Diese Konzentration auf das Wesentliche lässt das deutsche A-Team manchmal vermissen. Holtby war in Luzern der Garant dafür, das Schiff auf Kurs zu halten, rannte für zwei, war offensiv und defensive Leitfigur. Er und Sebastian Rode, der für Eintracht Frankfurt keinem Zweikampf aus dem Weg geht, wären gute Alternativen zum A-Team. "Holtby ist am nächsten dran", erklärte Adrion nach dem Schweiz-Spiel. Gleiches sagte der Bundestrainer über Rode, nannte ihn zudem "einen interessanten Spieler." Eine kleine Auffrischung, verbunden mit dem Einpflanzen einer Winner-Mentalität, würde der Nationalmannschaft gut tun und nebenbei die Chancen auf einen WM-Sieg 2014 sicher nicht verringern. Joachim Löw, übernehmen Sie!

Joel Stubert

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