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Fußball-Presseschau: Schrei nach Urlaub

Die Presse schenkt der Nationalmannschaft nach dem 1:1 auf Zypern und zum Abschluss des Länderspieljahres eine Seelenmassage. Nur einer bekommt sein Fett weg. stern.de und indirekter-freistoss.de blicken in die Gazetten.

Über das schwache 1:1 der Deutschen in Zypern sehen fast alle Redaktionen mit Milde hinweg; zu dankbar sind sie der Mannschaft und ihren Trainer für das schöne Jahr 2006. Die SZ vermisst sie jetzt schon: "Fast drei Monate geht die Nationalelf jetzt in die Länderspielpause, und beinahe möchte man beim DFB nachfragen, ob der Verband nicht schnell noch eine kleine Südamerika- oder wenigstens Asien-Tournee einbauen möchte, damit die Zeit der Trennung nicht so lang ist. Diese Mannschaft genießt inzwischen viel Vertrauen, und das ist ja das Entscheidende, wenn sich Anfang Februar alle wiedertreffen: Es gibt gute Gründe, zu glauben, dass der Aufschwung in Deutschlands wichtigster Fußballmannschaft mit all seinen Heranwachsenden und seinen Reserven aus den Aufbauteams stabil bleibt."

Die Stuttgarter Zeitung pflückt der DFB-Auswahl zum Jahresabschluss Blumen und schickt einen großen Strauß nach Kalifornien: "Das Team befindet sich auf einem Niveau mit den Topnationen des Fußballs, und es verfügt in Lehmann, Lahm, Frings, Ballack und Klose über ein Spielergerüst von internationalem Format. Das verspricht Erfolge, auch über 2006 hinaus. Selten ist die Identifikation der Deutschen mit ihren besten Fußballern so groß gewesen. Zu verdanken ist der Stimmungswandel zuvorderst Jürgen Klinsmann, der mit aller Konsequenz und gegen alle Widerstände die notwendigen Reformen auf den Weg gebracht hat. Seine Maßnahmen - die Installierung eines neuen Spielsystems, der Einbau junger Spieler oder der Aufbau eines neuen Betreuerstabs - waren wichtig und richtig. Dass sich der Aufschwung im grauen Alltag namens EM-Qualifikation fortgesetzt hat, ist Joachim Löw zu verdanken.“

Wie in der Rudi-Völler-Ära

Selbst die taz reiht sich ein in den Kreis der Gratulanten: "Es waren die Erfolge der Nationalmannschaft in diesem Jahr, die dem deutschen Fußball international wieder zu mehr Reputation verholfen haben. Die Klubs haben zum Großteil versagt auf internationaler Bühne. An sie wird keiner denken, wenn er das Fußballjahr Revue passieren lässt. Wer an deutschen Fußball denkt, meint derzeit meist die Nationalmannschaft. Ein Unentschieden auf Zypern wird das nicht ändern können. Und wenn das Team weiter an sich arbeiten darf, könnte es auch so bleiben." Und der Tagesspiegel erwartet den Winter mit Rilke: "Herr, es ist Zeit, der Sommer war groß - und lang, aber jetzt reicht es auch langsam."

Die Berliner Zeitung jedoch will über die Mängel im allgemeinen, speziell im Zypern-Spiel, nicht hinwegsehen: "Dass die im Nachhinein deutlich gewordene Hauptrolle Löws während der Ära Klinsmann auch Verantwortung für diverse taktische Desaster einschließt, spielt ebenso wenig eine Rolle wie der Umstand, dass sich in Nikosia so ziemlich jede seiner Maßnahmen als Fehlschlag erwies. Im Moment hat Joachim Löw einen gewaltigen Kredit bei der Fußballnation. Es wird noch einiger solcher Spiele bedürfen, bis das Land irgendwann den Mist-und-Käse-Löw kennenlernt." An anderer Stelle schreibt sie: "Fast wirkte es wie in der Rudi-Völler-Ära, als hohe Bälle auf Ballack nahezu die einzige Offensiv-Variante bildeten."

Saisonale Erschöpfung nimmt behandlungsfähige Formen an

In der Einzelkritik schauen alle ins Tor, die FAZ schreibt: "Die Diskussionen konzentrierten und verengten sich auf die Rolle von Timo Hildebrand. Er hatte keinen guten Tag, doch damit taucht in Zukunft noch lange kein Torwartproblem auf, gleichgültig, wer Lehmanns Nachfolge nach der EM-Endrunde 2008 antreten wird." An anderer Stelle spießt sie Hildebrands Floskel auf, das Gegentor könne man halten, müsse man aber nicht: "Sollte man halten, ließe sich hinzufügen, wenn man sich als künftige Nummer 1 weiter im Spiel halten will. Nicht nur das Gegentor war geeignet, die Rolle der Nummer 2 in den Vordergrund treten zu lassen. Auch als konstruktiver Spielaufbauhelfer, der Hildebrand nach Rückpässen eigentlich ist, fiel er diesmal aus. Als sicherer Rückhalt einer müden Mannschaft, die für jede Hilfe dankbar gewesen wäre, ging Hildebrand jedenfalls nicht mehr durch." Die NZZ kann Hildebrand auch nicht richtig in Schutz nehmen: "Es war ein Tor, wie man es bei jedem britischen Nationalgoalie als unhaltbar empfunden hätte, aber von einem deutschen Torhüter sind Experten wie Anhänger freilich andere Fang-Eigenschaften gewohnt."

Die SZ würde Schweinsteiger beim Laufen gerne die Schuhe neu besohlen: "Schweinsteiger schien mit jedem Schritt lauter nach Urlaub zu schreien, bei ihm nimmt die saisonale Erschöpfung allmählich behandlungsbedürftige Formen an." Über Klose heißt es in der FAZ: "Der WM-Torschützenkönig war nach vielen Einsätzen von seiner WM-Form weit entfernt." Über Lahm lesen wir in der SZ: "Wie ernst es um die physischen Reserven mancher Spieler bestellt ist, erwies sich auch an Philipp Lahm, der von den Zyprern mehrmals ausgespielt wurde, als wäre er ein ganz normaler Außenverteidiger und nicht Philipp Lahm, der Unausspielbare."

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