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Fußball-WM: Weltmeister im Meckern und Miesmachen

Die Weltmeisterschaft im eigenen Land vor Augen haben die deutschen Fußballfans anscheinend nichts Besseres zu tun, als alles und jeden zu kritisieren. Statt Vorfreude herrschen Ärger, Frust und Besserwisserei.

"And the winner is Deutschland." Mit diesen Worten machte Fifa-Chef Joseph Blatter im Jahr 2000 ein ganzes Volk glücklich: Die Bundesrepublik erhielt den Zuschlag für die Fußball-WM 2006. Knapp zwei Monate vor dem Eröffnungsspiel ist von Euphorie wenig zu spüren, zumal das deutsche Team eher als Außenseiter denn als Favorit gehandelt wird.

Allen Aufrufen von Franz Beckenbauer oder Angela Merkel zum Trotz, das "Jahrhundertereignis" als Werbung für Deutschland zu nutzen, widmen sich Bürger und Medien lieber Beschäftigungen, für die die Bundesrepublik ohnehin schon weltweit bekannt ist: Meckern und Miesmachen. Anders als in Japan und Südkorea vor vier Jahren oder in Frankreich 1998 will sich hierzulande nicht so recht Vorfreude einstellen. Stattdessen hagelt es Kritik am Ticketverkauf, der Organisation, der Nationalmannschaft und natürlich an Trainer Jürgen Klinsmann. Sein brasilianischer Kollege Carlos Alberto Parreira stellt fest: "Diese Untergangsstimmung überrascht mich."

WM als Erpressungsmittel

Auch das vier zu eins der Klinsmann-Truppe gegen die USA konnte die Stimmung nicht entscheidend ändern. Gestattete die "Bild"-Zeitung in ihrer Ausgabe nach dem Sieg der Deutschen über die Amerikaner noch "Klinsi, nun darfst du wieder Grinsi", befeuerte sie einen Tag später den Streit um die Nummer eins im Tor. Das Blatt orakelte, ob Jens Lehmann bei einem Fehler von Oliver Kahn schmutzig gegrinst habe. Wenigstens ist der Streit nun beendet - zumindest formal. Aber sogar Kahn, der trotz der Entscheidung für Lehmann mit zur WM will, ist das schlechte Klima aufgefallen: "Wir sollten endlich positive Stimmung im Land erzeugen", sagte er nach Klinsmanns Beschluss.

Wird die WM kaputt geredet?

Viele sorgen dafür, dass die Gefühlslage bleibt wie sie ist. Gewerkschafter schrecken nicht davor zurück, mit Streiks während der WM zu drohen. Im Gespräch ist das bei den Bahn-Angestellten, den Fluglotsen und den Ärzten. TV-Entertainer Harald Schmidt zählte in seiner Show nicht etwa die Tage bis zum möglichen Gewinn des WM-Titels durch die deutsche Mannschaft, sondern die bis zum mutmaßlichen Abgang Klinsmanns. Und Hotelbetreiber klagen, nicht alle Zimmer seien ausgebucht.

Absurde Einmischung der Politik

Politiker tun ihr übriges. Wurden sie zunächst nicht müde, auf die Vorteile des Turniers hinzuweisen, das Deutschland zusätzliche Milliardeneinnahmen und Wirtschaftswachstum bringen wird, streiten sie seit Monaten über den Einsatz der Bundeswehr zum Schutz der WM-Besucher, Möglichkeiten zur Verhinderung von Zwangsprostitution oder über einen Ausschluss der Nationalmannschaft des Iran. Dabei hatte Ex-Innenminister Otto Schily schon vor Monaten geraten: "Wir dürfen unser Land nicht wie Oberjammergau betrachten."

Die Grünen-Abgeordnete Bärbel Höhn plädierte für einen Ausfall des Turniers, falls bis Juni die Vogelgrippe von Mensch zu Mensch übertragbar ist, was Experten für äußerst unwahrscheinlich halten. Der Vorschlag einiger Hinterbänkler von CDU, SPD und FDP, Klinsmann vor den Sportausschuss des Bundestages zu laden, damit er dort "sein Konzept erklärt", wurde selbst von Kollegen als Absurdität verworfen. "Wir sind doch kein Tribunal", sagte Gremiumsvorsitzender Peter Danckert (SPD).

Auch die Fifa goss Öl ins Feuer

Für Wirbel sorgten Vorwürfe der Stiftung Warentest, einige WM-Stadien seien nicht sicher und könnten bei Panik zur Todesfalle werden. Wochenlang stritten die Verbraucherschützer mit den WM-Organisatoren über die Aussagekraft ihrer Untersuchung, bis sich gar der Bundestag damit befasste. Für noch mehr Aufsehen sorgten Berichte über einen "neuen Wettskandal" im deutschen Fußball und der angeblichen Verstrickung eines Nationalspielers. Die umgehende Erklärung von DFB-Präsident Theo Zwanziger, der Vorgang habe nie und nimmer die Dimension des Hoyzer-Falls, ging im Medienrauschen weitgehend unter.

Selbst Fifa-Präsident Blatter goss Öl ins Feuer, als er das Image der Deutschen als Meister der perfekten Organisation anzukratzen wagte. "In Deutschland müssen sie sich anstrengen, wenn sie wiederholen wollen, was 2002 in Südkorea oder 1998 in Frankreich passierte", sagte er. Der Verkauf der Eintrittskarten sei undurchsichtig. Mit der Absage der WM-Eröffnungsgala hatte die Fifa für Verärgerung gesorgt. Ungläubiges Staunen löste die offizielle Begründung aus, der Rasen des Berliner Olympiastadions hätte unter der Feier zu sehr gelitten.

Folge des Streits und der Misstöne ist, dass frohe Kunden rund um die WM kaum noch wahrgenommen werden. Der Berater des Organisationskomitees, Fedor Radmann, klagte darüber, dass die "schöne Nachricht von fast 50.000 freiwilligen Bewerbern in den Medien fast untergegangen ist". Bundeskanzlerin Merkel gab der Bevölkerung eine Empfehlung an die Hand: Der Erfolg des deutschen Teams hänge auch davon ab, "ob wir hinter unserer Mannschaft stehen werden oder ob wir zulassen wollen, dass sie schon vor dem ersten Spiel in Grund und Boden geredet wird".

Thomas Schmoll/Reuters / Reuters

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