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GESPERRT Michael Ballack: "Ich habe die letzten Reserven verpulvert"

Er führte die deutsche Nationalelf bei der Fußball-EM ins Endspiel - doch Spanien siegte, und Michael Ballack wartet weiter auf den ersten großen Titel. Ein Gespräch über seine Tränen, seine Söhne und einen Traum vom Urlaub.

Herr Ballack, sind Sie ein Unvollendeter?

Das klingt mir zu dramatisch. Klar hätte ich das Endspiel gerne gewonnen. Aber wenn ich's mir recht anschaue, fehlt auch allen anderen Feldspielern in unserem Kader noch ein internationaler Titel.

Das vierte große Finale, die vierte Niederlage: Wird es für Sie je ein Happy End geben?

Ich habe ja noch ein paar Jahre, ich werde nicht aufgeben, bis zum Schluss. Es fehlte bisher nur ein Quäntchen Glück - warum sollte es mich nicht auch irgendwann treffen?

Wie war die Stimmung nach dem Endspiel?

Wir haben bis halb sechs Uhr morgens in einem Klub in Wien gefeiert, manche sogar bis sieben. Ein gelungenes Fest.

Was bleibt von dieser EM?

Dass wir stolz sein können, ins Finale gekommen zu sein. Wir hatten uns vor dem Turnier selbst als einen der Favoriten bezeichnet, das war für unsere junge Mannschaft eine komplett neue Rolle. Es wird von manchen Kritikern übersehen, was das bedeutet.

Inwiefern?

Da hast du nicht mehr die Leichtigkeit. Die WM 2006 war dagegen einfach, so sehr wir als Gastgeber unter Druck standen. Als Favorit musst du Leistung auf Knopfdruck bringen, der Gegner ist gierig, dich zu schlagen. Dem haben wir standgehalten, wir sind dabei, eine Siegermentalität zu entwickeln. Man hat aber gegen Spanien gesehen, dass uns auch noch viel fehlt. Als wir nicht mehr die Kraft und Wucht hatten, merkte man, dass wir technisch und taktisch einiges zu lernen haben. Solche Gegner können wir nicht spielerisch besiegen. Noch nicht - wir sind aber auf dem richtigen Weg.

Ist aus dem Idealisten Joachim Löw ein Realist geworden?

Im Fußball ist es wie im richtigen Leben: Es läuft selten so, wie man es sich wünscht. Dass Jogi Löw die Herausforderungen dieser EM gemeistert hat, hat mich nicht überrascht. Gute Trainer meistern das.

Das Finale war Ihr 40. Spiel in sechseinhalb Monaten, allein bei der EM sind sie knapp 68 Kilometer gerannt. Jetzt können Sie's ja zugeben: Sie waren ganz schön platt am Ende.

Offen gesagt: ja. So ein Turnier, mit seiner Intensität, mit diesem öffentlichen Fokus, dazu die Verantwortung als Kapitän - das schlaucht unglaublich. Im Finale habe auch ich die letzten Reserven verpulvert. Leider hat's nicht mehr gereicht, das Sahnehäubchen blieb aus. Spanien war zu gut.

Was war schmerzhafter: das Elfmeter-Drama Mitte Mai mit Chelsea oder nun die Ohnmacht mit Deutschland?

Das Champions-League-Endspiel war von der Dramaturgie her viel extremer und hat mich sicher mehr mitgenommen. Aber die Enttäuschung ist dieselbe.

Ihre Partnerin Simone und Ihre Söhne besuchten Sie gar nicht im EM-Quartier. Wollten Sie das nicht?

Die Kinder hatten ja noch Schule, und einfach übers Wochenende zu kommen, das wäre logistisch nicht einfach gewesen, mit drei kleinen Jungs. Sechs Wochen sind schon sehr lang. Aber es ging nun mal nicht anders.

Papa war auf Dienstreise.

Absolut. Es gab hier etwas zu erledigen.

Als die Jungs Sie das letzte Mal sahen, hatten Sie gerade mit Chelsea den Champions-League-Pokal verpasst. Wollten die Kinder wissen: Papa, warum hast du geweint?

Wenn ich nach Hause komme, fragen Sie mich schon, was los war, na klar.

Und was haben Sie damals geantwortet?

Dass ich ein wichtiges Spiel verloren habe und daher traurig bin. Das verstehen sie sehr schnell - meine Jungs weinen ja auch, wenn es beim Kicken mal nicht so klappt.

Bei Ihnen zu Hause sagt Papa also nicht: Männer weinen nicht?

In emotionalen Situationen darf das schon mal vorkommen. Aber wenn sie irgendein Wehwehchen haben, sich mal 'n bisschen in den Finger schneiden, sollten sie sich zusammenreißen können. Mein Cut am Auge war ja auch nicht so schlimm.

Und wie ist das für Sie, so eine Heimkehr wie jetzt nach dem EM-Finale: eines der größten Spiele der Karriere verloren, Millionen fieberten mit, zu Hause fällt die Tür ins Schloss - und drei Jungs kommen angeschossen ...

Das ist eine große Hilfe. Da kann man gar nicht anfangen zu grübeln, die Jungs nehmen einen sofort wieder in Beschlag. Sie sind noch jung, zwischen drei und sechs, und noch nicht so völlig fußballverrückt. Da gibt's tatsächlich andere Dinge, die sind ihnen wichtiger (lacht).

Haben Ihre Söhne die deutschen Spiele in Ballack-Trikots geschaut?

In der Vorrunde ja. Danach habe ich sie gar nicht mehr gefragt. Die Jungs waren meistens kurz angebunden am Telefon. Zu beschäftigt. Sie sagten immer nur: Hallo, Papa, tschü-üss.

Wie viele EM-Spiele haben Sie gesehen?

Alle. Man schaut sich sehr genau an, wer wie drauf ist. Und immer in der Hotellobby, mit anderen. Das macht viel mehr Spaß, wenn man auch Sprüche klopfen kann. Wir kommentieren das genauso wie die Fans zu Hause.

Wie haben Sie nach eigenen Siegen gefeiert?

Bis zum Finale kaum, dazu hatten wir nicht die Kraft. Außerdem stand immer das nächste Spiel an. Die Menschen in Deutschland haben ja für uns mitgefeiert.

Muss man sich das so vorstellen: Sie legten abends in ihrem Zimmer die müden Beine hoch, zappten durch die Sender und sahen, wie Zehntausende auf den Plätzen der Republik außer Rand und Band waren?

So in etwa. Als Spieler hängt man sich, bildhaft gesprochen, noch mal an den Tropf. Diese nationale Begeisterung ist eine unheimliche Kraft. Wir spielen ja auch für unser Land, für Millionen Fans. Die steigende Begeisterung, die mit den Vorrundenspielen beginnt und noch größer wird, wenn es in die K.-o.-Runde geht, das ist schon Wahnsinn, wie das explodiert.

Das kann auch erdrücken.

Und deshalb ist es auch wichtig, das nicht zu nahe an sich rankommen zu lassen, es für sich richtig einzuordnen. Mir hilft es, dass ich im Guten wie im Schlechten die Dinge nicht überbewerte. Wenn du im Hinterkopf hättest, wer da gerade was in den Fußball hineinliest, könntest du keinen Pass mehr über drei Meter an den Mann bringen. Fußball ist ein wunderbares Spiel, aber auch nicht mehr.

Per Mertesacker, 23 Jahre alt, sagte uns, er sei ein anderer Mensch als noch 2006. Verändert der Job als Fußballer den Charakter?

Ja. Er verändert sogar extrem. In einem Tempo, wie nur wenige andere Jobs dies könnten. Es gibt wenige Menschen, die so jung so viel in so kurzer Zeit lernen müssen wie Fußballer. Stellen Sie sich doch mal vor, Ihre Arbeit würde permanent bewertet, alle drei Tage, von Ihrem Chef, von den Medien - und vor allem immer öffentlich. Die Persönlichkeit ist entscheidend, wie du das als junger Spieler überstehst.

Welche Schlüsse haben Sie gezogen?

Am wichtigsten ist für mich: Man kann es nicht immer allen recht machen. Das musste ich lernen. Früher war mir noch wichtig, dass jeder mich richtig einschätzt. Heute weiß ich, dass manche einen ganz bewusst falsch einschätzen, da hilft keine Überzeugungskraft. Früher habe ich mich dann gefragt, warum sie das tun. Heute will ich das gar nicht wissen. Es lohnt sich nicht, dagegen anzukämpfen.

Klingt desillusioniert.

Eher realistisch und nicht mehr ganz so naiv, würde ich sagen. Ich weiß ja, was gelaufen wäre, wenn wir gegen Österreich rausgeflogen wären. Da wäre nicht nur Jogi Löw attackiert worden, auch ich selbst. Und das vergesse ich nicht, nur weil wir danach ein paar Spiele gewonnen haben.

Wie im modernen Fußball erhöhen wir nun das Tempo. Bitte ab jetzt kurz und bündig.

Ich streng mich an.

Wie schlafen Sie nach einem Spiel?

Gut. Tief. Ich brauche nach der Ankunft im Hotel meine zwei Stunden, um runterzukommen, aber dann kehrt Ruhe ein.

Klimaanlage oder offenes Fenster?

Bei der EM? Weder noch. Klimaanlage ist ein Killer, und wenn ich in Ascona das Fenster aufgemacht hätte, wäre es im Zimmer noch wärmer geworden.

Am Morgen nach dem Match - wo tut's weh?

Kommt drauf an, wo die Einschläge lagen. Haben Sie öfter das Gefühl, alt zu werden? Nö, bislang nicht. Ich weiß gar nicht mehr richtig, wie ich mich mit 20 gefühlt habe, aber ich bin gut in Schuss.

Wie vertrieben Sie sich bei der EM die Zeit?

Ich hatte alle Staffeln von "Lost" dabei, da kommt man nicht mehr von weg. Das ist 'ne Abenteuerserie, wo die Darsteller auf einer einsamen Insel überleben müssen.

Welche Musik gehört?

Nichts Besonderes. Aktuellen Pop. Manchmal, wenn im Zimmer Klassik lief, ließ ich das laufen. Gut zum Ausspannen.

Ihr Lebensmotto?

Positiv sein. In schwierigen Phasen nicht alles zu ernst nehmen.

Die Helden der Gegenwart?

Ärzte. Was sie für eine Verantwortung tragen müssen - da darf man gar nicht drüber nachdenken. Sie haben Leben zu retten.

Von England aus: Wie sind die Deutschen?

Zuverlässig, diszipliniert. Um Sauberkeit bemüht. Technisch auf gutem Niveau.

Wie haben die Jahre in London Sie geprägt?

Als Ausländer bist du erst mal allein. Da entwickelt sich dein eigenes Kämpferherz.

Glauben Sie an Gerechtigkeit im Leben?

Schwer zu sagen. Mit meiner Familie bin ich zum Glück noch nie in einer Situation gewesen, in der ich mich mit der Frage auseinandersetzen musste. Im Sport, nun: Da hätte ich natürlich schon den einen oder anderen Titel mehr gewinnen können...

Kann man Gerechtigkeit erzwingen?

Nicht immer, glaube ich. Manche Dinge sind eben einfach nicht zu ändern.

Wie oft haben Sie Ihren Freistoß gegen Österreich im Kopfkino nachempfunden?

Ich hab das Tor allein im Fernsehen sicher 15-mal gesehen.

Waren Sie erstaunt, wie sehr sich Ihr Gesicht in Super-Zeitlupe verzerrt hat?

Ich nicht, aber mein Vater, er ist richtig erschrocken. Er dachte, mir platzt der Kopf.

Sie besitzen ein Haus in Portugal ...

... einen Rohbau. Noch steht es nicht. Werden Sie sich beschweren, wenn der Nachbar frühmorgens Rasen mäht? (lacht) Hängt davon ab, ob’s der linke oder rechte Nachbar ist.

José Mourinho, Ihr früherer Chelsea-Trainer ...

Ich glaube, der wohnt links. Natürlich darf der schon morgens um halb sechs mähen.

Warum Portugal?

Weil es da wunderschön ist.

Warum am Meer?

Wegen der Atmosphäre. Ich bin eher der Meer- als der Bergtyp.

Was heißt „danke“ auf Portugiesisch?

Äh, Moment, ja: Obrigado!

Grillen Sie gern?

Unbedingt.

Gas oder Holzkohle?

Holzkohle. Klassisch, das muss sein.

Selbst pusten oder föhnen?

Reichlich Wind machen, mit der Zeitung.

Was würden Sie tun, wenn Sie mal drei Monate Freizeit hätten?

Pff. (lacht) Ich würde erst mal gezielt planen, was ich machen würde.

Kein Traum, den Sie sich erfüllen wollen?

Ich würde sicher viel reisen, dann nicht nur ans Meer zum Erholen. Helikopter-Skifahren in Kanada, das wäre was. Nach Neuseeland würde ich gerne mal und nach Alaska. Eisberge sehen.

Die kommende Hochzeit hat Ihre künftige Ehefrau Simone organisiert?

Da gehe ich von aus. (lacht) Sie hält ja sehr viel von mir fern. Ich kam bei der EM leider kaum dazu, Dinge vorzubereiten – ich musste ja „Lost“ gucken. Das war jetzt ein Scherz.

Große Zeremonie oder in kleinem Stil?

Nee, nee, ich verrate garantiert nix.

Sie sind 31 Jahre, Ihre Karriere neigt sich dem Ende zu. Kommt danach die große Leere?

Ich bin nicht so vermessen und sage, das perlt alles an mir ab. Aber ich bin jetzt im Zenit meiner Karriere, vielleicht auf dem Höhepunkt meiner Kraft, da ist es schwer zu beurteilen, wie es in fünf oder zehn Jahren aussieht. Man weiß nie, was kommt.

Welche Ziele haben Sie für die Zeit danach?

Im Moment noch gar keine. Man muss da eh auf seine innere Stimme hören. Wenn nichts Klares kommt, dann lasse ich es erst einmal laufen. Aber so viel habe ich schon begriffen: Irgendwann kommt im Leben der Moment, wo man weiß, das ist es. Das spürt man dann, da muss man gar nicht weiter nachdenken. Deswegen sehe ich der Zukunft gelassen entgegen. Mein Gefühl wird sich schon melden.

Interview: Rüdiger Barth, Wigbert Löer, Mathias Schneider / print

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