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Skandal-Spiel im DFB-Pokal: Randale in Rostock: Polizei wirft Hansa-Offiziellen Mitwisserschaft vor

Unter den Club-Chefs von Hansa Rostock und Hertha BSC herrscht nach den Fankrawallen beim Pokalspiel Ratlosigkeit. Doch nun zeigt sich: Die Randale hatte schon vor drei Jahren ein Vorspiel. Die Polizei erhebt Vorwürfe.

Sprechchöre, provozierende Gesten, lodernde Flammen im Zuschauerblock, leuchtende Pyrotechnik, Feuerwerks-Raketen als Geschosse, Spielunterbrechungen - was sich während des Pokalspiels am montagabend im Rostocker Ostseestadion zwischen dem heimischen FC Hansa und Hertha BSC Berlin (0:2) abspielte, wird in der Geschichte des DFB-Pokals seinen Platz haben. Die Club-Verantwortlichen reagierten - wie so häufig in solchen Fällen - nach dem Spiel weitgehend hilf- und ratlos auf die Ausschreitungen. Nun aber ist klar: Die Randale von Rostock hatte ein Vorspiel, das sich bereits vor drei Jahren ereignete. Und die Polizei erhebt in diesem Zusammenhang Vorwürfe gegen die Hansa-Offiziellen.

Denn was die Hooligans auf Hertha-Seite, die schon unmittelbar nach der Halbzeitpause mit massivem Pyro-Einsatz eine zweiminütige Spielunterbrechung provoziert hatten, besonders auf die Palme brachte, war das Entrollen eines Banners durch vermummte Hansa-Chaoten. Wie die Polizeiinspektion Rostock in einer Mitteilung vom Montag bestätigte, handelte es sich dabei nicht um irgendein Banner, sondern wohl um das legendäre, etwa 30 Meter lange Stück mit der Aufschrift "Ostkurve Hertha BSC", das einst bei allen Hertha-Heimspielen nicht aus dem Berliner Olympiastadion wegzudenken war (inzwischen existiert ein Nachfolge-Exemplar). Ende September 2014 wurde es nachts aus einem Lagerraum der Fan-Szene auf dem Gelände des Stadions geklaut. Schon damals die Vermutung: Die Diebe kamen mutmaßlich aus rivalisierenden Fanlagern - etwa von Union Berlin oder eben aus Rostock.

Legendäres Banner Ostkurve Hertha BSC im Olympiastadion 2013

2014 in Berlin gestohlen, 2017 in Rostock verbrannt: Das legendäre "Ostkurve Hertha BSC"-Banner (hier im Berliner Olympiastadion während des Bundesligaspiels der Hertha gegen Mainz 05 am 28.9.2013).

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Hansa wusste, dass das Banner im Stadion ist

Die Polizei verbuchte den Vorfall seinerzeit als simplen Einbruch, heißt es in Medienberichten von damals. Kenner der Szene war jedoch klar, dass die "Ostkurve" irgendwann wieder auftauchen würde - in irgendeiner Weise geschändet. Diese Schändung geschah nun allem Anschein nach vor den Augen der Hertha-Chaoten und der TV-Zuschauer im Rostocker Stadion. Rostocker Hooligans setzten das Banner auf der Südtribüne in Brand; die Polizei ließ sie weitgehend gewähren und beschränkte sich darauf, die Situation zu kontrollieren und nicht weiter eskalieren zu lassen. Aus dem Hertha-Block wurden als Reaktion auf die Provokation gezielt Feuerwerksraketen in Richtung der Rostocker Hooligans abgefeuert. An ein geordnetes Fußballspiel war 20 Minuten lang nicht zu denken.

Während die Verantwortlichen beider Clubs vor den TV-Kameras Ratlosigkeit demonstrierten und die Ausschreitungen verurteilten, macht die Polizei am Tag danach dem FC Hansa massive Vorwürfe. Laut der Einsatz-Bilanz der Rostocker Polizei wussten die Club-Verantwortlichen bereits vor dem Spiel, dass das gestohlene Berliner Banner im Stadion war. "Bereits während unserer heutigen Einsatzbesprechung informierte mich der Verein F.C. Hansa Rostock, dass laut Informationen der Vereinsführung sich das gestohlene Banner bereits im Stadion befinde und auch zu Beginn der zweiten Halbzeit ausgerollt werden sollte", wird der Leiter der Polizeiinspektion Rostock, Michael Ebert, in der Mitteilung zitiert. Ein gründliche Durchsuchung der Südtribüne durch "auswärtige Ordnungskräfte und Polizeikräfte" sei jedoch ergebnislos verlaufen.

Vermummter Hooligan vor brennendem Banner von Hertha BSC auf den Rängen des Ostsee-Stadions in Berlin

Was brennt da? Ein Hooligan auf den Rängen des Rostocker Stadions. Offenbar wurde ein legendäres Hertha-Banner verbrannt, das vor drei Jahren gestohlen wurde.


Polizei: Banner mit Wissen Offizieller im Stadion

Ebert legt dann nach. Da die durchsuchenden Ordnungskräfte keinen Bezug zum FC Hansa hätten, könne nahezu ausgeschlossen werden, dass das Banner durch sie ins Stadion gelangt sei oder bei Kontrollen unentdeckt blieb. "Somit liegt die Vermutung nahe, dass das Banner über vereinseigene Strukturen und mit Wissen von Vereinsoffiziellen ins Stadion gelangen konnte", so Ebert. Nähere Belege für diese Vermutung nennt die Polizei in ihrer Mitteilung allerdings nicht.

FC-Hansa-Vorstandschef Robert Marien sagte dazu am Dienstag in einer Mitteilung des Vereins: "Schuldzuweisungen und pauschale Verurteilungen von Vereinsmitarbeitern und Vereinsoffiziellen unmittelbar in der Nacht der Ereignisse, sind sicherlich in keiner Weise hilfreich, dienlich und gerechtfertigt." Es gelte nun zu klären, "wie Pyrotechnik und ein Banner des gegnerischen Fanlagers trotz der massiven und umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen ins Stadion gelangen konnten." Marien beteuert, die Vorkommnisse gemeinsam mit Polizei und Ordnungsdiensten aufarbeiten zu wollen.

Direkt nach dem Spiel hatte sich der Hansa-Boss bereits geschockt und ratlos gezeigt. "Wir halten bis zur 74. Minute ein grandioses 0:0. Dann ist es 20 bis 50 Vollidioten anscheinend wichtiger, das eigene Wohnzimmer, das Ostseestadion, abzufackeln, anstatt die Mannschaft zu unterstützen", sagte er. Und weiter: "Wenn man sieht, dass hier 1700 Polizisten und über 300 Ordner unterwegs waren, dass Spürhunde und HD-Kameras im Einsatz sind. Da wird im Bereich der Kontrolle alles getan, was getan werden kann. So etwas kann man sicher nur gesamtgesellschaftlich lösen, nicht allein als Drittligist."

Dennoch muss der Ex-Bundesligist aus Mecklenburg-Vorpommern mit Konsequenzen rechnen. Hansa spielte bereits am Montag auf Bewährung, muss laut einem Beschluss des DFB-Sportgerichts wegen diverser Vorfälle auf den Tribünen bereits zwei Auswärtsspiele ohne eigene Fanunterstützung bestreiten. Der Kontrollausschuss des DFB hat nun auch wegen des Eklats während der Pokalpartie wieder Ermittlungen gegen den Verein aufgenommen. Das gilt in diesem Fall auch für Hertha BSC. "Das wird alle in den kommenden Tagen und Wochen beschäftigen - Verbände, Vereine, Fans", stellte Hertha-Manager Preetz fest. "So kann es absolut nicht mehr weitergehen."

mit DPA

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