Hertha BSC Das Wunder, so fern


Mit oder ohne Huub Stevens - Hertha BSC Berlin ist genau der Fußballverein, den die Hauptstadt verdient. Viele Träume und Pläne, immer ein bisschen zu großmäulig. Und selten erfolgreich.

Am Berliner Flughafen Tegel, nicht weit von den Bushaltestellen hinter der Abfertigungshalle, liegt etwas versteckt ein kleiner Imbiss. Die Cola schmeckt, als sei Seife in der Schankanlage, es zieht, und die Tische werden nicht unnötig oft gewischt. Dafür ist der Verkäufer ein netter Kerl, die Currywurst ganz gut und nicht so teuer. Außerdem läuft die Sportschau.

Es ist Samstag, und im Fernseher redet Reinhold Beckmann über, wie er das ausdrückt, "die Krise der alten Dame Hertha". Dann die Bilder von der jüngsten Niederlage, 1:4 diesmal, gegen Bayer Leverkusen. Und man sieht den schweigenden Manager Dieter Hoeneß und den kämpferischen Huub Stevens, der zu dem Zeitpunkt mehr nach Ex-Trainer ausschaut. An einem der Imbisstische sitzen ein paar Spieler aus Leverkusen in ihren dunklen Anzügen, Carsten Ramelow trinkt Eistee, Jörg Butt ein Berliner Kindl, Jens Nowotny kaut Pommes und sagt: "So, so." Die Jungs reden nicht viel, die wissen, wie das ist, in einer Mannschaft mit lauter guten Leuten zu sein - und trotzdem wie Hinkefüße zu spielen. Vergangenes Jahr war Bayer die Lachnummer der Liga. Nun hat Hertha BSC das übernommen.

Neun Spiele, kein Sieg, letzter Tabellenplatz. In der Baustelle Olympiastadion schrien die Fans schon vor dem Anpfiff "Stevens raus", und Schiedsrichter Markus Merk nahm das dann so wörtlich, dass er den Trainer nach einem Gerangel mit dem Leverkusener Ulf Kirsten auf die Tribüne verwies. Wie das ist ohne Stevens auf der Bank, hat man dann gesehen: Die Hertha kassierte noch drei Tore. Da können sie ihn ja gleich behalten, und deshalb bekam er Montagabend eine Fristverlängerung.

Mit oder ohne Stevens - es sieht aus, als wäre die Hertha genau der Verein, den die deutsche Hauptstadt verdient. Eine Stadt, in der sich nach der Wende Fantasten um die Finanzen gekümmert haben müssen, so pleite wie Berlin jetzt ist. Vielleicht muss so eine Stadt einen Verein haben, der sich Weltstadt-Klub nennt, der vor der Saison einen Platz in der Champions League ankündigt, der von nichts so viel besitzt wie Träume, Pläne, Absichtserklärungen. Hertha BSC ist wie die Berliner selbst, die den Mund oft zu voll nehmen. Die oft nicht wissen, wohin sie eigentlich wollen, was aber nicht bedeutet, dass man nicht schon mal loslaufen kann.

Woran es liegt, dass diese Mannschaft nicht mehr gewinnt, weiß niemand. Will das überhaupt jemand wissen oder wahrhaben? Marcelinho wird oft als Grund genannt. Der trägt die Nummer 10, schlägt Pässe, die nicht jeder Gegner erwartet und die oft sogar ankommen. Er war wochenlang verletzt, vom Einsatz gegen Leverkusen hatten die Ärzte abgeraten. Kann das Schicksal einer ganzen Mannschaft an einem Spieler hängen? Andreas Brehme hat mal versucht, das Unerklärliche zu erklären: "Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß." Selten sagte ein Fußballer etwas Wahrhaftigeres. Manche Probleme sind einfach da, so ist Sport, und eigentlich ist klar, dass man nicht viel daran ändern kann. Weil man aber was ändern muss, haben sich Fans und Presse Stevens ausgesucht. Er soll das Problem sein. Dabei spielt es keine Rolle, ob er es wirklich ist.

Die Sache mit Stevens war von Anfang an schwierig. Er passe nicht zu Berlin, hieß es immer, aber das ist unfair. Stevens kann nichts dafür. Bei Interviews am Spielfeldrand sieht er häufig wie Jack Nicholson in "Shining" aus, und wer ihn ein paar Mal bei Pressekonferenzen erlebt hat, wie er auf kritische Fragen reagiert, fühlt sich an einen spanischen Inquisitor erinnert. So ähnlich geht es der Mannschaft auch. Spätestens seit er die Spieler vor laufenden Kameras zusammenfaltete, hat Stevens nicht mehr so viel Freunde in der Kabine. Dabei ist er im persönlichen Gespräch ein umgänglicher Mann, der einfach nur die Haare zu streng nach hinten kämmt und finster schaut. "Ich bleibe meiner Linie treu", sagt er jetzt. Er könne nicht anders. Es wäre leichter, wenn er anders könnte.

Vielleicht war es einfach keine so gute Idee, dass er sich an den neuen Verein anpassen wollte. Als er vom "Arbeiterverein" Schalke 04 zum "Hauptstadtklub" Hertha wechselte, empfahl ihm irgendwer, im Anzug auf der Trainerbank zu sitzen. Das passe besser zu Herthas Image. Schwer zu sagen, warum ein Verein so etwas macht, sich ein exklusives Image zulegen zu wollen, das er nie hatte. Ein Verein, der seine Ursprünge im Wedding hat. Wenn es einen Berliner Bezirk gibt, der wie Gelsenkirchen ist, dann der Wedding. Irgendwann hat Stevens mit dem Unfug aufgehört und wieder Trainingsklamotten angezogen. Immerhin oft in Dunkelblau.

Hertha hat mit 49,2 Millionen Euro den drittgrößten Etat der Liga; mehr als die Hälfe davon wird für Gehälter ausgegeben. Ein simples Konzept: Geld schießt Tore. Bayern München, Real Madrid und Manchester United zeigen das beinahe jedes Wochenende, nur bei Hertha trifft das nicht zu. Die Zeitungen sagen, die Mannschaft habe viel mehr Potenzial. Es kann nicht angehen, dass sie seit Anfang der Saison erst einmal gewonnen hat - im DFB-Pokal, gegen den SSV Reutlingen, der in der vierten Liga ungefähr so erfolgreich spielt wie Hertha derzeit in der Ersten.

Tabellenplatz 18 hätte man auch billiger haben können. Ohne die Verpflichtung von Niko Kovac, der in Berlin aufgewachsen ist und sich dennoch nicht zu Hause fühlt, ohne Artur Wichniarek, der in Bielefeld ein Held war und dort auch seine Torgefährlichkeit gelassen hat, und ohne Fredi Bobic, der eben Fredi Bobic ist - einer, der manchmal Tore erzielt, die Ronaldo nicht hinkriegt, und ein anderes Mal zum wertvollsten Spieler der gegnerischen Mannschaft gewählt werden müsste.

Im Sommer hatte man sich noch am letzten Spieltag über die Qualifikation für den Uefa-Cup gefreut. Vergangene Woche in Grodzisk, einem polnischen Dorf etwa 250 Kilometer östlich von Berlin, war das vorbei. Hertha machte ihre Krise europäisch. Der Verein von Grodzisk heißt Groclin Dyskobolia. Es gibt in dem Dorf einen Supermarkt, der Piotr und Pawel gehört, eine kleine Kirche und ein paar Straßen, wo es nach Bolleröfen riecht, weil kaum einer eine richtige Heizung hat.

Nun rätseln etwa 12 000 stolze Einwohner, wie ihr Team die Mannschaft der deutschen Hauptstadt aus dem Uefa-Pokal werfen konnte. Unfassbar. In das Stadion passen 6000 Zuschauer, der höchste Bau im ganzen Dorf ist der Flutlichtmast; Grodzisk selbst ist kaum größer als die Trainingsanlagen von Hertha. Die Polen spielten nicht gut, sie spielten nur weniger schlecht. Weil nicht beide ausscheiden konnten, ging das 1:0 in Ordnung.

Dieter Hoeneß konnte einem an diesem Abend leid tun. Und in den Tagen danach noch viel mehr. Er wollte Stevens nicht entlassen, Rückgrat beweisen, so wie Assauer, der zu Stevens hielt, als es bei Schalke eine Weile nicht lief. "Wenn die Fans schon vor dem Spiel den Trainer auspfeifen, ist das natürlich schwer." Fußballmanager schwören oft die Treue zu ihren Trainern, aber Hoeneß ist einer, den sein Geschwätz von gestern auch noch morgen interessiert.

"Wir kommen da wieder raus, wir müssen kämpfen." Dieter Hoeneß sitzt im großen Sitzungssaal der Geschäftsstelle, und er klingt überzeugt. Nicht überzeugend. Er hat wieder einen roten Kopf. Ein roter Kopf ist nicht gut. Bei seinem Bruder Uli, der Manager bei Bayern München ist, sieht man ihn seltener, Ulis Mannschaft macht weniger Ärger, jedenfalls zurzeit. Wenn einer der Hoeneß-Brüder einen roten Kopf hat, dann ist er nicht verlegen, dann ist er sauer. "Ich garantiere Ihnen, dass wir nicht absteigen, wir haben genug Qualität", sagt er irgendwann.

Dieter Hoeneß ist ein ruhiger Mensch. Er malt, hört Musik aus den Siebzigern, und man sagt ihm nach, dass er politisch ein bisschen weiter links stehe als sein Bruder. Aus einem Verein, über den einer mal sagte, dass angesichts der Sünden der Vergangenheit die Bezeichnung Sumpf für die Hertha eine Beleidigung der norddeutschen Flora sei, hat Hoeneß einen professionellen Klub gemacht. Hertha stellt die meisten Jugendnationalspieler, baut Kontakte ins Brandenburger Umland auf, um Fans zu gewinnen; ein mittelständisches Unternehmen mit rund 80 Mitarbeitern in der Geschäftsstelle. Hertha ist zum großen Teil das, was Dieter Hoeneß daraus gemacht hat. Vergessen darf man aber nicht, dass er den brasilianischen Weltmeister Luizao holte, der nicht trifft, oder Alex Alves, mit dem in Berlin nur "Bild" aufgrund all seiner Eskapaden Freude hatte.

Hertha ist auch vieles, wofür Hoeneß nichts kann. Bei den meisten Linienrichtern zum Beispiel ist sie der unbeliebteste Verein der Liga, weil die Männer auf der Auswechselbank sich häufiger und derber beklagen als andere. Hertha ist der einzige Verein, von dem keiner weiß, ob er nun eine Ost- oder eine Westmannschaft ist. Vermutlich nichts von beidem. Als Rostock der Klassenerhalt gelang, freuten sich die Leute in Leipzig und Erfurt, weil es "ihre Jungs" geschafft hatten. Und obwohl in Cottbus lauter Osteuropäer und in Rostock lauter Schweden spielen, stiften beide Vereine Identität. Das kriegt Hertha nicht hin, da könnte sie zehn Ossis in den Kader holen. Letztlich ist Hertha einfach eine Traditionsmannschaft, die 1930 und 1931 Deutscher Meister wurde und in ihrer Geschichte zwei Dinge zum Fußball beigetragen hat: den Vorstopper vor der Abwehr und die Abseitsfalle. Beide machen den Sport nicht unbedingt schöner.

Hoeneß findet auch, dass Hertha wie Berlin sei, dynamisch und schnell. "Wir sind ein Markenzeichen für die Stadt. Selbst wenn es heute vermessen klingt, mittelfristig werden wir zu den europäischen Spitzenmannschaften gehören. Dabei bleibe ich, auch in dieser Situation."

Schulsenator Klaus Böger, in Berlin für den Sport verantwortlich, ist sich mit dem Markenzeichen nicht so sicher. Er hat eine These, warum sich der Klub in einem Einzugsgebiet mit fünf Millionen Menschen und trotz der finanziellen Möglichkeiten schwer tut. "Berliner können eines nicht leiden: Mittelmäßigkeit. Das mag hochnäsig klingen, ändern kann man es nicht."

Offenbar sind die Berliner nicht die Einzigen, die Mittelmäßigkeit nicht mögen. Bei den G14, der Vereinigung der 14 wichtigsten europäischen Fußballvereine, liegt noch immer der Aufnahmeantrag, den Hertha BSC vor drei Jahren gestellt hat. Nachdem sich die Mannschaft zum ersten und letzten Mal für die Champions League qualifiziert hatte. Damals sagte Präsident Bernd Schiphorst, dass sich die G14 bald G15 nennen werde, weil schließlich bald der Klub der deutschen Hauptstadt vertreten sei. Die G14 entschied einige Zeit später, dass in der Tat noch ein deutscher Klub hinzukommen sollte - Bayer Leverkusen.

Juan Moreno print

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