HOME

Liga-Dino: Warum Bruchhagen beim HSV ein finanzielles Fiasko geerbt hat

Die Finanzlage des HSV ist katastrophal. Ohne Großgönner Kühne wäre die Pleite längst unvermeidlich gewesen, und auch mit Blick auf die aktuelle Tabellensituation sieht es mehr als düster aus. Doch Heribert Bruchhagen will nichts von einem Chaos wissen.

Von Harald Kaiser

Heribert Bruchhagen tritt beim HSV ein schweres Erbe an

Heribert Bruchhagen tritt beim HSV ein schweres Erbe an

Der Laden ist marode. Man fragt sich, ob die Firma überhaupt noch zu retten ist. Es geht um Big Business auf Rasen, sehr viel Glamour, Schlagzeilen tagein, tagaus, und - natürlich - ist im doppelten Wortsinn sehr viel Geld im Spiel. Hier geht es vor allem um jenes, das diese Firma nicht hat. Es handelt sich um die HSV Fußball AG, deren Streben es wie bei jedem anderen Betrieb sein muss, gut zu wirtschaften. Im Fußballgeschäft heißt das, durch Einnahmen aus dem Verkauf von Eintrittskarten, sowie mit Sponsor-, Werbe- und dicken TV-Geldern für die Senderechte am Ende jedes Geschäftsjahres möglichst einen Gewinn ausweisen zu können, damit auf das Kapital der Anteilseigner eine Rendite gezahlt werden kann.

Es gibt in der 1. Bundesliga sechs Klubs, die ihre Profiabteilungen in Kommanditgesellschaften auf Aktien (KGaA) ausgegliedert haben, weitere sechs laufen als GmbHs, drei als eingetragene Vereine (e. V.) sowie drei Aktiengesellschaften: Bayern München, Eintracht Frankfurt und den HSV. Während Bayern München mit einem Gewinn von 33 Millionen Euro nach Steuern uneinholbar glänzt, bleiben Frankfurt immerhin noch neun Millionen Euro für die abgelaufene Saison 2015/16 in der Kasse. Beim HSV dagegen ist alles anders. Blutrote Zahlen allenthalben Jahr für Jahr und aktuell ein 17. Platz in der Bundesliga, nur ein Hauch von den Abstiegsrängen entfernt. Das beutetet, dass es im Falle eines Abstiegs aus dem Fußball-Oberhaus finanziell endgültig zappenduster würde.

Aber schon jetzt ist die Finanzlage der hanseatischen Kicker-AG katastrophal. Und in dem Zusammenhang ist es mehr als merkwürdig, dass die Deutsche Fußballliga (DFL) in ihrer Rolle als Aufseher über die Profiklubs dem Bundesliga-Dino HSV, der bisher nie abgestiegen ist, immer wieder eine Lizenz für die erste Liga erteilt. Denn diese Lizenz hängt wesentlich von den wirtschaftlichen Kennzahlen ab. Ein mit den internen Vorgängen vertrauter Beobachter kommentiert das DFL-Verhalten kopfschüttelnd so: "Die Herrschaften bei der Deutschen Fußballliga müssen bei der Lizenzerteilung an den HSV offenbar nicht nur eine, sondern zwei Piratenklappen auf den Augen haben."

Gesundbeten und Schönsingen

Doch der seit wenigen Wochen amtierende neue Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen, der von der rentablen Eintracht Frankfurt AG kommt und nun beim HSV einerseits beim Geld Ausgeben knausern, es andererseits aber auch vermehren soll, will nichts von einem Chaos wissen. Wahrscheinlich, weil die Heizung läuft, die Büros im Volksparkstadion regelmäßig gesäubert werden und auch der Strom nicht abgestellt worden ist. Ansonsten sind nämlich schon einige "Kleinigkeiten" jenseits der miserablen Bilanzen erwähnenswert, wofür Bruchhagen zwar nichts kann, die aber gerade nicht den Eindruck einer ruhigen Geschäftstätigkeit mit Konzept und ohne Chaos vermitteln.

Etwa das andauernde Durchstechen von vertraulichen Informationen an die Medien aus Vorstand wie Aufsichtsrat. Oder die mindestens zehn Jahre anhaltende Lähmung der Führung durch zu viel und oft eitles Geblubber von Räten mit zu vielen Meinungen und Interessen. Oder der permanente Trainer- und Sportchefwechsel. In den letzten knapp zweieinhalb Jahren wurden sechs Trainer sowie vier Sportchefs verschlissen. Seriöse Personalpolitik geht anders. Und nach dem Rauswurf von Dietmar Beiersdorfer als Vorstandschef im Dezember trat kurz darauf auch Aufsichtsratsboss Karl Gernandt zurück. Der hatte die Faxen offenbar dicke. Also kein Chaos, wie es Bruchhagen betont? Für solch eine Einschätzung hält die deutsche Sprache zwei Begriffe bereit: Gesundbeten und Schönsingen.

Wenigstens Finanzchef Frank Wettstein bekannte sich zur Wahrheit, als er sagte: "Der HSV ist ein Sanierungsfall, sportlich wie finanziell." Doch der Begriff Sanierung trifft die wahre Lage wohl nicht. Denn es gibt nicht wenige Kundige, die bereits von Insolvenz sprechen. Gäbe es nicht den Großgönner und Milliardär Klaus-Michael Kühne, der "seinem" HSV letztes Jahr 38 Millionen Euro spendierte, wäre die Pleite wohl unvermeidlich gewesen. Seit Jahren schrammt die Profiabteilung an dieser Absturzkante vorbei.

Und nun die Zahlen, die deutlich machen, wie brüchig die Geschäftsbasis ist. Die Analysten von finance-magazin.de (FAZ-Gruppe) führen dazu aus: "Die Einnahmen-Ausgaben-Rechnung zeigt … vor allem eines an: Stillstand – und das auf prekärem Niveau. Der HSV hat in der zurückliegenden Saison über 62 Millionen Euro für Personalkosten ausgegeben, davon rund 50 Millionen für den Spielerkader. Das sind 55 Prozent vom Umsatz, mehr als bei den meisten anderen Bundesligaklubs. Von ihrem Vorhaben, die Personalkosten zu senken, hat sich die Vereinsführung inzwischen sogar offiziell verabschiedet." Verschärft werde die Kostenproblematik durch den Umstand, dass der HSV keine Wachstumsdynamik mehr besitze. So sei der Umsatz 2015/16 mit 123 Millionen Euro um rund vier Prozent zurückgegangen. Grund: 8,5 Millionen Euro weniger Transfererlöse.

Der HSV lebt auf zu großem Fuß

Nach Darstellung von finance-magazin.de hat der HSV aber auch in den stabileren Bereichen ein Einnahmeproblem: "Der ligaweite Anstieg der TV-Erlöse geht am HSV vorbei, weil der Klub in der Fünfjahrestabelle immer weiter zurückfällt." Seit drei Jahren schon würden die TV-Einnahmen bei 28 bis 29 Millionen Euro im Jahr stagnieren. In der laufenden Saison fließen dem HSV aus dem TV-Topf genau 27,6 Millionen Euro zu. Zu verteilen sind an die 36 Vereine der 1. und 2. Liga 706 Millionen Euro. finance-magazin.de schreibt weiter: "Auch der Verkauf von Eintrittskarten und Logenplätzen brachte dem HSV in der Saison 2015/16 gut fünf Millionen Euro weniger ein als in der Vorsaison. Ein Aufwärtstrend zeigt sich dafür bei den Einnahmen aus Merchandising (8,1 Millionen Euro, plus acht Prozent) und vor allem bei Werbung (29,2 Millionen Euro, plus 28 Prozent), weil der HSV neue Verträge mit Großsponsoren abschließen konnte. ... Doch angesichts stagnierender Erlöse und eines Schuldenbergs, der de facto die 100-Millionen-Euro-Marke schon wieder übersprungen hat, lebt der HSV … immer noch auf viel zu großem Fuß."

Nach 22,5 Millionen Euro Miesen in der Saison 2014/15 steht auch für 2015/16 nach Abzug von buchhalterischen Sondereffekten (es wurden 19,1 Millionen Euro Reserven aufgelöst, d. Red.) in Wahrheit kein Minigewinn von knapp 200.000 Euro, sondern ein dicker Verlust zu Buche – und das, obwohl der HSV einen außergewöhnlichen Forderungsverzicht über 4,5 Millionen Euro als Sonderertrag zu verzeichnen hatte. Mit anderen Worten: Bilanzkosmetik. Auch für das laufende Geschäftsjahr gibt es wohl keine schwarzen Zahlen. Es wird mit einem Verlust von elf Millionen Euro gerechnet.

Hinzu kommt ein fahrlässig anmutender Umstand, der eindeutig mehr von Gesundbeten als von seriösen kaufmännischen Fakten gekennzeichnet ist: Der Vorstand geht davon aus, dass sich die Profi-Mannschaft am Ende dieser Saison 44 Punkte erkämpft haben wird, um in der nächsten Spielzeit wieder in der 1. Bundesliga mitmischen und weiter halbwegs fette TV-Gelder kassieren zu können. Derzeit stehen jedoch nur 13 Zähler auf dem Punktekonto. Das bedeutet, dass der Klub zehn von den verbleibenden 16 Spielen gewinnen (Sieg = drei Punkte) und eines unentschieden (ein Punkt) ausgehen müsste, um das kalkulatorische Soll zu erfüllen. Gleich die ersten beiden Pflichtspiele im neuen Jahr gingen jedoch verloren. Also würde es nicht wundern, wenn die angestrebten 44 Punkte so wahrscheinlich sind wie ein Sechser im Lotto.

Von Harald Kaiser

Wissenscommunity