Interview mit Hans Meyer "Ich bin kein Missionar"


Als Fußballtrainer bei Borussia Mönchengladbach hat er dauernd über die Medien geschimpft, jetzt arbeitet Hans Meyer selbst beim Fernsehen - als Experte. Will er den Journalisten etwas beweisen?

Das Interview mit Hans Meyer führte Stern-Redakteur Interview: Markus Götting.

Herr Meyer, als Trainer von Borussia Mönchengladbach waren Sie ein notorischer Medienkritiker. Jetzt sind Sie selbst Experte beim DSF. Dürfen wir hinter Ihrem Engagement Subversion vermuten? Wollen Sie das System von innen zerstören?

Ich unterwandere es, genau. Oh Schande, Sie sind der erste Fuchs, der mir auf die Schliche gekommen ist.

Sie haben einmal gesagt: "Dieses Berichterstattungssystem der Boulevardpresse korrumpiert zu viele, die verantwortlich im Fußball arbeiten." Haben Sie sich am Ende auch korrumpieren lassen?

Ich werde mich wohl nicht mehr verändern. Sollten Sie demnächst hören, wie der Hans Meyer sich zum Beispiel für einen Trainer-Rauswurf ausspricht, dann können Sie sicher sein, jetzt bekommt er zu viel Geld vom Fernsehen. Nein, nein, nein. Ich bin Realist genug, um zu wissen, dass ich den Teil der Berichterstattung, die ich immer kritisiert habe, nicht ändern werde.

Aber Sie finden es toll, dass Sie allen Ihre Meinung sagen können und das auch noch gesendet wird?

Allen ist bei der manchmal begrenzten Zuschauerzahl des DSF etwas übertrieben, aber bei speziellen Fußballthemen habe ich schon etwas zu sagen. Den Missionar werde ich mit 60 allerdings nicht mehr spielen.

Warum machen Sie's dann?

Dem DSF-Chefredakteur hat der ein oder andere Kommentar von mir gefallen, ein paar Interviews, die ich als Gladbach-Trainer gegeben habe. Also fragte er mich, ob ich für ihn arbeiten will. Ich möchte zwar nicht, dass das in Arbeit ausartet, aber so bin ich nicht völlig weg vom Fuáball. Der hat mir ein Leben lang Spaß gemacht. Und ich krieg vom DSF noch ein biss'l Geld dazu, dass der Urlaub dabei rausspringt.

Ihre Experten-Kollegen Lattek und Breitner werden ja eher für verbale Hinrichtungen bezahlt als für nüchterne Analysen. Sie etwa nicht?

Als ehemaliger Trainer werde ich die heißeste Position im Fußball immer in Schutz nehmen. Selbst wenn ein Trainer bei einer Auswechselung völlig danebengreift, werde ich ihn dafür nicht kritisieren. Und wissen Sie warum? Weil der nach dem Spiel in seinem Kämmerchen sitzt und sich am liebsten selbst dafür auf die Schnauze hauen würde. Warum muss der Klugscheißer Meyer, dem das selbst oft genug passiert ist, das dann noch vor allen Leuten sagen?

Weil das Meyers neuer Job ist.

Ich habe mit dem DSF vereinbart, dass wir probeweise bis Weihnachten zusammenarbeiten. Wenn ich zu unkritisch bin, müssen wir uns eben trennen. Loyalität gegenüber meinen Kollegen geht vor. Es reicht doch eine kleine Bemerkung, schon geht eine Kampagne los. Das beeinträchtigt die Arbeit der Trainer.

War das bei Ihnen auch so? Man hat es Ihnen ja nicht immer leicht gemacht.

Es hat mir aber auch keiner echt schwer gemacht. Da würde sich die Presse, speziell der Boulevard, deutlich überschätzen. Wissen Sie, als Trainer lese ich diesen ganzen Schund doch gar nicht. Mein Pressesprecher hat mir immer nur solche Artikel vorgelegt, die für Unruhe in der Mannschaft sorgen - damit ich reagieren kann.

Eine Mannschaft nimmt das schon wahr.

Für die sind Sensationsgeschichten das Evangelium. Sehr zu meinem Leidwesen. Das liegt aber auch daran, dass eine Fußballmannschaft nicht intellektueller ist als der Querschnitt der Gesellschaft.

Was stört Sie eigentlich so an der Fußball-berichterstattung?

Dass oft Themen produziert werden, die gar keine sind. Nehmen Sie das Beispiel Hitze. Kaum scheint mal die Sonne, wird dauernd die Sonne thematisiert. Von einem aus dem Fußball wäre dieses Thema nie gekommen, weder von der DFL, noch von Spielern oder Trainern. Es ist völlig weltfremd in die Diskussion gebracht worden, bis man einen Trainer gefunden hat, der sagt: Es wäre schön, wenn man abends spielen würde. Am Ende stehen die Fuáballer wieder als Millionarios da, denen es zu warm ist, ihre Pflicht zu erfüllen. Dann heißt es: Arbeiter am Hochofen machen auch ihren Job. Unter dem Strich bedeutet das: Fußballer kassieren viel Geld und sind verweichlicht. Da werden nur Klischees bedient.

Aber Sie arbeiten doch beim DSF. Warum stellen Sie es denn nicht richtig?

Ach, ich kann mich doch nicht bei jedem Thema melden und sagen: Herr Lehrer, ich weiß was. Das geht schlecht. Ich war bei dem Thema sogar einmal im Studio. Haben Sie das etwa nicht gesehen?

Ähm, sorry, nee.

Schon gut, entschuldigt. Also, auf jeden Fall holen die dann noch einen Sportwissenschaftler ran, der sagt, dass im Altersheim die Leute sterben und dass ein Spieler aus Kamerun auf dem Platz tot umgefallen ist. Was er nicht sagt, ist, dass unsere Spieler regelmäßig sportärztlich untersucht werden und fachmännisch betreut. Die werden ganz sicher nicht tot umfallen.

Wie geht's denn eigentlich mit Ihnen als Trainer weiter?

Keine Ambitionen. Ich bin 60, ich mach das schon seit 32 Jahren, das ist eine lange Zeit. Länger, als ich das vorgesehen hatte.

Das hat Udo Lattek ja auch immer gesagt. Und Sie, als "Lattek des Ostens" ...

Da! Sehen Sie! Das ist für mich der Beweis, dass dieses Zentralorgan die gesamte Presse im Griff hat. "Lattek des Ostens" - das habe ich nie gesagt.

Wo kommt das dann her?

Aus der ersten Pressekonferenz in Mönchengladbach. Damals kannte mich niemand, und ich sollte etwas über mich erzählen. Also hab ich gesagt: Wenn ich nach meiner 20-jährigen Trainertätigkeit in der DDR in Rostock oder sonstwo unterwegs bin, erkennen mich die Leute, so wie sie hier prominente Trainer erkennen, sagen wir mal Udo Lattek. Am nächsten Tag stand in der "Bild": "Hans Meyer: Ich bin der Lattek des Ostens". Das haben sie dann alle 14 Tage in schöner Regelmäßigkeit wiederholt. Ich könnte Ihnen noch viele, viele andere Anekdoten dieser Art erzählen. Wie viel Platz haben Sie denn noch für Ihr Interview?

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