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Interview mit Hertha-Manager Dieter Hoeneß: "Wir sind keine Sensation"

Die Idee seines Bruders Uli, für Fußball im TV eine Art GEZ-Gebühr einzuführen, hat für Aufregung gesorgt. Im Interview mit stern.de spricht der Manager des Bundesliga-Spitzenreiters Hertha BSC Berlin, Dieter Hoeneß, über "staatliches Pay-TV", den von ihm vorhergesagten Berliner Höhenflug und Bad-Boy Patrick Ebert.

Herr Hoeneß, können Sie sich eigentlich an einen Moment erinnern, als Sie im Olympiastadion auf der Tribüne saßen und gedacht haben: So, jetzt können wir Meister werden?

Ganz ehrlich: Ich beschäftige mich nicht mit dem Thema Meisterschaft. Das ist nicht aufgesetzt. Das ist so. Es gibt aber kleinere Charaktertests, die eine Mannschaft bestehen muss, um Größeres zu leisten. Bei uns war das der Sieg in Cottbus. In Cottbus haben wir in der Vergangenheit auch wegen der fehlenden Einstellung zuletzt immer schlecht ausgesehen. Dieses Mal hat die Mannschaft dort große Moral gezeigt und nach einem Rückstand relativ souverän gewonnen. Das spricht für einen gewissen Reifeprozess bei Hertha BSC Berlin. Natürlich geht es mir auch um die Punkte, aber wichtig für ein Team ist es vor allem auch, sich als Gruppe weiterzuentwickeln und zu sehen, dass man sich permanent verbessert.

Die Hertha führt die Tabelle an. Und das, obwohl andere Teams wie Bayern, der HSV aber auch Werder Bremen nominell sicher stärker besetzt sind. Sind Sie überrascht, dass Berlin so gut dasteht?

Ich habe vor anderthalb Jahren eine ähnliche Entwicklung prognostiziert. Dass wir jetzt zehn Spieltage vor Schluss Tabellenführer sind, habe ich natürlich nicht vorhersehen können. Aber ich habe immer gesagt, dass wir ein Jahr als Übergangsjahr im gesicherten Mittelfeld anstreben, das ist auch so eingetreten. In dieser Saison wollten wir unter die ersten Fünf, also in den Uefa-Cup. Ja und danach kommt dann die Champions League, in der wir nach der nächsten Saison mitspielen wollen. Wir sind auf einem guten Weg - aus zwei Gründen: Wir haben den Charakter der Mannschaft verändert. Die Mentalität der Typen ist eine andere. Wir haben uns nicht ohne Grund von Kevin-Prince Boateng getrennt. Und als zweites muss man natürlich den Trainer Lucien Favre anführen. Er trägt dieses Konzept. Er hat diesen Umbruch innerhalb der Mannschaft vollzogen. Ich hatte daran auch nie einen Zweifel. Um auf ihre Frage zurückzukommen: Nein, ich bin nicht überrascht, dass wir so gut dastehen. Das ist für uns keine Sensation. Wir sind natürlich ein bisschen besser als erhofft, aber es ist ja alles auch sehr eng oben. Die Ergebnisse sind knapp. Man kann ganz schnell auf Platz fünf zurückfallen.

Wer oben steht, wird von der Konkurrenz attackiert - auch verbal. Die Störfeuer nehmen zu. Sie waren ja selber Bundesliga-Profi, wie kann man sich dem eigentlich entziehen?

Wir haben gute Typen. Die Jungs springen eben nicht auf jeden Zug auf und kommentieren die Angriffe der Konkurrenz. Die Mannschaft ist klug. Nach Siegen gehen wir häufig alle zusammen zum Italiener, aber solche Abende ufern nie aus. Jeder weiß genau, wie er sich professionell zu verhalten hat. Da brauchen wir aus der Leitung auch gar nicht groß einzugreifen. Die Spieler wissen ganz genau, dass jede Ablenkung stört. Insofern prallen die Störfeuer auch total an den Jungs ab.

Ihr Bruder Uli steht in München für die Abteilung Attacke. In Richtung der Hertha teilt er derzeit auffallend wenig aus. Nimmt er Sie etwa als Meisterschaftskandidat nicht ernst, oder hat das was mit der Wahrung des Familienfriedens zu tun?

Ach wissen Sie, der Uli hat auch kapiert, dass es jetzt mal an der Zeit ist, sich auf sich selbst bzw. die Bayern zu konzentrieren. Aber klar ist auch, dass er bei anderen Vereinen immer ein bisschen mehr in die Tasten haut als bei uns. Wer weiß, vielleicht kommt ja doch noch was (lacht). Spaß beiseite: Wir beschäftigen uns nur mit uns selbst, und wenn andere sich mit uns beschäftigen, spricht das doch nur für unsere gute Arbeit. Wir wissen, was wir können. Und wir wissen auch, was wir noch nicht können. Wir realisieren sehr wohl, dass in der Liga mit Respekt über uns gesprochen wird. Die Konkurrenz weiß, dass Hertha im Frühjahr 2009 kein Zufallsprodukt mehr ist. Das weiß mein Bruder auch.

Bleiben wir noch kurz bei Ihrem Bruder. Uli Hoeneß wirkt oft bissig, manchmal kommt er fast aggressiv rüber. Sie dagegen scheinen entspannter und lockerer zu sein. Wünschen Sie sich in bestimmten Situationen die Bissigkeit Ihres Bruders?

Ich kann in bestimmten Situationen sehr emotional und impulsiv sein. Da unterscheiden wir uns vom Charakter eigentlich gar nicht. Es gibt bei mir sicher keinen Mangel an Leidenschaft und Engagement. In einer Medienstadt wie Berlin muss man sich auch wehren können. Ich stelle mich dann auch gerne vor die Mannschaft und schütze, da kann ich durchaus auch mal aufbrausend werden. Man darf auch nie vergessen: Als Marktführer, und das sind ja die Bayern, darf man auch mal Attacken reiten. Wir hatten da in der Vergangenheit viel zu sehr mit uns selbst zu tun. Wir konnten uns das gar nicht leisten. Uli darf das.

Was halten Sie eigentlich von seiner Idee, so eine Art GEZ-Gebühr für Fußball im Fernsehen einzuführen?

Damit ist er natürlich angeeckt. Aber ich finde es völlig legitim, wenn man sich dem Thema "staatliches Pay-TV" mal ganz sachlich nähert. Wie kann man des Deutschen liebstes Kind - und das ist nun mal der Fußball - wieder so wettbewerbsfähig machen, dass man eben nicht immer voller Neid rüber auf die Insel gucken muss? Das fragen wir uns alle und mein Bruder als Wortführer der Bundesliga darf so eine Idee auch äußern. Eine sachliche Diskussion über das Thema muss möglich sein.

Zurück zum Sportlichen: Andrey Voronin ist der Mann der Stunde bei der Hertha. Was unterscheidet Ihren Stürmer von anderen Top-Stürmern in Europa?

Er hat auf dem Platz eine unglaubliche Präsenz und ist eigentlich permanent anspielbereit. Dazu kommt, dass er in England gelernt hat, seinen Körper noch besser einzusetzen. Und noch etwas: Andrey ist auch in der Mannschaft ein Leader, er setzt Akzente und kann die Kollegen wachrütteln. So was nennt man positiv-aggressiv. Genau so ein Typ Spieler hat uns in der Mannschaft noch gefehlt.

Voronin ist aber nur ausgeliehen von Liverpool. Und bezahlen können Sie ihn nur, wenn sich Hertha für die Champions League qualifiziert. Gibt es nicht doch noch einen Plan B, um ihn zu halten?

Natürlich spielen wir alles Mögliche gerade durch. Wir prüfen Investments, denken über Ausgabe von Hertha-BSC-Genussscheinen nach. Ich kenne schon einige, die in der heutigen Zeit ihr Geld lieber bei der Hertha anlegen würden, als es der Bank zu geben. Wir suchen derzeit an allen Fronten nach Finanzierungsmöglichkeiten - auch im Sponsoringbereich. Übrigens nicht nur was den Fall Voronin betrifft, es geht hier ja auch um das große Ganze. Klar ist bei einem möglichen Transfer von Voronin im Sommer nur eines: Der Anteil an Fremdkapital wird auf keinen Fall erhöht. Wir werden wegen Voronin keine Schulden machen. Stand heute könnten wir ihn uns nicht leisten, das weiß er auch. Im schlimmsten Fall muss er eben nach Liverpool zurück. Da verdient er ja auch ganz anständig (lacht).

Wenn Voronin wirklich zurückgehen sollte, müssten Sie dann nicht Marko Pantelic unbedingt versuchen zu halten?

Marko Pantelic hat Großes bei der Hertha geleistet. Er hat auch seinen Anteil am derzeitigen Tabellenplatz. Er hat Defizite, und er hat seine Stärken. Ohne seine Tore hätten wir vielleicht gar nicht das von mir erwähnte Konzept so durchziehen können. Aber wir blicken gerade zurück, das liegt ja alles in der Vergangenheit. Erfolge in der Vergangenheit bedeuten nicht automatisch, dass man auch in Zukunft erfolgreich zusammenarbeitet. Man darf nicht vergessen, dass Marko im Sommer 31 wird. Sagen wir mal so: Es ist nicht unbedingt damit zu rechnen, dass er noch vier, fünf Jahre auf Topniveau spielen wird. Deshalb schauen wir uns auch schon jetzt nach Alternativen um. Wir müssen für den Fall gerüstet sein, dass beide Stürmer uns im Sommer verlassen. Bei Voronin ist der Fall klar, ihn wollen wir. Bei Pantelic verhält es sich anders, wir werden gemeinsam die Saison Revue passieren lassen und dann schauen wir, was für beide Seiten das Beste ist. Wichtig ist, dass wir die Entscheidungsfreiheit haben. Darum sichten wir eben jetzt schon neue Leute. Übrigens, was man immer leicht vergisst: Marko hatte letztes Jahr ein Angebot von uns vorliegen, das er abgelehnt hat. Wenn er den Vertrag unterschrieben hätte, würden wir doch jetzt gar nicht diskutieren. Er hatte damals andere Vorstellungen, vielleicht hat er die heute auch noch. Wir haben das Thema jedenfalls zurückgestellt und werden uns mit anderen Optionen beschäftigen.

Was zeichnet eigentlich die Arbeit von Trainer Lucien Favre aus?

Ich bin absolut überzeugt davon, was er auf dem Trainingsplatz leistet. Er gibt der Mannschaft eine Struktur und ist in der Lage, jedem Einzelnen zu vermitteln - egal auf welcher Position - was er zu tun hat. Es gibt viele Trainer, die an der Tafel ganz tolle Ratschläge erteilen, bei denen es dann aber bei der Methodik auf dem Trainingsplatz hapert. Favre kann beides, er hat die Mannschaft soweit, dass sie im Halbschlaf weiß, was sie wann zu tun hat. Das hat natürlich seine Zeit gebraucht, wir wussten das und deshalb haben wir ihm die Zeit auch gegeben. Jürgen Klinsmann ist bei den Bayern angetreten, um jeden Spieler ein bisschen besser zu machen. Genau wie Lucien Favre. Und ich glaube auch, dass ihm das gelingt.

In Hamburg ist die Euphorie rund um den Titelkandidaten HSV enorm, in Berlin geht es so langsam auch los. Aber es hat wieder einmal gedauert, bis die Hauptstadt ihre Liebe zur Hertha entdeckt hat. Erklären Sie doch bitte mal dieses Phänomen?

Ein leidiges Thema. Also ich hole mal etwas aus: In Hamburg habe ich ja selber früher oft gespielt. Damals noch im alten Volksparkstadion. Ehrlich gesagt war da von Euphorie nie was zu spüren. In Hamburg hat sich die Euphorie über das neue Stadion entwickelt. Manchmal wundere ich mich übrigens sehr über die Aussagen meines Kollegen in Hamburg (Vorstands-Chef Bernd Hoffmann, Anm. der Red.), der ja immer mal ganz gerne ein paar Pfeile zu uns nach Berlin abschießt. Für die Euphorie in Hamburg kann er nichts, da schmückt er sich gern mit fremden Federn. Das neue Stadion hat Werner Hackmann (verstorbener ehemaliger HSV-Boss, Anm. der Red.) gebaut. Das neue Stadion hat in Hamburg zu einem kompletten Stimmungswandel geführt. Die Euphorie war auf der Stelle da, egal ob der HSV gut oder schlecht gespielt hat. Natürlich ist es schwieriger, unser Stadion zu vermarkten. Und es stimmt ja auch, dass erst Stimmung aufkommt, wenn die Bude voll ist. Man muss das Olympiastadion erst mal füllen. Aber es gibt noch mehr Faktoren: Wir haben eigentlich eine ganze Generation an Fans verloren. Als ich nach Berlin gekommen bin, hat die Hertha vor 5.000 Fans gespielt. Das ging über 15 Jahre so. Der Vater ist eben nicht mit seinem Sohn ins Stadion gegangen. Der Sohn ist also nicht mit der Hertha aufgewachsen. Es gab für ihn kein Ritual, mit dem Vater am Samstag ins Stadion zu gehen. Das ist wirklich erst in den letzten zehn bis zwölf Jahren wieder entstanden. Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Punkt: In den letzten zehn Jahren sind eine Million Menschen nach Berlin gezogen. Das sind Erwachsene, alles potenzielle Kunden, die aber alle - wenn sie denn fußballinteressiert sind - ihren Heimatverein als große Liebe mitgebracht haben. Aus Hamburg, aus Bremen, aus Stuttgart. Und die müssen sie erstmal Stück für Stück zur Hertha locken. Dann sind da natürlich noch die 1.600 anderen Events pro Monat in Berlin. Nicht zu vergessen die anderen Top-Sport-Ereignisse, die ganze Angebots-Palette ist enorm groß. Wir sind eben keine reine Fußballstadt. Wichtig wird auch sein, dass Union Berlin weiter nach oben klettert. So eine gesunde Rivalität wie beispielsweise in Hamburg. zwischen dem HSV und St. Pauli kann in einer großen Stadt nicht schaden. Im Moment machen wir uns natürlich mit guten Leistungen zum Gesprächsthema in der Stadt. Und ja, ich kann sagen, die Berliner sind wieder stolz auf die Hertha. Das ist genau die Chance, die wir jetzt nutzen müssen, um neue Fans dazuzugewinnen.

Letzte Frage Herr Hoeneß, sie haben im Interview den Charakter der Mannschaft angesprochen - und auch besonders herausgestellt. Wie sehr stört es Sie, dass Patrick Ebert mit seinem Verhalten den Hertha-Kodex jetzt verletzt hat?

Es ärgert mich schon enorm. Der Patrick ist ein anständiger Kerl, aber er muss eben auch lernen, mal nein sagen zu können. Es ist schon auffällig, wir kriegen immer wieder etwas zu hören, wenn Kevin-Prince Boateng in der Stadt ist. Das ist definitiv so. Es wäre falsch, jetzt Kevin allein die Schuld zu geben, Patrick Ebert ist ein erwachsener Mann, er kann für sich selbst entscheiden. Es ärgert mich, dass er nicht begreift, dass er ein Vorbild für die Jugend ist, dass er Verpflichtungen hat. Es ist ja nicht das erste Mal, dass er bei der Hertha negativ-auffällig geworden ist. Wir haben nach langen Gesprächen darauf gesetzt, dass die Einsicht kommt. Die ist nicht gekommen und deshalb musste er jetzt auch mal einen vor den Latz bekommen. Die vorläufige Suspendierung vom Trainings- und Spielbetrieb sowie eine hohe fünfstellige Geldstrafe sollten Strafe genug sein, um ihm aufzuzeigen: Junge, das war der falsche Weg.

Interview: Klaus Bellstedt

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