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Interview mit Joachim Löw: "Da geht man in die Geschichte ein"

Bundestrainer Joachim Löw schaut voller Vorfreude auf die Gruppenauslosung zur Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika. Im Interview spricht Löw über die erste Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent, die Aussichten für sein Team und die Faszination der WM.

Was erwarten Sie vom WM-Turnier 2010?
Es wird ein reizvolles, aber auch ein schwieriges Turnier, mit Bedingungen, die wir bisher noch nicht so genau kennen. Es gibt extreme Höhenunterschiede bei den Spielorten von Kapstadt auf Meereshöhe bis Johannesburg in 1700 Meter Höhe. Dazu ist Winterzeit. Da jedoch alle Mannschaften die gleichen Bedingungen vorfinden, gibt es keine Ausreden.

Mit welchen Gefühlen fliegen Sie nach Südafrika? Ein großes Thema ist die Sicherheit. Ist auch etwas Angst dabei?
Nein. Ich gehe davon aus, dass der Weltverband FIFA und Südafrika alles dafür tun werden, dass der Sicherheitsaspekt überall entsprechend berücksichtigt wird. Wie bei jedem Turnier ist dieser Aspekt wichtig, und es wird daher von den WM-Organisatoren ständig daran gearbeitet.

Wird es dennoch Auswirkungen auf die Vorbereitung des deutschen Teams geben?
Wir können uns sicher nicht so frei bewegen wie bei der WM in Berlin 2006 oder bei der EM 2008 in der Schweiz. Darauf muss sich die Mannschaft einstellen. In der täglichen Arbeit wird es keine Auswirkungen haben.

Wann wäre das Turnier für das deutsche Team ein Erfolg?
Wenn eine deutsche Mannschaft bei einem Turnier antritt, kann man nicht mit dem Ziel starten, nur die Gruppenphase zu überstehen. Das wird daher auch nicht unser Anspruch sein. Das Ziel, Weltmeister zu werden, haben aber viele Mannschaften. Es gibt viele Favoriten, die auf ganz hohem Niveau spielen können. Selbstverständlich wollen auch wir versuchen, so weit wie möglich zu kommen und das Turnier zu gewinnen. Das ist schon das Ziel.

Sie sprachen von einem "guten Gefühl" für das Turnier. orauf ist dies begründet?
Wir sind sicher ein Stück reifer geworden. Einige Spieler sind ja schon seit dem Confed Cup 2005 dabei, alle sind in einem sehr guten Fußball-Alter. Dazu kommen Spieler wie Miroslav Klose und Michael Ballack mit viel Erfahrung. Auch taktisch haben wir eine positive Entwicklung gemacht. In den beiden wichtigen Spielen gegen Russland in der WM-Qualifikation und auch bei einigen EM-Begegnungen haben wir gesehen, dass wir taktisch in der Lage sind, sehr gut zu spielen. Und immer, wenn wir diese Ordnung abgerufen haben, waren wir auch in der Lage, gegen ganz starke Nationen zu bestehen und zu gewinnen.

Die WM strahlt schon immer eine besondere Faszination aus. Wie sehen Ihre ersten persönlichen Erinnerungen aus?
Die Weltmeisterschaft, an die ich mich zuerst erinnere, war die 1970 in Mexiko. Da habe ich erstmals die WM-Spiele im Fernsehen verfolgt. Das Viertelfinale gegen England und das Halbfinale gegen Italien waren schon Spiele, die immer in Erinnerung bleiben. Bewusst erlebt habe ich dann 1974.

Bekommt ein Trainer als Hauptdarsteller bei der großen Anspannung vom Erlebnis WM überhaupt etwas mit?
Natürlich. Ob die WM in Deutschland oder die EM 2008 - als Trainer waren das absolute Höhepunkte. Weil da in der ganzen Welt unglaubliche Spannung und Begeisterung herrscht. Da geht man in die Geschichte ein bei diesen großen Turnieren. Es ist deshalb eine unglaubliche Freude, dabei zu sein.

Was bedeutet das Turnier für Afrika? Und was trauen Sie den afrikanischen Teams zu?
Die afrikanischen Mannschaften haben in den vergangenen 10, 15 Jahren eine enorme Entwicklung genommen. Die Spieler sind ja alle bei Top-Mannschaften unter Vertrag, bei Chelsea, Barcelona oder Arsenal. Die Afrikaner sind inzwischen auch physisch enorm stark. Das hat man zuletzt bei unserem Spiel gegen die Elfenbeinküste gesehen. Vor allem aber sind sie immer besser taktisch geschult. Die Spieler mussten Disziplin lernen in den großen Vereinen. Auf ihrem eigenen Kontinent, zum ersten Mal in der WM-Geschichte überhaupt, wollen sie der ganzen Welt ihre Qualität zeigen. Das macht sie gefährlich für die Konkurrenz.

Die großen Nationen sind 2010 alle dabei. Dazu kommen einige neue Gesichter. Wer sind Ihre Top-Favoriten?
Brasilien und Argentinien zählen von Tradition und Besetzung immer zu den Favoriten. Die Afrikaner muss man mit beachten. Und natürlich die Europäer, die in den vergangenen zwei, drei Jahren den Ton angegeben haben. England ist in der WM-Qualifikation ungeschlagen geblieben. Holland ist wie immer gut. Und vor allem Spanien. Das ist seit drei, vier Jahren die konstanteste Mannschaft, weil sie alles gewonnen hat außer dem Confed Cup - eine unglaubliche Serie.

Jens Mende/DPA / DPA

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