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Interview mit Thomas Schaaf: "Ich definiere mich nicht allein über Titel"

Selbstbewusst und unaufgeregt: Werders Fast-Meistertrainer Thomas Schaaf im Gespräch über das Erfolgsgeheimnis seines Teams, Miroslav Klose und sein persönliches Trainer-Credo.

Das Interview mit Werders Trainer Thomas Schaaf führte Sven Bremer.

Nach dem 4:4-Fußballfest in Stuttgart haben sie immer noch neun Punkte Vorsprung auf die Bayern. Dennoch wollen Sie noch nichts von einer Vorentscheidung im Titelkampf wissen. Woher kommt diese "Von-Spiel-zu Spiel-Denke"?

Schaaf: Dieses Denken von Spiel zu Spiel habe ich schon als Spieler von Werder Bremen so kennen gelernt. Habe erfahren, wie wichtig es ist, sich immer wieder von Neuem auf die kommenden Aufgaben zu konzentrieren. Stuttgart war ein tolles Spiel, auch wenn wir Gegentore bekommen haben, die mir gar nicht passen. Aber jetzt kommt Freiburg, und mit nichts anderem beschäftige ich mich in dieser Woche. Der Sportclub ist ein ganz anderer Gegner. Auswärts waren sie bislang nicht so stark. Aber es wird alles andere als ein Spaziergang.

Und Sie haben sich wirklich noch nicht dabei erwischt, wie sie hochrechnen bei einem Blick auf das Restprogramm von Werder, Bayern und Stuttgart?

Schaaf: Nein, das kann machen wer will. Mein Job ist das nicht. Ich kann das doch sowieso nicht beeinflussen. Da richte ich doch lieber das Augenmerk auf die Dinge, die ich beeinflussen kann. Darauf, was wir für eine Leistung im kommenden Spiel anbieten können.

Was zeichnet ihre Mannschaft aus, wie würden Sie die Mentalität dieses Teams beschreiben?

Schaaf: Die Mannschaft passt aufeinander auf. Die Spieler haben Verantwortung füreinander übernommen. Man hat es in Stuttgart gesehen, vor allem aber davor in Wolfsburg. Ich habe Ailton ausgewechselt, weil ich das Gefühl hatte, er trifft an dem Tag gar nichts. Und dann sind die Mitspieler hingegangen und haben ihn aufgemuntert. Es ist doch so: nur wenn die Mannschaft sich als Einheit präsentiert, dann kann auch der Einzelne glänzen. Nicht umgekehrt.

Der Ex-Bremer Karlheinz Riedle sagte in Stuttgart: Das aktuelle Team ist besser als die Meistermannschaften von 1988 und 1993.

Schaaf: Ich stehe nicht so auf Vergleiche. Es ist nicht so mein Ding, in der Vergangenheit herumzuwandeln. Es ist doch viel schöner, sich mit den Sachen auseinander zu setzen, die jetzt passieren.

Oder damit was nicht passiert ist. Nämlich der Einbruch nach der Winterpause, den viele Werder Bremen vorausgesagt hatten.

Schaaf: Wir hatten in diesem Jahr alle Spieler im Trainingslager zur Verfügung, bis auf den verletzten 'Toni'. In seinem Fall allerdings hatten wir dazu gelernt. Wir haben ihn in Bremen gelassen, weil wir wussten, dass er da am schnellsten wieder gesund wird. Ansonsten konnten alle konstant trainieren und die Vorbereitungsspiele absolvieren.

Das alleine kann es doch nicht sein. In welchen Punkten ist die Mannschaft weiter als in der Vorsaison?

Schaaf: Uns war vor der Saison klar, dass wir die Mannschaft nicht noch mehr verjüngen können. Wir mussten mehr Erfahrung holen. Junge Spieler sind nun einmal größeren Schwankungen unterworfen. Also haben wir Spieler wie Valérien Ismael, Ümit Davala oder Andreas Reinke verpflichtet. Persönlichkeiten, die bereits stabil sind und ihre Erfahrung weiter geben können. Dennoch muss es so sein, dass jeder Einzelne aus sich selbst heraus immer wieder sagt: da muss mehr kommen bei mir. Das ist bei uns gegeben. Die Saison hat gezeigt, dass ich jederzeit einen Christian Schulz, einen Nelson Valdez oder einen Tim Borowski bringen kann. Insgesamt haben wir an Klasse gewonnen.

Danach sah es ganz zu Beginn nicht aus. Hatte die blamable 0:4-Pleite im UI-Cup gegen Superfund Pasching etwas Lehrreiches?

Schaaf: Sie hatte vor allem erst einmal etwas Furchtbares. Es war eine Schmach. Aber es hat uns bestimmt für den Saisonstart geholfen. Aber nur für den Start. Sie wissen ja, wir denken von Spiel zu Spiel...

Dennoch startet Werder seitdem durch. Sie dürfen sich Ihres Jobs sicher sein. Hatten Sie je Angst um ihren Arbeitsplatz in den vergangenen fünf Jahren?

Schaaf: Nein, ich hatte nie Angst um meinen Job. Wenn der Verein mit meiner Arbeit nicht zufrieden ist - dann ist das halt so. Anders herum ist es doch genau so. Es muss passen. Ich muss das Gefühl haben, dass ich meine Vorstellungen umsetzen kann. Wenn das gegeben ist, kann man zusammenarbeiten.

Können Sie die Diskussionen um Ottmar Hitzfeld nachvollziehen?

Schaaf: Überhaupt nicht. Die ganze Art und Weise wie die Kritik gesetzt wird, gefällt mir nicht. Es kann doch nicht angehen, dass ein Mann, der so viele Erfolge errungen hat, so in Frage gestellt wird.

Mit der Teilnahme an der Champions League müssen Sie rechnen. Hat Werder den Kader für die „Königsklasse“. Und was erwarten Sie von Miroslav Klose?

Schaaf: Wir müssen sehen, was auf uns zukommt. In Panik werden wir nicht verfallen. Wir haben mit Ailton und Krstajic zwei Abgänge. Aber ich bin mir sicher, dass wir auch mit Frank Fahrenhorst, Gustavo Nery gut bestehen können. Und Miroslav ist einer der besten Stürmer überhaupt in der Bundesliga. Er hat zuletzt beim 1. FCK ein wenig gelitten, weil er sein Potenzial dort nicht so abrufen konnte. Wir sind von seinen Qualitäten absolut überzeugt. Pech für ihn, dass er sich am Sonntag in Hamburg verletzt hat. Gute Besserung von hier aus.

Nun gibt es so genannte Experten, die behaupten, Werder müsse sein Spiel umstellen, weil Klose ein anderer Stürmertyp sei als Ailton?

Schaaf: Ja, es heißt ja schon, es würde ein schneller Stürmer gehen, dafür ein langsamer kommen. So ein Quatsch. Miros Stärke im Kopfballspiel ist doch eine zusätzliche Qualität.

Er hat auch unterschrieben, weil er glaubt, in Bremen den richtigen Trainer und ein für ihn passendes Umfeld zu finden. Wie würden Sie sich als Trainer beschreiben?

Schaaf: Na, eigentlich müssen das andere machen. Ich versuche halt meinen Job zu machen. Ich bin offen für die Spieler, ich bin da um zu helfen. Meine Arbeit ist es, dafür zu sorgen, das sie ihr Potenzial abrufen. Und da versuche ich, vernünftig mit den Spielern zu kommunizieren. Ich bin bestrebt, sie zu überzeugen. Aber es nützt nichts, wenn man ihnen alles vorsagt. Eine gewisse Eigenverantwortung muss gegeben sein.

Offensichtlich treffen Sie den richtigen Ton. Wie und wo haben Sie das gelernt?

Schaaf: Ich habe da jetzt nicht speziell etwas darüber gelesen. Aber es ist doch klar, dass man nicht alle über einen Kamm scheren kann. Das gibt einem doch das Leben vor. Ich beschäftige mich ja auch schon mit dem Menschen, bevor er überhaupt bei uns spielt. Was ist das für einer, was hat der für Gedanken? Daraus resultiert natürlich auch der Umgang.

Der Fußballlehrer muss also auch etwas von Menschenführung und Psychologie verstehen?

Schaaf: Ja, das ist wichtig. Das ist aber auch das Interessante an meinem Job. Und wenn das bei mir nicht klappt, dann ist immer noch der Co-Trainer oder der Sportdirektor da.

Sie haben als Trainer bislang einen Titel holen können, den DFB-Pokal 1999. Allerdings waren Sie damals gerade erst im Amt. Wie groß ist Ihr Anteil an dem Erfolg?

Schaaf: Der war schon wichtig. Das Finale ist schließlich ein besonderes Spiel. Aber Lob und Anerkennung gehört vor allem den Kollegen, die Werder damals da hin gebracht haben. Aber ich definiere mich auch nicht alleine über Titel. Die sind schön, aber nicht das Wichtigste. Titel spiegeln in einer gewissen Weise deinen Marktwert wieder, okay. Aber nur über einen Titel kann ich doch die Arbeit eines Trainers nicht beurteilen.

Ein zweiter Platz in der Meisterschaft wäre also auch ein Erfolg für Sie?

Schaaf: Eines muss man mal festhalten: was die Mannschaft bisher geleistet hat, ist mehr als großartig. Aber natürlich wäre es besonders für die Fans ein große Enttäuschung, wenn am Ende nichts dabei rumkommt.

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