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DFB-Elf gegen Brasilien Von wegen zwei Anzüge: Es überraschte vor allem, welche zwei Spieler deutlich abfielen

Bei Manchester City unter Pep Guardiola in Topform - bei der Nationalmannschaft fehlte noch der Anschluss: Leroy Sané
Bei Manchester City unter Pep Guardiola in Topform - bei der Nationalmannschaft fehlte noch der Anschluss: Leroy Sané
© Matthias Hangst / Getty Images
Beim 0:1 gegen Brasilien darf sich der Bundestrainer Joachim Löw bestätigt sehen: Diese deutsche Nationalelf mag eine Vielzahl profilierter Kräfte in ihren Reihen führen – auf die etablierten Weltmeister von 2014 kann sie deshalb noch lange nicht verzichten.
Von Mathias Schneider, Berlin

Zu den Primärtugenden des Fußballspielers Toni Kroos, 28, geboren in Greifswald, wohnhaft in Madrid, gehört zweifellos, dass er sich nicht allzu leicht aus der Ruhe bringen lässt. Selbst vor großen Spielen steigt sein Puls nur unwesentlich an, er braucht keine Rituale, um in seiner inneren Mitte zu bleiben. Er regt sich einfach nicht allzu schnell auf, der Kroos, spätestens seit der Weltmeisterschaft 2014 ein zu jeder Zeit unverzichtbarer Bestandteil in den Planungen des Bundestrainers Joachim Löw.

Berichterstatter aus aller Welt spitzten deshalb die Ohren, als Kroos Dienstagnacht im zugigen wie eiskalten Olympiastadion vor die Mikrofone trat, um Fußball-Deutschland und ein paar seiner Kollegen mal ordentlich den Marsch zu blasen. "Wir haben klar gesehen, dass wir doch nicht so gut sind wie manche vielleicht denken. Das war deutlich zu wenig von uns", begann Kroos sein Interview zur Lage der Nationalmannschaft, doch er war noch nicht fertig. Er war noch lange nicht  fertig. "Heute hatten einige Spieler die Chance, sich zu zeigen, haben es aber nicht getan", fuhr er mir ruhiger Stimme fort und schloss ernst: "Ich habe von allen mehr erwartet, da ist eine Menge Luft nach oben." Topfavorit? Nicht bei Kroos.

Joachim Löw auf der PK: "Mir bereitet kaum etwas Sorgen"

Unten, im Bauch des Stadions, saß kurz darauf der Bundestrainer auf der Presskonferenz und wurde gefragt, ob es ihm sorgen bereite, dass seine Elf nun wiederholt in Rückstand geraten sei. "Mir bereitet das keine Sorgen", antwortete Joachim Löw, enger, schwarzer Rollkrangenpullover zur Anzugshose. Ein ganz feines Schmunzeln umspielte seinen Mund, bevor er fortfuhr: "Mir bereitet kaum was große Sorgen. Sie können sicher sein, dass wir uns steigern werden." Von Kroos’scher Skepsis also keine Spur. Ein Mann, der alles schon gesehen hat, sprach da.

Es war also nicht ganz einfach, die unterschiedlichen Befindlichkeiten nach diesem dürftigen 0:1 der Deutschen gegen Brasilien richtig einzuordnen. Hatte nun Kroos Recht mit seiner Philippika wider der Genügsamkeit? Oder traf doch Löws Beschwichtigung eher den Kern – alles Teil des Lernprozesses?

Seltsamer Kick - viel Unordnung 

Dass Löw seine am Freitag gegen die Spanier noch aufgebotene erste Elf kräftig schüttelte und die Brasilianern bei deren Teufelsaustreibung für das 1:7 vor vier Jahren damit mächtig unterstützte, machte die Einschätzung dieses seltsamen Kicks nicht einfacher. Zu einer Art Audition hatte Löw das Duell gegen die Südamerikaner umgedeutet, er würde keine Möglichkeit mehr erhalten, seine WM-Kandidaten vor der Nominierung noch einmal zu erproben.

Also durften Mario Gomez im Sturm, Ilkay Gündogan im Zentrum oder Leroy Sané auf der Außenbahn vorspielen, wie auch Antonio Rüdiger in der Innenverteidigung oder Marvin Plattenhardt als linker Verteidiger. In der zweiten Hälfte sprangen auch noch Lars Stindl und Sandro Wagner im Sturm umher, jede Ordnung hatte sich da bereits aufgelöst. Im Tor stand Kevin Trapp, dessen Stammplatz sich bei Paris St Germain schon vor Monaten auf die Bank verlagert hat.

So viele Wechsel erschwerten gegen aggressiv anlaufende Gäste jede spielerische Ordnung. Doch das allein war es nicht, was Kroos ernst und Löw milde anprangerten, denn auch dem Bundestrainer war aufgefallen: "Vor allem die Körpersprache hat bei vielen Spielern nicht gestimmt."

Mahnung im Gewand eines Komplimentes

So mag die Form ihrer Debattenbeitrage nach der Partie unterschiedlich gewesen sein, inhaltlich lagen Kroos und Löw am Ende nicht weit auseinander, wenn man im Kleingesprochenen genau hinhörte. Wo Kroos brüsk einen Denkzettel verpasste, verbreitete Löw, ganz Pädagoge, die gleiche Einschätzung im Gewand eines Komplimentes: „Der Ilkay“ sei ein Weltklassespieler, im Training habe er das bewiesen, lobte Löw, um dann durchblicken zu lassen, dass sein Mittelfeldmotor nicht den besten Tag erwischt habe.

Bei Leroy Sané, auf dem linken Flügel in der Offensive aufgeboten, habe man ebenfalls gesehen, dass die Bühne Nationalmannschaft eben doch etwas anderes sei, als der Alltag Premier League.

Es überraschte, wer da so deutlich abfiel

Tatsächlich überraschte weniger, dass sich dieser Mischung aus erster und zweiter Mannschaft so schwer tat, sondern eher, wer da so deutlich abfiel. Weder Mario Gomez im Sturm noch Plattenhardt auf der linken Seite hemmten die Bemühungen. Gomez rannte und rannte, und verzeichnete immerhin ein paar Torabschlüsse, Plattenhardt mühte sich links im Rahmen seiner Möglichkeiten, die sich allerdings unterhalb der Weltklasse erschöpfen.

Verwundert rieben sich Fans wie Berichterstatter allerdings beim Anblick von Sané und Gündogan die Augen. Als Stammspieler unter dem großen Pep Guardiola beim designierten Meister Manchester City waren sie angereist, einem der Favoriten auf den Champions-League-Titel. Ein Feuerwerk würden sie abbrennen, die Platzhirsche quasi ganz offiziell herausfordern mit einer starken Leistung, waren sich alle sicher.

Schickte Guardiola zwei Doubles?

Doch es kam dann anders. Hatte der listige Guardiola zwei Doubles geschickt, um zwei seiner Besten eine Verschnaufpause zu gönnen? Wohl kaum, die Verschnaufpause nahmen sich beide dennoch. Gündogan schien bis zu seiner Auswechslung eine Tarnkappe zu tragen. Sané, selbst vom brasilianischen Coach Tite vor der Partie mit Elogen bedacht, spielte mit der Aura eines Jungstars, der nichts mehr zu beweisen hat. Kein Dribbling gewann er in der Offensive und auch in der Rückwärtsbewegung hat man schon selbstlosere Verteidigungsarbeit erlebt. Kein Zweifel, dass vor allem ihm die Kroos’sche Kritik galt.

Löw schien all dies dennoch nicht zu beschweren. Beinahe schien es, als sei er froh, dass seine eigene Elf die Mär von einem unerschöpflichen Reservoir an Weltklassespielern endlich einmal wiederlegt hatte. Seit Jahren ist ihm diese Form der deutschen Fußball-Hybris ja ein Dorn im Auge. "Es wäre vermessen zu sagen, dass es zwei gleichstarke Mannschaften geben kann. Heute waren ein paar junge Spieler auf dem Platz, die ihre Erfahrungen gemacht haben und daraus ihre Lehren ziehen werden." Für ihn galt dies mit Sicherheit auch.

Er hat seine Stammspieler in den letzten Jahren immer gestärkt ­–  Khedira, Müller, vor allem auch Özil. Gespielt hat keiner von ihnen am Dienstag. 

Unumstrittener sind sie dennoch geworden.


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