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Liverpool dominiert Premier League: Die Mär, dass Klopp-Teams keinen Ballbesitz-Fußball können

Was ist nicht alles über Jürgen Klopp geschrieben worden: Motivationskünstler, Gegenpressing-Gott - aber Ballbesitzfußball? Das konnten seine Teams nicht, da waren sich Experten einig. In der furiosen Liverpool-Hinrunde widerlegt Klopp seine Kritiker eindrucksvoll.

Jürgen Klopps Liverpool dominiert die Premier League: "Das bedeutet nichts"

Jürgen Klopps Liverpool dominiert die Premier League: "Das bedeutet nichts"

DPA

Jürgen Klopp kennt es, der Mann der Stunde zu sein. Beim BVB war er es das Mal, als er mit der Borussia die Liga dominierte und die Bayern im Pokalfinale wegfegte. Mit Liverpool war er es im Mai, als er die Reds nach dreizehn Jahren Abstinenz wieder ins Champions-League-Finale führte. Und nun ist er es eben wieder. Klopp steht mit seinem FC Liverpool mit fünf Punkten Vorsprung an der Spitze der Premier League, seine Mannschaft hat noch nicht ein einziges Mal verloren, liefert Tore am Fließband, hat erst sieben (!) Gegentore in der wohl stärksten Liga der Welt kassiert und zermalmt ihre Gegner mit schöner Regelmäßigkeit.

Klopp bleibt dennoch ganz bescheiden und mahnt vor den kommenden Aufgaben (Arsenal, Manchester City) in den kommenden sieben Tagen Ruhe und Konzentration an. "Der Vorsprung in der Liga bedeutet nichts. Ist gut, dass wir vor den nächsten Spielen sechs Punkte mehr haben. Aber das ist es dann auch." Lobeshymnen bekommt Klopp von England-Größen wie Gary Neville vor allem für die Defensiv-Arbeit: "Die Verteidigung ist unfassbar, fantastisch wie Klopp es hinbekommen hat, nicht mehr 50 Tore in der Saison zu kassieren". Vieles davon hat Klopp schon mal gehört, auch der BVB war in seinen Meisterjahren "unfassbar" in der Verteidigung, 2011 gab es 22 Gegentore in 34 Spielen, 2012 ebenfalls nur 25, auch damals war das Lob groß.

Jürgen Klopp und Liverpools neuer Ballbesitz-Fußball

Blickt man auf die Statistiken der Liverpool-Saison, springt noch ein ganz anderer Wert ins Auge, ein Wert, für den Klopp noch nie richtig gelobt wurde, geschweige denn, dass sein Name damit assoziiert wurde: Ballbesitz.

Das ist interessant, weil Klopp bisher eher nicht mit der Kunst des Ballbesitzes in Verbindung gebracht wurde. Viel wurde in der schwierigen Phase mit dem BVB diskutiert. Unter der Überschrift "Dortmunds Problem mit dem Ball", schrieb die "Zeit" Ende 2014: "Der Dortmunder Abenteuerfußball war das aufregendste Projekt im deutschen Fußball. Jetzt steht der BVB auf dem letzten Platz. Weil Jürgen Klopps Team taktisch stagniert." Das stimmte damals so natürlich auch. Allein, Jürgen Klopp wurde seitdem immer wieder konfrontiert, seine Mannschaften könnten doch keinen Ballbesitzfußball spielen. Nur Gegenpressing, nur "volle Power". 

Und jetzt? Hat Liverpool regelmäßig Ballbesitzraten weit jenseits der 50 Prozent. Beim 4:0 gegen gegen Newcastle am Boxing Day waren es 75 Prozent, gegen Wolverhampton am Wochenende zuvor 62 Prozent, sogar gegen Manchester United 63 Prozent, und Ende Oktober gegen Cardiff City gar 85 Prozent. Damals sagte Klopp: "85 Prozent, das ist schon ziemlich unfassbar".

Klopp: "Sind viel wacher, wechseln die Seiten"

Klopp hat offenbar gelernt. Und er selbst ist stolz, dass seine Mannschaft die Pass-Dominanz so umsetzt. Nach dem Sieg gegen Newcastle sagte er: "Wir haben jetzt dreimal in Folge gegen eine Mannschaft mit Fünferkette hinten gespielt. (...) Wenn du 2:0 führst, musst du das Spiel kontrollieren. In der Vergangenheit haben wir die Konzentration verloren. Jetzt sind wir viel wacher, wir können kontrollieren, wechseln die Seiten, wir kreieren immer noch Chancen, weniger zwar, aber trotzdem: Wir machen Tore."

Klopp hat es geschafft, seiner Mannschaft gewissermaßen eine größere Langsamkeit zu vermitteln, nicht nur Vertikal, auch mal Quer, oder wie er sagt, Seitenverlagerungen. Schon 2016, da war er ein Jahr bei Liverpool, betonte Klopp: "Liverpool ist ein Ballbesitzteam". Damals ging es ihm darum, auch andere Strategien zu entwerfen und er wusste, wie er wahrgenommen wurde: "Als ich herkam, haben alle gesagt: 'Er ist sehr emotional, es geht nur ums Gegenpressing'". Genau das hat sein Team mittlerweile in Perfektion drauf, nun geht es offenbar darum, wieder die Strategie anzupassen.

"Smootherer Sound"

Der Statistik-Blog "Statsbomb" hat sich Liverpool näher angesehen und belegt, wie sich das Spiel der Reds in dieser Saison verändert hat. Das Fazit: Gegen Top-Teams wie im wichtigen Champions-League-Spiel gegen Neapel, lässt Klopp Liverpool im altbekannten Power-Gegenpressing spielen. In dieser Saison aber, sehe man "eine Veränderung, in der Art und Weise, wie Klopp sein Team spielen lassen will. Vielleicht wird dieses Team einmal mit den höchsten aller Standards, Manchester City, verglichen werden."

Auch der britische Fußballexperte Adam Bate schrieb schon im November bei "Skysport": "Klopp hat eine klare Vorstellung, wie er spielen lassen will, aber er entwickelt das Team weiter." Bate entwirft ein Bild, das zeigt, wie sehr die Mär darüber, dass Klopp keinen Ballbesitzfußball spielen lassen kann, veraltet ist. Er schreibt: "Klopps berühmter Heavy-Metal-Fußball bekommt nach und nach einen smootheren Sound." Und damit ist Klopp so erfolgreich wie nie bei Liverpool.

Jürgen Klopp

Quellen: "SkySports", "Liverpoolecho",  "Statsbomb", "Zeit"

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