Kevin Kuranyi und die Nationalmannschaft Zur Stunde geliebt, im Sommer vergessen


Kevin Kuranyi gehörte bislang nicht zu Deutschlands Fußballlieblingen. Vermisst hat man den Schalker in der Nationalelf keineswegs, doch auf einmal fordert das ganze Land vom Bundestrainer, ihn zurückzuholen. Aber der hat es gar nicht nötig, sich darauf einzulassen.
Ein Kommentar von Dirk Benninghoff

Im Herbst hieß der Held der Stunde nicht Kuranyi, sondern Kießling. Doch der Mechanismus war ähnlich: Der Leverkusener traf so regelmäßig wie jetzt der Schalker, und wöchentlich wurden die Rufe lauter: "Kießling in die Nationalmannschaft!" Der Bundestrainer erhörte sie Ende Oktober und holte den damaligen Toptorschützen der Liga zurück.

Bei seinem Nachfolger Kevin Kuranyi wird nun schon länger gefordert und gefleht, Jogi Löw möge doch endlich ein Einsehen haben. Bislang war der Verstoßene alles andere als ein nationaler Fußballliebling. Doch nach seinem Doppelpack in Leverkusen und ingesamt 17 Treffern schwenkt jetzt selbst das Fachblatt "Kicker" auf die Linie der Populisten über und fordert das Comeback des Schalkers. Die Kollegen hören auf ihre Leser: Knapp 78 Prozent plädierten in einer Umfrage dafür, dass Löw Kuranyi eine neue Chance gibt. Das Thema bewegt das Land: Fast 25.000 Stimmen wurden bei dem Online-Voting abgegeben.

Zahlen, die nicht lügen können

Bei Kuranyi bleibt Löw hoffentlich standhaft. Zu ungeheuerlich war der Vorfall vom 11. Oktober 2008, den einige Kommentatoren offenbar schon aus ihrem Gedächtnis gelöscht haben. Zur Erinnerung: Löw hatte den Schalker damals beim wichtigen WM-Qualifikationsspiel gegen Russland in Dortmund (2:1) nicht einmal in den 18er-Kader berufen. Dem blieb also nur ein Platz auf der Tribüne. 90 Minuten wollte er dort aber nicht sitzen, zur Halbzeit hatte Kuranyi die Nase voll und verschwand. Freunde holten seine Sachen aus dem Mannschaftshotel. Ein spontaner Ausbruch? Nein, denn Kuranyi hatte Löw nach seiner Ausbootung aus dem Kader bereits angekündigt, dass er das Quartier verlassen werde. Keine mildernden Umstände also, keine "Handlung im Affekt". Stattdessen später eine pflichtgemäße Entschuldigung. Der Bundestrainer hatte die Nase dennoch so voll wie Kuranyi auf der Tribüne und verkündete, ihn nie mehr zu berufen.

Löw rüttelte bis heute nicht an seiner Entscheidung, die Alternativen zum Schalker machten es ihm leicht. Denn was von den Torhütern stets behauptet wird ("Wenn wir überall so wenig Probleme hätten wie auf der Position, ja dann..."), das ließe sich auch über den Angriff sagen. Sind Miroslav Klose und Lukas Podolski doch seit Jahren zuverlässige Torlieferanten, egal ob in Qualifikation, Turnier oder Freundschaftsspiel. Diese Zahlen können nicht lügen: Klose kommt auf 48 Tore in 94 Länderspielen, Podolski traf in 70 Einsätzen 37 Mal. Bei der WM 2006 und der EM 2008 schossen die beiden zusammen insgesamt 13 Tore. In jedem Spiel traf statistisch gesehen ein Mitglied des zeitweise kongenialen Duos, das in der Qualifikation zur WM 2010 ungebrochen gefährlich war. Zwei von drei Toren in den entscheidenden Spielen gegen Russland kamen von "Klodolski".

Fußballgeschichte wiederholt sich

Wozu also Kuranyi? Warum die Diskussion? Dass Klose und Podolski in dieser Saison gerade mal je zwei Tore auf dem Konto haben, ist für Nationalstürmer in der Tat lächerlich. Nur: Beide spielen im Verein seit Jahren durchschnittlich bis schwach, ohne dass ihre DFB-Performance darunter gelitten hat. Sie schienen sich die Torgefahr vielmehr für die Nationalmannschaft aufgehoben haben. Noch einmal Zahlen als Beleg: In der Rückrunde 2007/08 schoss das Duo zusammen nur magere sieben Tore, obwohl man noch vereint beim Deutschen Meister FC Bayern kickte. Bei der anschließenden Europameisterschaft waren es dann insgesamt nur zwei weniger.

Es ist gewiss ein Risiko, darauf zu bauen, dass sich Fußballgeschichte mehrmals wiederholt. Aber Löw sollte es eingehen. Hätte er einen Messi oder Wayne Rooney verbannt, so sollte der Coach seine Entscheidung irgendwann sicher überdenken - aber hier geht es um Kevin Kuranyi. Also um einen Mann, der für seine fahrigen Einsätze bei den Europameisterschaften 2004 und 2008 noch verhöhnt wurde. Um einen Mann, der völlig zurecht von der WM 2006 ausgeladen wurde. Um einen Mann, der für Schalke in den entscheidenden Spielen meist versagt hat. Kurzum: um einen Mann, den Fußballdeutschland in der Nationalmannschaft nicht vermisst hat, auch wenn es jetzt so tut als ob.

Keine Not für Blöße

Zudem hat der Nationaltrainer schon adäquaten Ersatz auf der Bank. Mario Gomez steckt zwar 2010 in einem Loch. Der erfolgreichste deutsche Bundesligastürmer der vergangenen Jahre hat seine Klasse aber hinlänglich bewiesen. In der Nationalmannschaft wurde er aufgrund eines fahrlässigen Umgangs mit Torchancen bisweilen hart kritisiert, aber seine Trefferquote für den DFB deckt sich in etwa mit der von Kuranyi. Und besagter Kießling fährt nach der besten Saison seiner Karriere sicher frohen Mutes nach Südafrika.

Die Notlage, wenn es denn überhaupt eine sein sollte, ist also nicht so gravierend, als dass sich Löw die Blöße geben müsste, einen der peinlichsten Abgänge der deutschen Fußballhistorie zu verzeihen. Mit Kuranyis Berufung würde er nur einen unnötigen Autoritätsverlust riskieren. Es könnte dann auch die Diskussion um Torsten Frings wieder neu starten. Aber zum Glück hat Aufgeregtheit im Fußball nur eine geringe Halbwertzeit. Wenn Suttgarts Cacau wieder mal 'ne irre Woche hat, werden die Umfragen beim Kicker sicher anders ausfallen. Und wenn Felix Magath nach der WM Nationaltrainer wird, kann er Kuranyi ja zurückholen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker