HOME

Klasnic-Comeback: Die Wiedergeburt des "Killers"

Ivan Klasnic ist der erste Fußballer, der nach einer Nierentransplantation ins Profigeschäft zurückkehrt. Dass der Werder-Stürmer wieder in der Bundesliga spielt, grenzt an ein medizinisches Wunder. "Ich habe alle Zweifler mundtot gemacht", sagt Klasnic.

Von Frank Hellmann

Ivan Klasnic ist gemeinhin ein Mann, der sich gerne feiern lässt. Der gar nicht genug kriegen kann von der Aufmerksamkeit, die ein Profifußballer mitunter auf sich vereinigt. Doch an diesem trüben November-Nachmittag in der Lausitz war alles anders.

Der 27-Jährige war von den Lobhudeleien im Anschluss an das schmucklose 2:0 bei Energie Cottbus beinahe peinlich berührt. "Alle reden, als hätte ich drei Tore geschossen", sagte er und fügte an: "Das soll nicht so weitergehen, dass ich kein Tor schieße." Er meinte das vorwärtsgewandt und unverbissen. Das Comeback von Cottbus als höchster Grad der Befriedigung und Befreiung. Und Genugtuung schwang mit, als er unverkrampft feststellte: "Man kann im Endeffekt alles erreichen, wenn man will."

Man darf gewiss über den Beitrag des kroatischen Angreifer zum nach Treffer von Diego (63./Foulelfmeter) und John Jairo Mosquera (83.) sicher gestellten Pflichtsieg streiten. Fakt ist, dass sich hinterher alles um Klasnic drehte. Denn ein Fußballer, der nach einer Nierentransplantation ins Profigeschäft zurückkehrt - einen vergleichbaren Fall hat es im Fußball noch nicht gegeben. Allenfalls der NBA-Basketballer Alonso Mourning kann auf eine ähnliche Leidensgeschichte verweisen.

Die Zeit ist reif

"Ich war positiv überrascht, dass es auf diesem Niveau schon geht", meinte Sportdirektor Allofs, der speziell in diesem Fall immer wieder die Euphoriebremse getreten hatte. Doch in der grün-weißen Entourage dominierte nun allenthalben die Bewunderung über den Angreifer, der wegen seiner Schlitzohrigkeit den Beinamen "Killer" trägt. Alle Mitspieler zogen den Hut vor einem, "der weiß was ich wie oft nur durch den Wald gerannt ist" (Tim Wiese).

Trainer Thomas Schaaf hatte nach den Suspendierungen von Boubacar Sanogo und Carlos Alberto erst am Freitagabend die Entscheidung über den Einsatz des Langzeitkranken getroffen, dessen letztes Bundesligaspiel vom 17. Dezember 2006 datierte. "Ivans Anspruch ist ja sehr hoch, er brannte auf seine Rückkehr", sagte Schaaf. "Aber wir mussten natürlich schauen: Wie weit ist er? Was können wir ihm zumuten?" Auch angesichts der angespannten Personallage war man sich einig: Die Zeit ist reif.

Ein Vorbild für andere Spieler

"Man hat gesehen, dass er das Fußballspielen nicht verlernt hat", lobte Allofs. "Er tut unserem Spiel gut, setzt die anderen gut ein, kann vorn den Ball halten. Ich fand es toll."

Innerlich dürfte weit entfernt auch Professor Jürgen Klempnauer mitgejubelt haben. Der Leiter der Transplantationschirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover hat Klasnic nicht nur im zweiten Versuch erfolgreich im März die Spenderniere seines Vaters verpflanzt, sondern hatte auch grünes Licht fürs den Wiedereinstieg ins Profigeschäft nach fast einjähriger Zwangspause gegeben. Eines, das nicht frei von Risiken und Nebenwirkungen. Klasnic nimmt täglich Tabletten zur Immunsuppression, die verhindern, dass das in der Bauchgegend untergebrachte Organ vom Körper abgestoßen wird. Die Niere wird übrigens durch einen speziellen Panzer aus Fiberglas vor Tritten und Schlägen geschützt. "Ein Restrisiko bleibt immer", sagt Klempnauer, "aber das ganze Leben ist ein Risiko." Und der in Hamburg geborene Klasnic, der zeit seiner Karriere ohne Berater auskam, war seit jeher ein Draufgänger. "Ich bin zufrieden. Ich habe mich nicht versteckt, bin hundertprozentig in die Zweikämpfe gegangen - fürs erste Spiel war das sehr ordentlich. Ich habe die Zweifler mundtot gemacht und bin jetzt vielleicht ein Vorbild für andere Spieler."

Mosquera-Tor ebenso medizinisches Wunder

Neben der Beharrlichkeit zeichnet ihn auch Ungeduld aus: Kaum hatte Klasnic am 30. Oktober im Pokalspiel des Regionalliga-Team gegen den FC St. Pauli debütiert, lästerte er auch schon, er gehöre ins Bundesliga-Team. Und gar nicht verstehen will die von den Anhängern stets mit Lautstarken "Ivan, Ivan"-Rufen gefeierte Nummer 17, dass ihn der Klub gar nicht auf die Meldeliste für die Champions League geschrieben hat. So kann Klasnic ("So viele Spieler haben wir doch gar nicht") am Mittwoch im Champions-League-Schlager gegen Real Madrid gar nicht mitmachen. "Man kann sich im Leben irren", gesteht Allofs, "aber wir sollten uns einfach freuen, dass er wieder spielt."

Wenn übrigens nicht Klasnic mit seinem Comeback am Samstag in der Lausitz alles überstrahlt hätte, wäre sicherlich noch mehr über John Jairo Mosquera geredet worden. Denn die Story des 19 Jahre jungen Kolumbianer ist ebenfalls eine echte Herz-Schmerz-Geschichte: Noch im Juli brach das Sturmtalent bei einem Probetraining beim Zweitligisten Carl-Zeiss Jena mit einem Herzstillstand zusammen, wurde reanimiert, gesundete rasch und wurde zuletzt regelmäßig eingewechselt. Sein erstes Bundesligator ist ebenso ein kleines medizinisches Wunder wie das Klasnic-Comeback.

Wissenscommunity