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Klinsmann-Verpflichtung: Ein Coup mit Stil

Glückwunsch FC Bayern! Die Verpflichtung von Jürgen Klinsmann als Nachfolger von Ottmar Hitzfeld ist ein mutiger Schritt. Denn eines ist klar: Der gnadenlose Motivator steht vor einer Herkulesaufgabe in einem explosiven Umfeld.

Ein Kommentar von Oliver Trust

Das darf man wahrlich eine Trainerverpflichtung mit Stil nennen. Glückwunsch FC Bayern München. Glückwunsch Uli Hoeneß und Glückwunsch Jürgen Klinsmann. Wer sich die aparte Idee ausdachte, den neuen Trainer exklusiv auf der Homepage des Klubs in einer trockenen Kurzmeldung zu verkünden, darf sich auf die Schulter klopfen. Und keiner hat's gewusst! Keiner aus dem Hause Springer war im Bilde, kein Nachrichtendienst meldete sich mit Vorbeben, keiner auf den Höhen des Stuttgarter Stadtteils Degerloch wusste Bescheid. Dort kickte Klinsmann bei den Stuttgarter Kickers. Nicht mal in der Bäckerei Klinsmann nahe Stuttgart stand die "Hammer-Nachricht", wie es ein Boulevardblatt nannte, auf den Brötchen.

Es war ein ganz normaler Freitag, an dem man auf neue Verletztenmeldungen aus den Trainingslagern der Bundesligaklubs wartete, und der dann urplötzlich schon am Vormittag Sensationelles zutage brachte. Im Schutz der zahlreichen Hoeneß-Attacken der letzten Tage, als der hitzige Manager mit so ziemlich jedem Streit (Kurt Beck, Horst Heldt, Roman Abramovic) anfing, brachten die Bayern den Deal über die Bühne. Ausgerechnet Jürgen Klinsmann präsentieren sie als Nachfolger von Ottmar Hitzfeld.

Ein gewagter Schritt

Es war eine Eilmeldung, die überall ganz oben stand. Die Verpflichtung des Schwaben ist ein gewagter und mutiger Schritt, was nichts mit Klinsmanns Qualitäten als Trainer zu tun hat, sondern mit den Umständen und manchem, was sich in der Vergangenheit zutrug.

Ist es eine kluge Entscheidung, Jürgen Klinsmann nach Bayern München zu holen?

Am Nachmittag werden die Bayern-Bosse im Arabella Sheraton Grand Hotel in München sitzen und genüsslich den Coup des Jahres verkünden. Der WM-Trainer, der Verfasser des Sommermärchens 2006, der einem ganzen Land den Weg zu einer neuen Fußballwelt zeigte und dessen Mannschaft Begeisterung auf der ganzen Welt auslöste. Ausgerechnet Klinsmann, der von 1995 bis 1997 in München spielte, immer ein distanziertes Verhältnis zur in München starken Boulevardpresse pflegte. Und der in seiner Karriere Phasen hatte, in denen er an der Säbener Straße als "unerwünschte Person" galt. Er war als eigensinniger und geschäftstüchtiger Profi verschrien, der Manager Hoeneß die Zornesröte ins Gesicht trieb. Trotzdem war Klinsmann bei vielen Fans beliebt, aber es blieb ein spürbares Stück Distanz zu einem, der nie ein Mann des Volkes sein wollte. Unvergessen auch sein Tritt in eine Werbetonne, als ihn der damalige Bayern-Trainer Giovanni Trapattoni auswechselte. Unerschütterlich verbreitete Klinsmann eine Botschaft, die ihm wichtiger schien als alles andere: Er wollte sich nicht vereinnahmen lassen.

Medienstadt München wird sich auf ihn stürzen

Es bleibt die Frage, wie er das nun handhaben will - in der Medienstadt München, in der, wie es Uli Hoeneß ausdrückte, ein Trainer höchstens "zwei bis drei Jahre" schaffen kann, bevor er ausgebrannt das Weite suchten muss, um wieder die Chance auf ein normales Leben zu haben. In einer Stadt, in der zahlreiche "Reporter" und Medienspitzel jedes Lokal abklappern, um die neue Freundin zu entdecken und jedem mit kompromittierenden Fotos die letzte Würde zu nehmen. Es glich einem Himmelfahrtskommando, was Klinsmann und sein Berater, der in Ludwigsburg ansässige Roland Eitel, vor und während der WM veranstalten mussten. Der meist gelungene Waffenstillstand mit dem Boulevard war nobelpreisverdächtig.

Nun landet der 108-fache Nationalspieler in München, womit auch seine Wohnortfrage geklärt wäre. Aus Kalifornien wird er das Imperium der Bayern nicht lenken können. Diesmal wird die Familie mitkommen müssen, sie könnte allerdings im "mediensicheren" Stuttgart wohnen. Der Mann, der sich bei der WM als "Projektleiter" sah und nicht als "Dauerlösung", wagt sich auf das dünne Eis, auf dem Bundesligatrainer arbeiten müssen, vor allem bei Bayern München. Dort gibt es traditionell ein besonders schwieriges Umfeld. Es sind nicht nur die Medien, die für ein ständiges Reizklima sorgen, sondern es ist auch das personelle Umfeld. Zwar ist es den Bayern gelungen, manchen Kritiker wie Paul Breitner als Berater mit ins Bayern-Boot zu holen, aber es gibt auch noch Lothar Matthäus und Co. Es bleibt zudem die Frage, wie Klinsmann bei schlechter Wetterlage mit den Platzhirschen Hoeneß und Rummenigge auskommt.

Viele haben die Kahn-Degradierung nicht vergessen

Und schließlich haben viele nicht vergessen, dass es der Bundestrainer Jürgen Klinsmann war, der den Bayern-Torwart Oliver Kahn demütigte, ihn ins zweite Glied versetzte und dessen Kontrahenten Jens Lehmann unter lautem Getöse ins deutsche WM-Tor stellte. Auch damals flogen Giftpfeile aus München in seine Richtung.

Es gleicht einer Herkulesaufgabe, die vor dem FC Bayern und Klinsmann liegt. Beide, der Klub und vor allem der ab Juli neue Trainer der Bayern, müssen große Teile des Klubumfeldes und viele ihrer tausenden Fans zurückerobern. Derzeit erscheint das fast noch schwieriger als der Job, den Klinsmann im Sommer 2006 nach zwei Jahren harter und gewissenhafter Arbeit als gnadenloser Motivator mit dem sensationellen dritten Platz der DFB-Auswahl bei der WM abschloss.

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