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Studie zur Bundesliga Liebe "ProFans", sorry, aber ihr sprecht nicht für die meisten Fußballanhänger

WM Katar
Die WM in Katar gilt als Verrat an den Werten des Fußballs.
© Christian Charisius / DPA
Die Organisation "ProFans" hat die Bundesliga untersucht und fragt sich, für wen "der Zirkus eigentlich veranstaltet wird". Die Antwort: Für sehr, sehr viele Fußballanhänger, zu denen nur die "ProFans" nicht gehören. Eine Gegenrede.

Mal wieder das übliche Lamento: Kommerzialisierung, zerhackte Spieltage, fehlender Wettbewerb und so weiter und so fort. Es ist ja nicht so, liebe Leute von "ProFans", dass ihr der ewig gleichen Leier neue Aspekt hinzugefügt hättet, aber nun "belegt" ihr eure Dauerkritik am aktuellen Fußball mit einer Studie. Fazit: Die Fußball-Bundesliga hat sich in den vergangen 60 Jahren negativ entwickelt. Und gänzlich unironisch fragt ihr: "Für wen wird der Zirkus eigentlich veranstaltet?" Die Antwort wird euch vielleicht nicht gefallen, aber sie lautet: Für alle, die nicht gerade Ultras, Allesfahrer oder Groundhopper sind oder sonstwie kein Leben außerhalb des Stadions haben. Also schätzungsweise: die allermeisten Fans.

Stadiongänger seit 1980

Leider muss man mittlerweile ja immer erst eine Rechtfertigung vorausschicken, um bestimmten Lobbygruppen gegenüber satisfaktionsfähig zu sein. Also ein paar Worte zu mir: Mein erstes Spiel habe ich am 6. August 1980 gesehen, Zweitligaauftakt VfB Oldenburg – Hertha BSC. Seitdem gehe ich regelmäßig ins Stadion und war bei grob geschätzt 600 Partien. Auswärtsfahrten unternehme ich selten, kenne aber rund die Hälfte aller Bundesligastadien. Für die Groundhopper: Meinen letzten Länderpunkt habe ich im September 2007 in Kaunas bei der EM-Quali-Begegnung Litauen gegen Faröer Inseln gemacht. Notgedrungen musste ich ein paar Jahre lang in die 3. Liga, freiwillig auch ein wenig in die 4.. WM-Spiele: drei, Nationalmannschaftsbegegnungen: drei, nur im Europacup war ich nie live dabei. Kurzum: Ich bilde mir ein, mir in all diesen Jahren ohne Sitzplatz die eine oder andere Meinung gebildet zu haben.

Und die lautet: Nein, früher war nicht alles besser, wie eure Studie suggeriert. Natürlich nicht, auch wenn manche eurer Punkte stimmen. Was etwa das Selbstverständnis und die dubiosen Rollen von Fußballfunktionären und ihren Verbänden betrifft. Oder die alles lähmende und erdrückende Dominanz von Vereinen wie Bayern München. Und klar, das leidige Thema Geld thront natürlich über allem. Aber da fängt es auch schon an. Denn das Geld war nie gleich oder gar gerecht verteilt. Weder in der Bundesliga noch auf europäischer Ebene.

Was heute Scheichs oder Öl-Milliardäre sind, waren einst Mäzene und Patriarchen – von Jean Löring (Fortuna Köln) über Karl-Heinz Wildmoser (1860 München) bis Klaus-Michael Kühne (HSV) von deren Launen und Geschick es abhing, wie gut die Clubs finanziell dastanden. Ohne den Trikotwerbung-Erfinder und Jägermeister-Chef Günther Mast wäre Eintracht Braunschweig nie in der Lage gewesen, Paul Breitner 1977 für damals sagenhafte 1,6 Millionen D-Mark von Real Madrid zurück in die Bundesliga zu holen. Es ist sicher kein Zufall, dass die allermeisten Traditionsklubs unter der Führung von solchen, meist selbstherrlichen Führungsfiguren im unterklassigen Niemandsland verschwunden sind. Mit der Beliebtheit des Sports kam das Geld und mit dem Geld die Profis. Bei den Bayern sitzen sie schon sehr lange, bei RB Leipzig erst seit ein paar Jahren.

Kennt jemand noch Michael Spies?

Natürlich beklagt ihr auch die exorbitanten Gehälter der Spieler und deren Söldnermentalität. Ja, es gab Legenden wie Uwe Seeler (R.I.P.), die für relativ schmales Geld bei immer dem gleichen Verein gespielt haben. Aber er war eine Ausnahme und nicht die Regel. Kennt einer Michael Spies? Das war ein Mittelfeldspieler, der Mitte der 80er bis Ende der 90er aktiv war. Für insgesamt elf! Bundesligavereine. Bis heute ein Rekord. Es gibt zig Gründe für Profispieler den Verein zu wechseln. Sportliche, berufliche, familiäre. Und klar, finanzielle. Natürlich sind die Fußballergehälter im Vergleich zu Durchschnittsverdienern exorbitant hoch. Allerdings auch nur, weil es Menschen gibt, die bereit sind, sie zu zahlen. Und sehr viele Fans, die bereit sind, ihr Geld in das System zu pumpen. Stichwort Fanartikel. Die verbreitete Annahme, dass dadurch woanders dringend benötigte Mittel fehlen, ist leider ein Trugschluss.

Als im Frühsommer der Erling-Haarland-Abschied näher rückte und erste Transfersummen genannt wurde, begann reflexartig die Diskussion darüber, was man mit diesen ganzen Abermillionen sinnvolleres anstellen könne. Das Problem: Die Summe lag nicht ohnehin schon in irgendeiner Schatulle herum und wäre eigentlich für den neuen Kunstrasen des Hamborn 07, den behindertengerechten Tribünenanbau beim FC Groningen und neue Trikotsätze für den AEK Athen-Nachwuchs gedacht, die nun aber leider leer ausgehen. Diese Summe existiert nur, weil es den Eigentümer von Manchester City in Abu Dhabi gibt, der bereit ist, dieses Geld locker zu machen. Ohne Haaland keine 75 Millionen.

Oder nehmen wir die vielen Anstoßzeiten, die ihr "ProFans" beklagt. Dazu eine kurze Quizfrage: Weiß einer noch, wann in der ersten Bundesligasaison Anpfiff war? Um 17 Uhr! Später dann um 16 Uhr. Weil das den Spielern vor allem im Winter zu spät war, einigte man sich schließlich auf 15.30 Uhr. Nur waren damals die Zuschauer im Stadion das eigentliche Publikum, Fernsehübertragungen waren nebensächlich. Das ist lange anders. Sehr zur Freude übrigens von Fans, die nicht ins Stadion können. Weil sie zu weit weg wohnen, weil sie arbeiten müssen oder weil sie einfach das Spiel lieber in Ruhe vor dem Bildschirm genießen wollen. Oder weil es für die Hardcore-Junkies möglich ist, auf diese Weise von Freitag, 18 Uhr bis Sonntagabend halb acht durchgehend Fußballgucken zu können.

Aus der Zeit gefallene Kritik

Es tut mir leid, aber eure Kritik wirkt hilflos und aus der Zeit gefallen. Was, wie ich glaube, auch mit einem Missverständnis zu tun hat. Ihr Organisationen wie "ProFans" glaubt, für alle Anhänger zu sprechen, tut es aber tatsächlich nur für regelmäßige Stadiongänger. Ich bin auch einer, aber wir sind eine Minderheit. Fußball ist Fernsehsport und wird von Vereinen und Verbänden auch als solcher betrachtet. Der Deal lautet: Die treuen Anhänger und die Gelegenheitsbesucher bekommen überdachte Plätze und müssen sich keine Schlammschlachten mehr anschauen. Sie sind nicht nur, aber auch die atmosphärische Kulisse für ein teures Hochglanz-Produkt, das weltweit vermarktet wird, zu Bedingungen, über die schon lange nicht mehr allein Europa, geschweige denn Deutschland entscheidet.

Als ultimativer Verrat an den Werten des Fußballs gilt dabei die Weltmeisterschaft in Katar. Warum, unabhängig von den offenkundigen Umwelt-, Arbeitsschutz- und Nachhaltigkeitsproblemen? Weil das Land keine Fußballkultur hat? Und es also auch keine entwickeln darf? Weil das Turnier im Winter stattfindet? Das tun die WM-Turniere für Menschen auf der Südhalbkugel fast immer. Weil wir "unsere" Fankultur nicht so ausleben können wie gewohnt?

Vieles von dem, was ihr kritisiert, mag stimmen. Für viele meiner Argumente gibt es Gegenbeispiele. Das Problem an solchen "Studien" wie eurer ist nur: Ihre Rückwärtsgewandtheit bringt all die nötigen Diskussionen keinen Schritt voran. Eure (eurozentrische) Position ist die einer lauten, aber kleinen Minderheit. Und wer bitte schön, außer einer selbstmitleidigen Bubble, soll der Adressat sein? Denn, und diese eher traurige Erkenntnis gehört auch dazu: Die DFL, die Uefa und die Fifa entscheiden nicht (immer) aus dem luftleeren Raum heraus. Sehr vieles, was sie tun, wird von sehr vielen Menschen zumindest mitgetragen. Nicht nur in der Bundesliga.


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