Lothar Matthäus Die Reizfigur ist zurück


Lothar Matthäus in der Rolle des Fußball-Apostels: Der Rekordnationalspieler war mit seinem neuen Club, dem israelischen Verein Maccabi Netanya, erstmals auf Europa-Tour. Er soll als Trainer bei den Israelis Entwicklungshilfe in Sachen Fußball leisten - und geht seine Aufgabe mit missionarischem Eifer an.
Von Frank Hellmann, Schruns

Die schwarzen Lederschuhe frisch poliert, die Jeans modisch, das schwarze Hemd weit aufgeknöpft. In den dunklen Haaren steckt ein bisschen Gel, die Gesichtsfarbe verrät einiges über die Sonne, die in Vorarlberg in Österreich geschienen hat. Keine Frage: Lothar Matthäus, mittlerweile 47 Jahre alt – man mag es bei der äußeren Erscheinung kaum glauben - hat sich gut gehalten, und das dürfte nicht nur mit seiner 26 Jahre jüngeren Lebensgefährtin Liliana zusammenhängen.

Über die Liaison mag "Loddar" aber dieser Tage nicht reden, was klaglos zu akzeptieren ist. Schließlich ist die Reizfigur zurück im Fußballgeschäft: Zwei Wochen lang weilte Matthäus nun mit seinem neuen Klub Maccabi Netanya im Trainingslager in Schruns. Nach seiner etwas unehrenhaften Entlassung als rechte Hand von Giovanni Trapattoni hat Matthäus wieder allein das Sagen. Die Testspiele gegen Klubs wie FC Schaffhausen (1:2), SC Freiburg (0:0), FC St. Pauli (1:3) oder zuletzt gegen Werder Bremen (0:3) sind ihm zweitrangig gewesen.

Entspannte Atmosphäre im Tainingslager

"Wir halten die Bälle zu lange, wir sind gedanklich zu langsam", stellte der erste deutsche Cheftrainer eines israelischen Profiklubs unaufgeregt fest. Seine Mängelliste war in Wahrheit noch viel länger. Doch der unerreichte deutsche Rekordnationalspieler (150 Länderspiele) will nicht klagen. "Wenn wir in den nächsten Wochen die gleichen Fortschritte machen, bin ich zufrieden."

Das berichten auch seine ständigen Begleiter - etwa Rudolf Schnippe, ein pensionierter Bankdirektor, heute ein Uefa-lizenzierter Vermittler von Trainingslagern und Testspielen. Zwei Wochen lang wohnte der 66-Jährige mit Matthäus und Maccabi im Hotel Alpenrose von Schruns. Wer gedacht hätte, hier würde sich eine verschworene Gemeinschaft von der österreichischen Außenwelt abschirmen, sah sich getäuscht. Die mächtigen Holztüren waren offen, andere Gäste willkommen und nach manchem Freundschaftsspiel wurde abends noch auf den Tischen getanzt.

Sogar nächtliche Barbesuche in Schruns manch eines israelischen Profis sind überliefert. "Ich bin kein Kontrolleur", hat Matthäus dazu gesagt. Obwohl ihn mitunter Kleinigkeiten störten. "Wenn ein Spieler, der schon Übergewicht hat, mit einem Eis in den Bus kommt, ist das unprofessionell." Schnippe weiß genau vom Dilemma zu berichten, in dem Matthäus steckt. "Als Trainer erwartet er von den Spielern dasselbe wie von sich: Immer 100 Prozent Einsatz."

Israelischer Fußball hat Nachholbedarf

Obwohl der Verein zuletzt in Israel zweimal Zweiter hinter dem mit russischen Millionen aufgepäppelten Meister Beitar Jerusalem wurde, sind die Unterschiede immens zu dem, was ein Matthäus als Aktiver gewohnt war. "Wir können von Israels Fußball nicht das erwarten, was andere europäische Länder in Jahrzehnten aufgebaut haben. Es nicht das Geld, nicht die Qualität, nicht die Infrastruktur vorhanden, die woanders vorauszusetzen ist, vor allem nicht in Deutschland", erklärt Matthäus. Dank eines Sonderlehrgangs des Deutschen Fußball-Bundes hält er nun endlich auch die Trainerlizenz in den Händen.

Am Sonntag machten sich seine neuen Spieler ("Ich kenne jetzt alle mit Vornamen, das war gar nicht so einfach") schweren Herzens wieder aus Österreich auf den Rückflug nach Israel. Matthäus: "Die meisten wollten länger bleiben, so gut hat es ihnen hier gefallen. Vor allem ist das Klima angenehmer." Am Mittelmeer ist es jetzt bis zu 40 Grad warm.

Dennoch beginnt bald in Israel der Toto-Cup, ein eigener Pokal-Wettbewerb. Für Maccabi Netanya ist das auch deshalb wichtig, weil schon Mitte und Ende August die zweite Uefa-Cup-Qualifikationsrunde ausgetragen wird. Seinen Gegner erfährt Maccabi Netanya am 1. August. "Wenn möglich, wollen wir oft europäisch spielen." Ein klares Ziel nennt Matthäus nicht. Aber die Gruppenphase zu erreichen, wäre ein Traum.

Der Boss will täglich informiert werden

"Am besten wir spielen da gegen den AC Mailand.". Das sagt Andreas Stamatiou gänzlich unbescheiden. Der 41-jährige Hesse ist der Finanzvorstand von Maccabi Netanya. Zugleich ist er auch der wichtigste Vertraute von Daniel Jammer. Der wiederum ist in Frankfurt aufgewachsen, seine Großeltern flüchteten nach dem Holocaust. Jammer kennt sich also aus mit den jüdischen Befindlichkeiten. Mehrmals täglich telefoniert er mit Stamatiou, um sich über die Fortschritte seines Klubs zu informieren. Denn ohne die beiden würde es die neueste Mission Matthäus kaum geben. "Ich kenne Daniel Jammer seit drei Jahren. Ich war ja schon vorher oft in Israel und mir hat es dort immer gut gefallen", erzählt Matthäus.

Vor einem halben Jahr habe es ersten Kontakt gegeben, irgendwann wurde die Sache konkret. Rund eine halbe Million Euro soll der Deutsche an Gehalt kassieren – das ist für Israel viel Geld. Das Gros der Spieler bekommt allerdings die Landeswährung Shekel überwiesen, andernorts verdienen manche umgerechnet gerade einmal 50.000 Dollar. Schon heißt es, die Millionen von Gönnern und Mäzenen würden die Preise verderben. Doch Israels Fußball ist auf diese Art von Unterstützung angewiesen, der Zuschauerschnitt von Maccabi Netanya betrug keine 4000.

Und Jammer geht es nicht um PR-Gags. Seitdem er den fünffachen Meister der 70er- und 80er-Jahre vor zwei Jahren für geschätzte zwei Millionen Dollar übernahm, will er den Aufbau von klaren Strukturen vorantreiben. Ein neues Stadion wird von der Stadt errichtet. Im Verein geht es voran, auch wenn sich beispielsweise die Fertigstellung der Arena wegen eines Baustopps um acht Monate verzögert. Der Klub muss deshalb im Uefa-Cup nach Tel Aviv oder Haifa ausweichen.

Matthäus' Englisch ist besser geworden

Auch der Fußball wirkt noch ein bisschen unfertig - das wissen die Verantwortlichen. "Lothar Matthäus soll uns einen Fußball bringen, der in Israel noch nie gespielt worden ist", sagt Stamatiou. Die Realität war nämlich bislang eine andere. "Wir standen ständig hinten drin und meine Mitspieler haben nur lange Bälle auf mich geschlagen." Das berichtet Francis Kioyo, 28, der in Deutschland viel herum gekommene Stürmer aus Kamerun. Dank des neuen Trainer sei das schon viel besser geworden.

Nur fünf Ausländer darf Maccabi Netanya unter Vertrag haben. Neben einem Ghanaer oder einem Kongolesen ist auch Luis Marin dabei, der Rekordnationalspieler aus Costa Rica. Fast 34 Jahre ist der Abwehrchef alt und nicht mehr der Schnellste. Matthäus baut auf ihn – notgedrungen. "Auf die Transferpolitik hatte ich keinen Einfluss." Also gibt der Trainer auf dem Platz alles. Anweisungen ertönten in Österreich ausnahmslos in Englisch. Matthäus entgegnet nonchalant, dass sein Englisch allemal mit dem Deutsch von Trapattoni mithalten könne. Ein hübscher Vergleich. Und wer die Trainingseinheiten beobachtete, stellte schnell fest: Ein Matthäus redete dort ohnehin mit Händen und Füßen. Und wenn die Freistöße nicht wie vorgeschrieben flogen, trat Matthäus den Ball selbst mit Effet vors Tor.

Bleibt die Frage nach der politischen Dimension seines Engagements. "Das fragen mich immer nur die deutschen Kollegen", antwortet Matthäus auf entsprechende Nachfragen. In der Tat ist das in israelischen Medien und erst recht bei den Menschen am Mittelmeer kein großes Thema. "Ich versuche über den Tellerrand hinauszuschauen", erklärt der gelernte Raumausstatter aus Herzogenaurach, "man sollte aber Politik und Sport nicht mischen." Matthäus betont bei jeder Gelegenheit seine Vorliebe für Land und Leute. Er könne nur jedem Deutschen empfehlen, in Israel Urlaub zu machen.

Hoeneß Äußerungen sorgten für Ärger

Sein Finanzvorstand ist daher noch heute über die Äußerung ungehalten, die Uli Hoeneß einst im ZDF-Sportstudio über das Israel-Engagement seines früheren Angestellten tätigte. "Hoffentlich hat die Frau Merkel demnächst nicht zuviel Arbeit, die diplomatischen Beziehungen zu verbessern"!, so Hoeneß damals süffisant. Dies fand Stamatiou überflüssig. "Wir sind für Sport und nicht für Politik zuständig." Zum Beweis erzählt er den Umstand, dass mit Awudu Okocha ein Moslem mitspiele. Oder die Episode, dass sich Maccabi Netanya ernsthaft um den Deutsch-Iraner Ferydoon Zandi (ehemals 1. FC Kaiserslautern) bemüht hat. "Der Sport soll verbinden und nicht trennen."

Der Kitt bei Maccabi Netanya heißt derzeit Lothar Matthäus. Man fragt sich trotzdem, wie lange der hält.


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