Lukas Podolski Prinz Nervenlos


Wie sich Deutschlands größtes Fußballtalent Lukas Podolski cool durch die Zweite Liga schlägt.

Letzte Woche hat er wieder so ein Ding gemacht. Der Poldi lief da alleine auf den Keeper des 1. FC Saarbrücken zu, und der stand gar nicht so schlecht, genauer gesagt: absolut perfekt. Also alles dicht, da lupft der Poldi halt den Ball in vollem Lauf mit dem Spann über den Torwart. Plumps. Drin. Unfassbar, Tor des Monats, hundertprozentig.

Nach dem 3:1 erklärte der Poldi den staunenden Reportern im Kölner "Rhein-EnergieStadion" dat Janze auf Kölsch: "Da darf isch nit lang überlegen." Und oben in der Pressekonferenz wetterte Trainer Huub Stevens, man sollte, bitte, das Team nicht auf Lukas reduzieren.

Die Sache mit Lukas Podolski, genannt Poldi, wahlweise auch "Prinz Poldi", ist ein Wagnis: Was passiert, wenn sich Deutschlands wohl größtes Talent ein Jahr lang durch die zweite Liga schlagen muss?

Der Poldi wurde ja äußerst flott auf den Thron gehoben. Der 1. FC Köln holte in der vergangenen Saison im Abstiegskampf der Bundesliga diesen A-Jugend-Spieler zu Hilfe, der kam immer mit der Straßenbahn zum Training, schoss für 800 Euro im Monat im vierten Spiel sein erstes Tor, dann noch neun, Köln stieg dennoch ab, aber Podolski fuhr mit 19 zur Europameisterschaft nach Portugal. Jetzt gilt er als deutsche Version von Wayne Rooney, dem englischen Jung-Superstar - und spielt gegen Aue oder Ahlen.

Man könnte das als pädagogisch wertvoll verstehen: Der Junge soll unten Erfahrung sammeln. Aber vor allem hätte Köln wohl eher sein Geißbockheim abgefackelt als den Hoffnungsträger hergegeben. Den belastet das weniger: "Ach, wir steigen ja wieder auf, und dann sind wir wieder oben", sagt Poldi. Er ist kein großer Grübler. Dafür hat er jetzt 19 Tore auf dem Konto, sein FC steht auf Platz zwei, und Nationalspieler ist er noch immer.

Podolski wurde dreimal

zum Spieler des Monats in Deutschland gewählt, seinen Beratern liegen mehr Interview-Anfragen vor als für jeden anderen Spieler. "So was wie mit Lukas hab ich noch nie erlebt", sagt sein Agenturchef Norbert Pflippen, "und ich hatte schon Lothar Matthäus und Oliver Kahn unter Vertrag." Bundestrainer Jürgen Klinsmann erklärt das Phänomen so: "Er hat nicht nur ein extrem hohes Potenzial, sondern auch eine angeborene innere Freundlichkeit."

Und Lukas Podolski sagt: "Wichtig ist, dass ich auf dem Platz mein Bestes gebe und Spaß habe." Mit diesem Satz beantwortet der Prinz in Interviews die meisten Fragen des Lebens, auch die, ob er aufgeregt war, als er in der D-Jugend mal in der Halbzeitpause der Profis vor 40 000 spielen durfte. Podolski ist keiner, der nach der Karriere ein Philosophiestudium beginnen wird, aber in den großen blauen Poldi-Augen lässt sich mittlerweile ein schelmisches Funkeln erahnen, das sagt: "Höhö, Alter, haste wieder nix rausbekommen bei mir?" Man muss ihn mögen.

Podolski ist ein Typ, nach dem man sich in Zeiten der PR-gedrillten Fußball-Ich-AGs schon lange sehnt: Da kommt "ne kölsche Jong", der einfach nur wahnsinnig gern Fußball spielt.

Auf dem Rasen können ihm die Gegner noch so brutal in die Beine holzen, weil sie den raketengetriebenen Jungen anders nicht erwischen, Poldi klopft ihnen trotzdem auf die Schulter. Und wenn ein weniger begabter Teamkollege den Ball wieder in ein Spielerknäuel drischt, statt ihn zur freien Torkanone zu schieben, schlägt Podolski maximal kurz die Hände über dem Kopf zusammen. Die Mischung aus Naivität, Gutmütigkeit und Gleichgültigkeit ist nicht die schlechteste zum Überleben.

"Lukas", sagt Klinsmann, "hat in diesem kurzen Zeitraum Dinge durchgemacht, von denen ich nicht weiß, ob ich das in dem Alter verkraftet hätte. Da hab ich in aller Ruhe bei den Stuttgarter Kickers gespielt, fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Aber das ist unglaublich lehrreich für ihn. Und er ist stabil genug."

Erste Folgen dieses Prozesses ließen sich schon im November bewundern, Podolski erlitt eine Knochenabsplitterung, Gips. Er kam auf Krücken ins Geißbockheim zum Interview, sagte: "Isch muss noch schnell auf die Böögen lernen", und entschwand in einem Kabäuschen des Clubhauses, um zu pauken für die Fahrprüfung, ein längeres Projekt, nun aber abgeschlossen, ein Ferrari sollte es übrigens nicht werden: "Nö, Köln fährt Ford." Das mit der Unfairness der Gegner werde alles hochgeschaukelt, sagte er dann. "Ach, die versuch ich mit 'nem Tor zu bestrafen." In den gegnerischen Stadien muss er sich mittlerweile von Fans beschimpfen lassen. "Ach, die versuch ich mit 'nem Tor zu beruhigen."

Der Poldi fackelt

nämlich nicht lange vor dem Kasten, und seine Schusstechnik mit links ist kaum zu übertreffen, hinzu kommt ein gutes Auge für die Mitspieler. Podolski führt die Torschützenliste der Liga an, und Köln ist auf Aufstiegskurs. Auch wenn Trainer Stevens beim geflügelten Wort "FC Podolski" Ausschlag bekommt: Podolski ist das größte Kapital des Clubs. Und das ist so eine Sache mit dem Kapital: Man will es hüten, aber auch nutzen.

Im November noch brüstete sich der Pressesprecher des FC, wie sehr man "Prinz Poldi" bei der Vermarktung schone, zum Beispiel sei Lukas in dieser Saison noch nicht auf dem Titel des Stadionheftes gewesen. Im Februar brachten die Kölner dann eine eigene Podolski-Kollektion heraus, mit spülmaschinenfesten Tassen und Schlüsselbändern: "LP10", benannt nach Podolskis Rückennummer. Die 10 ist legendär in Köln, Wolfgang Overath, heute Präsident, trug sie. Den größten Teil der Fantrikots verkaufen die Kölner mit der 10. Dabei wollte deren Träger die 11. "Aber die vom FC haben gesagt, die sei schon vergeben, und haben mir die 10 gegeben. Da hab ich halt die genommen."

Während der Club an der Legendenbildung bastelt, dekretiert Trainer Stevens: "Ob Lukas ein Wayne Rooney ist, muss sich erst noch zeigen." Aber als der Junge verletzt war und dennoch öffentlich ohne Gips auftrat und zu Auswärtsspielen mitfuhr, ging schnell das Gerücht um, es sei auf Stevens Geheiß geschehen, um den Gegner zu schrecken: Der Poldi ist dabei!

Man kann den Prinzen wirklich fürchten. "Lukas hat einen extremen Torriecher, ist dynamisch", schwärmt Klinsmann, "sehr robust." Podolski sagt: "Das kommt vielleicht, weil ich der Mutter immer Wasserkisten aus dem Keller geholt habe." Poldi-Blick. "Oder weil ich in Polen beim Opa auf dem Kartoffelacker geholfen habe, früher." Wann, im Urlaub? "Damals, früher."

Als Podolski ins Rampenlicht trat, schickte ihm der polnische Verband gleich drei Nationaltrikots mit seinem Namen, um ihn zu locken. Denn Podolski wurde in Gliwice geboren. Als er zwei war, zog seine Familie nach Bergheim bei Köln. Der Vater war Fußballprofi in Polen, die Mutter Handballspielerin. Polnisch nennt Lukas noch immer seine Muttersprache, auch deshalb sollte man seine rhetorische Schlichtheit nicht überbewerten.

Jedenfalls ist er flügge geworden. Podolski entschied sich für Deutschland, und von zu Hause zog er aus. Er wohnt jetzt zwei Minuten weiter. In einer Wohnung mit seiner Freundin - große Geschichte für den Boulevard. Was dem Prinzen ziemlich unangenehm war, "es geht doch nicht um meine Freundin. Die spielt ja keinen Fußball. Und sie liebt den Menschen Lukas und nicht den Fußballspieler". Irgendwie ist der ganze Rummel anstrengend geworden. Und wenn man zum vierten Mal fürs Tor des Monats geehrt wird, kehrt auch Routine ein.

Im Dezember durfte Podolski mit der Nationalelf nach Asien, noch nie war er so weit geflogen. Er saß in Trainingsausstattung im Hotelfoyer in Busan, Korea, die Stutzen weit hochgezogen. Zwei Tage zuvor hatte er sein erstes Länderspiel von Anfang an bestritten, er durfte sogar einen Freistoß vor dem gegnerischen Strafraum schießen. Nervosität? "In Köln musst du auch manchmal Freistöße schießen. Ich nehm den Ball, mach das Ding, und Ende." Gegen Thailand machte er dann seine beiden ersten Länderspieltore. Dann flog er zurück nach Köln und spielte gegen Cottbus und Burghausen.

Bei derlei Spielen wurden mittlerweile Späher von Manchester United entdeckt, von Chelsea London angeblich auch, und Italiener, Franzosen und Bayern sollen ebenfalls gierige Finger nach ihm ausstrecken. Vor der Saison bot der AS Monaco, Champions-League-Finalist des Vorjahrs, angeblich acht Millionen Euro für Podolski. Der hatte aber Vertrag bis 2007, blieb in Kölle und bereute es nie: "Ich bin ja nicht dorthin gewechselt, also hab ich mir da keine Gedanken gemacht."

Bernd Volland print

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