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Meister Dortmund in der Krise Die Problemzonen des BVB


Die heile Welt in Dortmund ist Geschichte. Der Meister ist nach dem Triumphzug der vergangenen Saison mit der dritten Niederlage im sechsten Spiel in der Gegenwart angekommen. Warum es beim BVB noch nicht läuft.

Schon drei Niederlagen nach sechs Spielen und nur sieben erzielte Treffer. Der Meister ist in der Gegenwart gelandet. Dabei spielt die Borussia gar nicht so schlecht. Warum der BVB dennoch nur auf Platz elf der Tabelle steht, verrät die Bundesliga-Analyse. Wir haben fünf Problemzonen gefunden.

1. Die Doppelbelastung

In der vergangenen Saison konnte sich Dortmund nach anfänglicher Doppelbelastung früh auf die Bundesliga konzentrieren. Im Pokal schied die Borussia in der zweiten Runde in Offenbach aus, in der Europa League war nach der Gruppenphase Schluss. Viele halten das Argument der Doppelbelastung für scheinheilig, da Fußballer rein körperlich in der Lage sein müssten, mehrmals pro Woche zu spielen. Die Probleme der Doppelbelastung sind aber auch im mentalen Bereich zu suchen.

Vor dem Champions League-Auftakt gegen den FC Arsenal verlor Borussia Dortmund sein Heimspiel gegen Hertha BSC - also vor der physischen Belastung. Die Champions League zieht viel Aufmerksamkeit auf sich. Für die Spieler sind Begegnungen gegen Arsenal die Highlights der Saison und ihrer bisherigen Karriere. Der Trainingsplan muss angepasst werden, die Vorbereitungszeit auf ein Bundesligaspiel ist kürzer. Die Spieler müssen sich in kürzester Zeit mental neu aufladen, die Spannung wieder aufbauen, und nach Arsenal auch Hannover mit der gleichen Intensität und Begeisterung bespielen.

Da kann es sein, dass man in der Schlussphase einer Partie vielleicht nicht mehr die Fitness hat, um weiter nach vorne zu spielen. "Nach der 70. Minute hatten wir keine Balance im Spiel (...) wir haben nicht mehr nach vorne gespielt", erklärte Sportdirektor Michael Zorc nach der Partie. "Wir hatten dann nichts mehr entgegenzusetzen." Vielleicht fehlte aber auch die geistige Frische, die mentale Stärke. "Wir haben einen großen Kader für drei Wettbewerbe. Ich glaube, wir müssen lernen, über 95 Minuten 100 Prozent zu geben", analysierte Marcel Schmelzer. Ein Lernprozess, der in dieser Saison dringend nötig erscheint, um mit der Doppelbelastung umzugehen.

2. Die Formschwäche einzelner Spieler

In der Meistersaison begeisterte die Borussia auf allen Positionen. Selbst die zu Beginn der letzten Saison kritisch beäugten Lukas Piszczek, Marcel Schmelzer und Kevin Großkreutz gehörten zu den Leistungsträgern. Haben einige Spieler im Sog des Erfolges über ihren Möglichkeiten gespielt und sind jetzt auf dem Boden der Tatsachen, also ihrer wahren Leistungsfähigkeit angekommen? Fakt ist, dass einige Spieler des Teams nicht in der Verfassung sind, die sie fast konsequent eine Saison lang gezeigt haben.

Marcel Schmelzer startete mit Verletzungsproblemen in die Spielzeit. Er wurde zu Beginn von Neuzugang Chris Löwe ersetzt, nach seinem Comeback gegen Nürnberg, bot er vor allem gegen Leverkusen eine schwache Leistung.

Kevin Großkreutz startete furios mit zwei Toren gegen den HSV in die Saison. Danach baute er stetig ab, in den letzten drei Spielen war er weit von seiner Meisterform entfernt. Neven Subotic ist nicht erst nach den Fehlern gegen Hannover nicht wiederzuerkennen. Ihm fehlen die Souveränität und das Durchsetzungsvermögen der vergangenen Saison.

Die Formschwäche einiger Spieler ist sicherlich ein Mosaikstein der derzeitigen Lage. Ob tatsächlich einige Akteure in der letzten Spielzeit weit über ihrem Niveau agierten, lässt sich nach sechs noch nicht hinreichend beantworten.

3. Die Abhängigkeit von Mario Götze

Mario Götze erzielte in der abgelaufenen Spielzeit sechs Tore und gab 15 Vorlagen. Der Nationalspieler ist neben Mesut Özil wohl der technisch beste deutsche Spieler dieser Tage. Für das Spiel der Borussia ist er enorm wichtig. Er ist auch in dieser Saison mit einem Tor und drei Vorlagen schon an vier von sechs erzielten Treffern seines Teams beteiligt.

Durch seine Rote Karte im Spiel gegen Leverkusen hat er seinem Team einen Bärendienst erwiesen. Spieler wie Götze können den Unterschied ausmachen, ohne ihn konnte in der Bundesliga kein Dreier eingefahren werden. Inklusive des Leverkusen-Spiels wartet die Borussia seit vier Spielen auf einen Sieg.

4. Ohne Nuri Sahin keine Hochgeschwingkeit

Nuri Sahin ist in der vergangenen Saison von den Bundesliga-Profis zum besten Spieler der Saison gewählt worden. In allen Fachzeitschriften und auf allen Sportseiten war er der beste, oder einer der besten Feldspieler 2010/2011. Und das, obwohl er "nur" sechs Tore und acht Vorlagen gab (Götze, siehe oben: sechs Tore und 15 Vorlagen). Der Grund für die Wertschätzung aller Fachleute und Fans war die Bedeutung, die Sahin für das Spiel von Borussia Dortmund hatte. Er war der Taktgeber im Mittelfeld. Das schnelle Umschalten gelang der Borussia vor allem durch Sahin als Mittelfeldweiche auf der Sechserposition. Dieser Erfolgsgarant fehlt dem BVB.

Wir wollen keinesfalls seinen Nachfolger Ilkay Gündogan schlecht machen. Gündogan ist hoch talentiert, zeigte gegen den HSV, gegen Leverkusen und auch gegen Hannover gute Leistungen. Allerdings konnte er noch keinen Scorerpunkt erzielen, wichtiger ist aber, er ist ein anderer Spielertyp als Sahin.

Die besondere Fähigkeit das Spiel schnell zu machen, Pässe in die Schnittstellen der gegnerischen Defensive zu spielen, Diagonalbälle auf die starken Flügelspieler anzubringen, gelingt ihm nicht in dieser Schnelligkeit und Genauigkeit wie Sahin. Gündogan ist ein sehr guter Fußballer, aber er ist nicht Nuri Sahin. Dortmund hat heruntergetaktet, ein weiterer Mosaikstein der derzeitigen Lage.

5. Die Chancenverwertung

Dortmund spielt vielleicht nicht mehr ganz so schnell nach vorne, wie in der Meister-Saison, dennoch ist die Borussia weiterhin spielstark, oft spielbestimmend. "Wir haben ab der 75. Minute ein sehr gutes Spiel noch aus der Hand gegeben", so Jürgen Klopp nach der Hannover-Pleite. Auch gegen Arsenal machte der Revierclub ein tolles Spiel, belohnte sich allerdings nicht mit einem Sieg. "Wir spielen nicht zum Selbstzweck, sondern ums Ergebnis", sagt Klopp. Die Chancenverwertung ist vielleicht die größte Problemzone des BVB-Trainers.

Für Robert Lewandowski stehen zwar in dieser Saison schon zwei Tore und zwei Assist zu Buche, doch der Barrios-Ersatz hat nicht die Kaltschnäuzigkeit seines Mannschaftskollegen. Er vergibt zu viele Großchancen, in Hannover, gegen Arsenal - Knipserqualitäten werden vermisst. Diese hatte die Borussia zuletzt vor allem in Person von Lucas Barrios. Der Paraguayer erzielte 2010/2011 16 Tore. Nach seiner Verletzung bei der Copa America soll Barrios in der nächsten Woche ins Mannschaftstraining zurückkehren. Sieben Tore in sechs Partien sind zu wenig für den Meister. Im letzten Jahr waren es 16 Tore nach sechs Spieltagen. Doch nicht nur das Fehlen von Barrios ist der Grund für die Sturmflaute, die gesamte Offensive vergibt zu viele Großchancen. Der Meistertrainer ist gefragt.

Fazit

Jürgen Klopp hat mit fünf Problemzonen zu tun. Er muss sein junges Team auf die Doppelbelastung einstimmen, die Spannung hochhalten. Formschwache Spieler müssen auf das Niveau der vergangenen Saison gebracht, oder auch mal auf die Bank verbannt werden. Und der neue Mittelfeldmotor Gündogan muss sich weiter steigern. Allerdings gibt es wohl kaum ein Rezept gegen den Ausfall von absoluten Leistungsträgern.

Was Werder Bremen mit Claudio Pizarro ist, lässt sich derzeit eindrucksvoll bestaunen. Ein Lucas Barrios und Mario Götze sind nicht zu ersetzen. Gegen Mainz ist zumindest Götze wieder mit an Bord. Dort steht der Meister "enorm unter Druck", wie Klopp weiß. Es gibt also viel zu tun, damit aus einem schwachen Start, kein Fehlstart wird.

Michel Massing

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