HOME

Mesut Özil: Gestatten, ein Weltstar!

Angeführt von Mesut Özil will die deutsche Nationalmannschaft am Mittwoch mit Frankreich den nächsten Großen schlagen und das EM-Jahr mit einem Sieg einläuten. Özil ist der einzige Weltstar im aktuellen Team - und das weiß er auch.

Von Klaus Bellstedt, Bremen

Als auch der fünfte Reporter eine Frage zu Real Madrid stellt, platzt Mesut Özil endgültig der Kragen: "Ich will nicht über Real Madrid sprechen. Wir sind hier bei der Nationalmannschaft, also rede ich auch nur darüber. Bitte haben sie Verständnis dafür."

Oh ha, das war streng. Özil, dessen Gesichtsausdruck immer so ein bisschen an einen traurigen portugiesischen Wasserhund erinnert, ist schon immer ein stolzer junger Mann gewesen. Stolz auf seine türkischen Wurzeln, auf seine Karriere - und besonders stolz darauf, bei den Königlichen kicken zu dürfen. Bei Real Madrid, diesem Weltklub. Wäre man bösartig, würde man Özil das Abkanzeln der Journalisten am Tag vor dem Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft in Bremen gegen Frankreich als Allüre anlasten.

Mesut Özil sitzt oben auf der Empore eines Mercedes-Kundezentrums im Bremer Osten und sieht blendend aus. Sein Gesicht wirkt gepflegt. Auffällig ist der braune Teint. Noch auffälliger ist der funkelnde, silberne Ring. Die Größe: gewaltig. Genau wie die Uhr, die der 23-Jährige am linken Handgelenk trägt. Wobei die Bezeichnung Uhr nicht ganz richtig ist. Elite-Taucher einer US-Spezialeinheit könnten solch ein Monstrum bestimmt ebenfalls gut gebrauchen. Mesut Özil war mal ein bescheidener Straßenfußballer aus dem Gelsenkirchener Arbeiterstadtteil Buer. Jetzt ist er ein Weltstar bei Real Madrid. Und Deutschlands wichtigster Nationalspieler.

Einen Titel hat Özil fast sicher

Hansi Flick, Joachim Löws Adjutant, hat Mesut Özil oft in seiner neuen Heimat in Spanien besucht. Der DFB-Assistenztrainer sagt: "Wenn er im Bernabeu-Stadion am Ball ist, geht jedes Mal ein Raunen durch das Publikum. Er hat sich bei Real enorm entwickelt. Wir staunen nur über ihn und sind stolz, einen Spieler dieser Klasse in unseren Reihen zu haben." Und Özil? Benutzt ähnliche Worte. In den wenigen Minuten, in denen es der Mittelfeldspieler zulässt, dass es beim Frage-Antwort-Spiel um Madrid geht, leuchten seine Augen noch ein Stückchen mehr als sonst. "Natürlich habe ich mich sportlich weiterentwickelt", sagt er. "Aber es ist auch die Kultur und die Sprache. Dieses alles kennenlernen zu dürfen, macht mich schon stolz." Hier spricht einer, der es geschafft hat, denkt man als Zuhörer. Jetzt fehlen nur noch Titel.

In der spanischen Primera Division hat Real Madrid nach dem 24. Spieltag unglaubliche zehn Punkte Vorsprung vor Barcelona. Die Meisterschaft ist der Mannschaft von Trainer-Macho José Mourinho kaum noch zu nehmen. Özil hat daran seinen Anteil. In 22 Partien für die Königlichen gelangen ihm 14 Torvorbereitungen. Am vergangenen Wochenende führte ein Eckstoß Özils, den Cristiano Ronaldo per Hacke verwertete, zum 1:0-Erfolg bei Rayo Vallecano. Nur die Trefferquote (ein Tor) lässt zu wünschen übrig. Im DFB-Team ist Özils Bilanz besser. Dort gelangen dem Taktgeber des deutschen Spiels in 30 Spielen immerhin acht Treffer. "In der Nationalmannschaft klappt das regelmäßiger mit dem Toreschießen", bestätigt Özil den Medienvertretern in seinem unverwechselbar monotonen Tonfall.

Positivstimmung rund um die Nationalmannschaft

Auch und vor allem wegen Mesut Özil trauen viele der Boygroup von Joachim Löw im Sommer bei der EM in Polen und der Ukraine den Titelgewinn zu. Exakt 100 Tage vor Beginn des Turniers bildet der Test gegen Frankreich für das DFB-Team den psychologisch wichtigen Auftakt ins EM-Jahr. Wegen der vielen verletzten Leistungsträger und der knappen Vorbereitungszeit steht das Spiel gegen die seit 16 Spielen ungeschlagene Mannschaft um Bayern-Star Franck Ribéry unter keinem idealen Stern.

Aber selbst wenn das Spiel verlorengehen sollte, die Positivstimmung rund um die Nationalmannschaft würde nicht nachhaltig beeinträchtigt werden. Auch weil das Vertrauen in die eigene Stärke bei den Deutschen schier grenzenlos ist. "Ich bin überzeugt davon, dass wir den Titel holen werden", sagt Mesut Özil zum Abschluss seines Auftritts auf der DFB-Presskonferenz. Danach lacht der Superstar leicht verlegen, so als würde er sich für den tatsächlich etwas sehr forschen Satz entschuldigen wollen. Ein bisschen Natürlichkeit ist ihm bei Real Madrid doch erhalten geblieben.

Wissenscommunity