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Michael Ballack: "Ich habe doch genau das gesucht"

Als Kapitän prägt er die beste Nationalelf, die Deutschland seit Langem sah. Bei Chelsea London aber kämpft er noch um Anerkennung. Der stern begleitete Michael Ballack einige Wochen lang - Einblicke in die neue Welt des früheren Bayern-Stars.

Von Rüdiger Barth

Ein kleines italienisches Restaurant in Wimbledon, England, draußen wärmt die Frühlingssonne. Im Zeitungsladen nebenan liegen die Blätter vom Tage: Ballack, Matchwinner!, steht da. Der Deutsche ist bester Laune, gestern hat er sein bisher wichtigstes Tor geschossen, Chelsea in der Champions League gerettet. Drehschuss mit links, ein bisschen akrobatisch, sehr entschlossen. Das ist die Währung.

"Welcome to the real world!", so hatte ihn Chelseas Trainer José Mourinho in London begrüßt. Wie fühlt sie sich nun an, diese wirkliche Welt? "Hat er das wirklich gesagt?", fragt Ballack. Er nimmt einen Schluck Wasser, er grinst. Er ist 30 Jahre alt, lange genug im Geschäft, um jeden Fallstrick zu wittern. Was auch immer er nun sagen würde, beim FC Bayern, dem deutschen Rekordmeister, seinem ehemaligen Klub, könnten sie tödlich beleidigt sein. Und in Deutschland warten einige nur darauf, dass er zu sehr von Chelsea schwärmt. In England wiederum warten andere nur darauf, dass er zu wenig schwärmt. Natürlich erläutert Ballack das nicht. Aber man muss ja nur die Schlagzeilen lesen. Und er kann von den Journalisten keine Milde erwarten, schon gar nicht auf der Insel - er gilt als einer der bestbezahlten Spieler der Premier League. Nun soll er Spektakel bieten, please.

Ballack lacht sein lachen

"Dabei haben wir schon genügend Spieler fürs Spektakel", sagt Ballack, "ein paar Jungs sollten ja auch auf die Balance im Spiel achten. Wer dominant sein will, braucht den Ball, man muss also organisiert stehen." Es wird ein langes Gespräch. Ballack erzählt, wie wohl er sich fühle in London, dass er aber auch die Berge vermisse, es war ja nur eine Stunde in die Alpen, vom Starnberger See. Mit seiner Lebensgefährtin Simone und den drei Söhnen wohnt er im Grünen. Wimbledon, das ist zwei Wochen im Sommer der Irrsinn, wenn die Tennisfans einfallen, und fünfzig Wochen erstklassiges englisches Vorstadtleben. Die Ältesten müssen bereits zur Schule, mit vier und fünf Jahren. "Wir lachen uns immer kaputt, wenn der Große sagt: ,Mein Papa spielt bei den Blues." Und ,Chelsea" sagt er mit diesem englischen l, das hört sich an, als käme er aus London." Ballack lacht sein Lachen, das sehr großformatig ist. Aus der Ferne hatte man zuvor den Eindruck, er müsse harte Monate hinter sich haben, die Erwartungen sind riesig, Chelsea gewinnt zwar viele Partien, der Motor des Spiels scheint aber nicht recht anzuspringen. Schwere Zeiten? Wieder dieses Lachen. Es ist kein neuer Ballack. Aber ist es noch der alte?

Am Abend zuvor: Champions League gegen den FC Porto, Achtelfinale, Rückspiel. Wie immer vor einem Heimspiel trifft sich Ballacks neues Team in einem Hotel im Chelsea Harbour. Nur drei Abschläge von der schicken Fulham Road entfernt und so vornehm, dass es nicht mal Türsteher braucht, um Fans fernzuhalten. Von der Hotelbar öffnet sich der Blick auf einen Yachthafen, das Wasser der Themse umschwappt blitzende Boote. Da oben, rechts, im Turm mit dem bronzefarbenen Pyramidendach, wohnt der Schauspieler Michael Caine. Und ein paar Türen weiter Andrej Schewtschenko, Ballacks Mannschaftskollege. Es riecht nach großer Welt. Es ist die Welt des Chelsea FC. Es ist Ballacks neue Welt. Sie ist größer als die Bayern-Welt, aus der er hierher wechselte. Aber Ballack würde das niemals so sagen.

Mit dem Instinkt eines Stürmers

40.000 glühen vor Erregung im Stadion an der Stamford Bridge. Es wird ein typisches Chelsea-Spiel. Man darf keine Sekunde wegschauen. Es ist so schnell, dass man sich fragt, ob Bielefeld und Dortmund dieselbe Sportart betreiben. Es ist so schnell, dass die Chelsea-Spieler selbst manchmal nicht hinterherkommen. Die Bälle schießen nur so über den Platz, Ricardo Carvalho bolzt nach vorn, Didier Drogba wuchtet in der Luft herum, Arjen Robben fummelt sich links fest, Schewtschenko zieht aus 30 Metern ab. Flipperfußball. Die Fans jubeln, genau diesen Stil lieben sie.

Mittendrin Ballack. Der so viel rennt wie früher nicht in zwei Spielen für Bayern. Der immer wieder überspielt wird, hinterhereilt, übersehen wird, zurückeilt. Der kämpft und grätscht und macht und tut, am Ende mit dem Tor belohnt wird, der aber ganz und gar nicht der stärkste Ballack ist. Sein bestes Spiel geht ja so: Er eröffnet den Angriff auf Höhe der Mittellinie, organisiert den Spielzug, passt nach draußen und taucht dann ab - um im Strafraum wieder aufzutauchen, mit dem Instinkt eines Stürmers. Darin liegt sein Wert für jede Mannschaft dieser Welt. Es sind diese zwei Wirkungskreise, Mittelfeld und Strafraum, in denen er sich wohlfühlt. Dazwischen liegen 20 Meter Niemandsland, das Feld vor dem Strafraum, in dem es ihm, dem Mann mit Handballerformat, an Wendigkeit fehlt, um sich Raum zu verschaffen. Bei Chelseas wildem und mitunter wirrem Hochgeschwindigkeitstanz bekommt er an diesem Abend sehr oft in diesem Niemandsland den Ball. Es ist, als nähme man dem Tenor Rolando Villazón das Mikrofon weg und drücke ihm Pinsel und Farbpalette in die Hand.

Einmal aber passt der Rhythmus. Ballack erhält tief im Mittelfeld den Ball, er läuft nach rechts, sieht, da ist keiner frei, dreht sich, will links suchen - ein Manöver, das er in der Nationalelf ein Dutzend Mal pro Partie vollzieht. So geht deutscher Fußball: Mit Sinn, Verstand und Geduld die Lücke suchen, dann geht die Post ab. Bei Chelsea murrt jetzt das halbe Stadion, weil er nicht den schnellsten Weg nach vorn sucht. Es wirkt in diesem Augenblick, als ob das ein gegenseitiges Missverständnis sein könnte: Ballack für England. Und England für Ballack. Zurück beim Italiener in Wimbledon, am nächsten Tag. Er muss das natürlich selbst sehen. Dass er seine Rolle noch nicht gefunden hat. Dass er seine Stärken noch nicht einbringen kann, wie er es selbst von sich erwartet. Ist es nicht so? Zu seinen Talenten gehört zu spüren, zu wissen, was zu tun ist, um zu gewinnen. Chelseas Flipperspiel muss ihn irritieren. "Nein", sagt er, "es ist nur eine Frage der Gewöhnung. Es hat ein bisschen gedauert, aber jetzt bin ich da." Es beginnt der Endspurt der Saison, es ist die Zeit, in der es differenzierte Antworten schwer haben.

Nehmen Sie auf dem Platz wahr, wenn die Chelsea-Fans murren?

Absolut, die Zuschauer beeinflussen das Spiel hier sehr stark. Sie wollen immer eine Aktion nach vorn sehen - auch wenn das gegnerische Verteidigungsgefüge organisiert steht. Das zu spielen ist für mich kein Problem. Aber es ist schon eine andere Philosophie, als ich es aus Deutschland kenne.

Die Bayern etwa pflegen den Positionsfußball: warten, verschieben, zuschlagen.

Ich glaube, wenn man die Mannschaft des FC Bayern in Chelsea-Trikots stecken würde, würden sie womöglich nach ein paar Monaten echten englischen Fußball spielen. Weil das gar nicht anders geht in dieser Liga. Die Mannschaft wird sofort nach vorn getrieben. Es ist schon erstaunlich, wie stark eine gewisse Tradition den Fußball prägt, auch wenn die Spieler international sind.

Was war für Sie die größte Umstellung?

Sicher, dass ich erst mal im Spiel weniger gesucht wurde als in Deutschland. Das ist auch eine spezielle Situation: Ich kam als Neuzugang in eine Mannschaft, die die Premier League beherrscht hat. Da gibt es Mechanismen, die einfach greifen. Da muss man sich erst einfügen, sich reinversetzen, um ein Gefühl zu bekommen. Das klappt auch schon immer besser. Außerdem ist das Spiel auf der Insel auch viel härter, die Schiedsrichter lassen mehr laufen, es ist dadurch viel intensiver.

Nach den Stationen Chemnitz, Kaiserslautern, Leverkusen und München sind Sie jetzt beim reichsten Klub der Welt angekommen. Wieder brauchen Sie Zeit, sich einzufinden. Fragen Sie sich nicht manchmal: Musste ich mir das wirklich noch mal antun?

(Er schmunzelt.) Nein, gar nicht. Ich habe doch genau das gesucht. Eine neue Herausforderung hält dich als Sportler wach - Momente zu haben, in denen du Gegenwind bekommst, und am nächsten Tag sagst du: trotzdem! Das sind Gefühlsschwankungen, die man als Profi braucht, wie im normalen Leben. Dieser Wechsel war die letzte Stufe, die mir in meiner Karriere noch gefehlt hat: ins Ausland zu einem Topverein zu gehen. Das Glücksgefühl darüber war vorigen Sommer absolut da. Ich wollte mich noch mal beweisen, und jetzt ist es eingetreten, dieses Neubeweisen, mit all seinen Schwierigkeiten und Herausforderungen. Wir haben eine Mannschaft mit überragender individueller Qualität, und ich finde es sehr spannend mitzuhelfen, dass wir als Team dieses Potenzial ausreizen können.

In den englischen Medien sieht man Sie oft sehr kritisch.

Die Latte liegt natürlich hoch für mich. Da messe ich mich auch selbst dran. Aber ich bin körperlich super drauf, hatte wenig Verletzungen, trotz der WM, trotz fehlender Winterpause, was ja neu ist für mich. Ich fühle mich gut. Ich bin bereit für die großen Spiele, die jetzt kommen.

Hat Ihnen Ihr Trainer José Mourinho das mal bestätigt?

Nein, das ist nicht seine Art. Er geht von einem hohen Niveau der Spieler aus, Streicheleinheiten sind nicht so sein Ding. Das ist ja mit vielen Spitzenvereinen vergleichbar. Und Mourinho ist sowieso eine sehr starke Persönlichkeit. Er lässt sich überhaupt nicht von außen beeinflussen.

In der Bundesliga war Ihre Rolle zuletzt klar: Mittelfeldchef des FC Bayern. Inwieweit haben Sie bei Chelsea Ihre Rolle gefunden?

Das ist ein Prozess. Am Anfang bist du der Neue, das ist ganz normal, auch wenn ich in England natürlich nicht bei null angefangen habe. Ich kenne diesen Prozess ja: Man kann ihn nicht erzwingen, er braucht seine Zeit. Da bin ich auf einem guten Weg. Die fremde Sprache beschleunigt ihn aber natürlich nicht.

Ihr Englisch ist doch schon sehr passabel, wie wir mitbekommen haben.

Ja, aber wenn waschechte Engländer wie John Terry oder Frank Lampard miteinander reden, verstehst du kaum ein Wort. Mit mir geben sie sich Mühe, aber sobald sie den Eindruck haben, der versteht das, legen sie richtig los. Dann musst du wieder sagen: Langsam, Jungs! Und wenn es in der Kabine hoch hergeht, würde man in manchen Momenten gern was beisteuern, aber es ist nicht leicht, so schnell zu sein, die Pointe zu setzen. Ich kenne das von Bayern München. Da dachte man bei manchem ausländischen Spieler: Der ist sicher ein bisschen introvertiert. Aber sobald er unter Landsleuten war, wurde der zum Spaßvogel.

Sie sind ja selbst ein passionierter Witzeerzähler. Inzwischen auch auf Englisch?

Probiert habe ich's schon. Ging auch ganz gut. Man muss nur unheimlich aufpassen, dass man die Pointe nicht verhunzt.

Drei Wochen später, Prag. Die deutsche Nationalmannschaft gewinnt 2:1 in Tschechien, EM-Qualifikation. Statt des erwarteten Zitterspiels ist es das Meisterstück des neuen Bundestrainers Joachim Löw. Ballack wirft sich in der 3. Minute in den Schuss von Milan Baros, danach übernimmt er zusammen mit Torsten Frings die Partitur des Spiels. Es muss in der Heimat viele junge Deutsche geben, die haben ihre Weißen noch nie so gut gesehen. Nach dem Match leuchten Ballacks Augen. Es ist ein Leuchten, das er selten vor Reportern zeigt. Er hat die Entwicklung dieser Mannschaft mitgeprägt, und es ist nicht selbstverständlich, dass er, als er an diesem linden Prager Abend aus der Toyota-Arena tritt, sich als Kapitän einer reifen Elf fühlen darf. Ein Jahr ist es gerade her, das 1:4 in Italien.

Überrascht vom souveränen Sieg in Tschechien?

Ein bisschen schon. Wir haben eben inzwischen einfach eine gute Mannschaft, die WM hat uns unglaublich vorangebracht. Es ist vielleicht fußballerisch die stärkste deutsche Mannschaft seit Jahren.

Die Schweizer sagten nach dem 1:3 in Düsseldorf: "Wir haben gegen eine Weltklasse Auswahl verloren." Ähnlich äußern sich jetzt die Tschechen. Ein kleines Wunder?

Gar nicht. Löw setzt den zuvor eingeschlagenen Weg sehr konsequent fort. Er ist freundlich und diplomatisch, aber er geht ihn. Unser Spiel während der WM trug ja auch schon seine Handschrift.

Wie weit ist Chelsea weg, in diesem Moment?

(Er lacht.) Mit dem Flugzeug knapp zwei Stunden, oder?

Ballack gibt noch ein paar Autogramme, dann verschwindet er im Mannschaftsbus. Am nächsten Tag wird er im Flieger nach London sitzen, Löw hat seinen Stammspielern freigegeben. Mit Chelsea beginnen nun die entscheidenden Wochen. Im Champions-League-Viertelfinale geht es diesen Mittwoch gegen den FC Valencia. In der Premier League hofft man, das bislang krisenlose Manchester United doch noch abfangen zu können. Im FA-Cup steht man im Halbfinale. Vorigen Sonntag ein letztes Telefonat, nach dem 1:0 beim Schlusslicht, dem FC Watford.

Glückwunsch, Herr Ballack.

Danke. War aber ein Pflichtsieg.

Samstag gewann Bayern gegen Schalke, der Titelkampf dürfte spannend werden. Verfolgen Sie noch, was in der Bundesliga passiert?

Natürlich. Ich finde es super, dass es an der Spitze so eng zugeht, dass gleich vier Klubs um den Titel mitspielen. Das gab es lange nicht. Und die Bayern haben jetzt wieder eine reelle Chance, Meister zu werden.

Wie nimmt man denn bei Chelsea den FC Bayern wahr?

Bayern gilt als großer, gewachsener Klub in Europa. Man nimmt ihn sehr ernst.

Sie verblüfften kürzlich mit dem Vorschlag, Stefan Effenberg solle in München Hitzfelds Nachfolger werden. Können Sie sich vorstellen, eines Tages als Trainer zu arbeiten?

Vorstellen kann ich mir für meine Zukunft sehr viel. Aber das ist noch so viele Jahre weg, daran denke ich jetzt ganz bestimmt noch nicht.

Nicht mal manchmal?

Wissen Sie, woran ich zum Beispiel heute denke? An den Mittwoch. An Valencia. Der Fußball ist so ein schnelllebiges Geschäft. Auf dem Platz zählt nie, was war, immer nur, was ist.

Mitarbeit: Bernd Volland / print

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