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Nach dem Bayern-Aus: "Wir sollten kein Trübsal blasen"

Verkehrte Welt bei den Bayern nach dem CL-K.O.: Statt klar die Defizite anzusprechen, beglückwünschen sich die Spieler zum ehrenvollen Aus in Madrid. Nur Beckenbauer poltert.

Jetzt droht tatsächlich eine Saison ohne Titel, doch beim Bankett im Nobel-Hotel "Villa Magna" herrschte trotzdem kein Frust. Der FC Bayern München beglückwünschte sich nach dem 0:1 im Achtelfinal-Rückspiel gegen Real Madrid vielmehr zum ehrenvollen Abgang aus der Champions League und ignorierte bis auf Präsident Franz Beckenbauer konsequent die düstere Gesamtsituation. "Das war ein ganz anderes Ausscheiden als letztes Jahr. Damals sind wir durch den Hinterausgang aus der Champions League geschlichen, dieses Mal gehen wir erhobenen Hauptes durchs Hauptportal", verkündete Vereins- Chef Karl-Heinz Rummenigge in seiner Beschwichtigungsrede und erntete wohlwollenden Beifall von Edelfans und Sponsoren.

Kampfansage an Werder Bremen

Trotzig richtete Rummenigge in der Nacht zum Donnerstag nach dem "nicht erfüllten Traum" den Blick nach vorne und widersprach sogar "meinem Freund Franz Beckenbauer", in dem er in den Saal rief: "Die Meisterschaft ist noch nicht abgesegnet." Damit lag er auf einer Wellenlänge mit Oliver Kahn, der den nach seinem schweren Fehler im Hinspiel (1:1) angekündigten Sieg im Alleingang nicht verwirklichen konnte. "Wir wollen noch voll auf den Meistertitel los gehen", lautete die Kampfansage des Kapitäns an den SV Werder Bremen.

"Es war zu wenig, um Real zu schlagen"

Solche Entschlossenheit hatte der Rekordmeister gegen eine personell geschwächte und mit Ausnahme von Zinedine Zidane keineswegs "außerirdische" Real-Elf vermissen lassen. "Es war zu wenig, um Real zu schlagen", erkannte Beckenbauer. Erst nach dem Treffer von Zidane (32.) legten die Bayern ihr zögerliches Spiel ab und hatten unmittelbar vor der Pause zwei Mal Pech bei gefährlichen Schüssen von Roy Makaay und Claudio Pizarro. Nach dem Seitenwechsel verfielen sie aber wieder in ihren harmlosen Trott. "Entscheidend war die Chancenverwertung", zog Trainer Ottmar Hitzfeld ein Resümee, das für beide Partien galt.

Hoffnungsträger Schweinsteiger

"Wir hätten es verdient gehabt, weiter zu kommen", klagte Michael Ballack, der in einem wichtigem Spiel wieder nicht die benötigte Leitfigur war. Ausgerechnet der 19-jährige Bastian Schweinsteiger spielte nach seiner Einwechslung "frisch, frei, fröhlich" (Kahn) auf und setzte die Akzente, die man vom Nationalspieler erwartet hätte. "Vielleicht habe ich mich zu sehr in der Defensive aufgerieben. In den Offensivaktionen hat dann die Kraft gefehlt", meinte Ballack.

Beckenbauers harsche Kritik an Ballack

An dem 27-Jährigen lässt sich ein Kardinalproblem der Bayern 2004 festmachen. Der Rekordmeister hatte in der Vergangenheit immer Chefs wie Beckenbauer, Breitner, Rummenigge, Augenthaler, Matthäus oder Effenberg, die eine Mannschaft zu internationalem Ruhm und Titeln führen konnten. Real Madrid hat auch so einen Mann. «Wenn einer den Unterschied ausgemacht hat, dann war es Zidane. Er hat weltklasse gespielt und nicht ganz umsonst das Tor gemacht», sagte Rummenigge. Beckenbauer ließ kein gutes Haar an Ballack: "Den Vergleich mit Zidane kann er nicht halten. Ihm wurden die Grenzen gezeigt."

Kahn verwies zu Gunsten des FC Bayern auf die unterschiedliche Philosophie beider Clubs. "Wir haben eine ganz andere Politik als Real Madrid. Der FC Bayern hat keine 200 Millionen Euro Schulden, im Gegenteil." Weltstars wie Zidane kann sich der FC Bayern nicht leisten, wenn er weiterhin schwarze Zahlen schreiben will. Rummenigge will am "Zwei-Säulen-Modell" mit Talenten aus dem eigenen Nachwuchs wie Schweinsteiger und Millionen-Transfers wie Makaay festhalten.

Motto: weiter so!

Die 18,75 Millionen Euro Ablöse für den Torjäger haben sich gelohnt. Aber für die europäische Spitze verfügen die Bayern nicht mehr über genug Qualität, in allen Mannschaftsteilen fehlen Spieler mit Weltklasseformat. Beckenbauer sprach vom "Verschleiß der letzten Jahre. Die Mannschaft ist nach wie vor stark, sie muss sich neu finden und neu motivieren.»

Kümmerliche zwei Siege gelangen in den letzten 15 Champions-League-Spielen, nur sieben Tore brachte dieses Team in dieser Saison in acht Spielen zu Stande; allein sechs davon machte Alleinunterhalter Makaay. Aber diese Fakten wollte kaum jemand hören nach einem K.o. gegen Real. "Wir sollten nicht Trübsal blasen", sagte Kahn: "Wir sind gegen die von den Namen her beste Mannschaft der Welt ausgeschieden. Nächstes Jahr werden wir wieder angreifen."

Klaus Bergmann/DPA / DPA

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