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NATIONALMANNSCHAFT: Skepsis und Sorgen im WM-Flieger

Das Verletzungs-Drama um Sebastian Deisler hat die Not von Rudi Völler zwei Tage vor dem WM-Abflug weiter verschärft.

Das Verletzungs-Drama um Sebastian Deisler hat die Not von Rudi Völler zwei Tage vor dem WM-Abflug weiter verschärft. Skepsis und gleich ein ganzer Sack voller Probleme begleiten die deutsche Fußball-Nationalmannschaft auf dem Weg nach Japan. Wenn Völler seine 23 Auserwählten an diesem Dienstag in Neu- Isenburg versammelt, um einen Tag später zu seiner ersten Weltmeisterschaft als Teamchef ins Land der aufgehenden Sonne aufzubrechen, ist der Trainer-Novize trotz eines psychologisch wichtigen 6:2-Sieges bei der WM-Generalprobe gegen Österreich nicht viel schlauer als zu Beginn der Vorbereitung vor zwei Wochen. Im Gegenteil: Deislers gesundheitlicher Rückschlag sorgt für noch mehr Unsicherheit.

Ungewissheit und offene Fragen

Kaum Hinweise auf die wahre Leistungsfähigkeit der Mannschaft, verschärfte Personalsorgen nach dem Schock um Deisler, keine Spur von einer eingespielten Elf: Nie zuvor startete eine deutsche Nationalmannschaft mit so viel Ungewissheit und so viel ungelösten Fragen in eine WM-Endrunde. »Einige Dinge dürfen bei der WM nicht passieren«, betonte Völler. Der ehemalige Weltklasse-Stürmer weiß, dass er in den verbleibenden acht Trainingstagen bis zum Turnierstart am 1. Juni gegen Saudi-Arabien sein Teamgefüge auf äußerst dünnem Eis baut. Hoffnungsträger Deisler, dem eine letzte Untersuchung bei Teamarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt endgültig Klarheit bringen sollte, wäre bereits der fünfte Ausfall nach Christian Wörns, Jens Nowotny, Mehmet Scholl und Alexander Zickler.

Deislers mühevolle Aufbauarbeit

Der Neu-Münchner Deisler, der sich gegen Österreich sein vorgeschädigtes rechtes Knie erneut verdrehte und nach 19 Minuten aus der BayArena getragen wurde, spielte im WM-Puzzle von Völler eine herausragende Rolle. Doch ein eher harmloser Zweikampf beendete die mühevolle Aufbauarbeit. Zwar war im bereits mehrfach operierten Knie nichts gerissen, wie eine Computertomographie bestätigte. Doch die im Oktober vergangenen Jahres in den USA bei einer OP fixierte Kniescheibe verschob sich wieder. Offenbar ahnte Deisler schon in dieser Sekunde, dass damit die WM-Träume geplatzt waren.

Lars Ricken als Deisler-Ersatz?

Nun muss der Teamchef erneut umdenken: Der Dortmunder Lars Ricken ist als Last-Minute-Ersatz in der Favoritenstellung, eine Alternative wäre Deislers Hertha-Kollege Stefan Beinlich. Wenigstens die Offensiv-Qualitäten des Teams - allen voran von Miroslav Klose (3 Tore) und Marco Bode (2) - gegen harmlose Österreicher sowie die Entwarnung im Fall Marko Rehmer (»Die WM ist nicht in Gefahr«) sorgten für einen Anflug von Optimismus. »Der Sieg war wichtig für die Außenwirkung und bringt uns ein bisschen Ruhe«, hoffte Völler, bevor ihn die neuen Verletzungssorgen wieder zurück warfen.

»Man darf das alles nicht überbewerten«

Nicht nur durch das Deisler-Problem ist die erste WM-Testphase höchstens als Aufgalopp einzustufen. »Man darf das alles nicht überbewerten«, beurteilte der Teamchef die Berg-und-Tal-Fahrt mit den Resultaten 7:0, 0:1 und 6:2. »Wir sind froh, dass diese Spiele, die Muster ohne Wert darstellen, jetzt vorbei sind«, erklärte Oliver Kahn. »Die entscheidenden Tage kommen in Japan«, wies der Kapitän auf die Erfahrung aus anderen Turnieren hin.

Sorgen in der Defensive

Die Achillesferse im WM-Team ist die Abwehr. Selbst gegen zweitklassige Gegner wie Wales und Österreich offenbarte vor allem das Stopper-Tandem Christoph Metzelder und Thomas Linke fehlende Reife. »Da hat die Absprache gefehlt«, meinte der Teamchef. »Wir müssen uns in der Organisation der Defensive verbessern. Das bezieht sich auf die ganze Elf«, zeigte Bode das erweiterte Problem auf. Bei der WM könnte dies desaströs enden: »Das sind Dinge, die ein Spiel entscheiden. Einmal geschlafen, einmal nicht richtig konzentriert - und du fährst nach Hause.« In einer Umfrage der ARD glaubten sogar 40 Prozent aller Anrufer an ein WM-Aus schon nach der Vorrunde.

Hoffnungen aus Leverkusen

Hoffnungen verbindet Völler vor allem mit den fünf Leverkusener Nationalspielern, die am Mittwoch mit im Flieger nach Miyazaki sitzen und bisher nicht eingreifen konnten. Zudem funktionierte die »Abteilung Attacke« gegen Österreich ordentlich, auch wenn die sechs Tore niemand überbewertete. »Wie schon in der Vergangenheit haben wir uns relativ viele Chancen herausgearbeitet und sie genutzt«, sah Völler dennoch die positive Tendenz. Jungstar Klose hat sich mit der hervorragenden Quote von nun acht Toren in 12 Länderspielen einen Stammplatz verdient. Der Konkurrenzkampf aber wird erst in Japan eröffnet. »Es wird noch viel passieren«, prophezeit Oliver Kahn.

Von Jens Mende und Marc Zeilhofer (dpa)

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