Depressionen im Leistungssport Profis bis zur Selbstaufgabe


Der tragische Freitod von Robert Enke hat den Fokus auf ein selten behandeltes Thema gelenkt: Depressionen und Versagensängste im Spitzensport. Die Topstars des internationalen Sports stehen ständig im Rampenlicht, für manche wird der Druck unerträglich.
Von Nico Stankewitz und Tim Schulze

Depressionen sind eine Krankheit und behandelbar. Sie ist beinahe eine Volkskrankheit, betroffen sind Menschen aller sozialen Schichten und Berufsgruppen. Im Leistungssport kommt ein kompliziertes psychologisches Phänomen dazu: der öffentliche Druck. Ausnahmeathleten, die täglich im Blickpunkt stehen und bei denen jede Bewegung beobachtet wird, müssen mit der Berühmtheit und dem Geld, das sie verdienen, den Preis bezahlen für gravierende Einschnitte im Privatleben und die immer möglichen "Versager"-Schlagzeilen des Boulevards.

"Fußball-Profis bewegen sich in einem Umfeld, in dem nur absolute Hochleistung zählt, und sie haben hohen Druck, dass sie ihren Arbeitsplatz verlieren, wenn sie nicht mehr ans Limit gehen. Man muss immer Gewinner sein, nur so kann man sich legitimieren", sagt der Sportpsychologe des VfL Bochums, Thomas Graw.

Im absoluten Spitzensport sind Depressionen zwar ein Tabuthema, aber wahrscheinlich auch seltener als im Bevölkerungsdurchschnitt. Der Grund dafür ist einfach: Um in die Fußball-Bundesliga zu gelangen, muss ein Sportler einen so knallharten Ausleseprozess durchlaufen, dass die Mehrzahl der sensiblen, nachdenklichen oder gar "labilen" Sportler schon vorher durch das Raster fällt. Jeder Profi kennt Spieler mit ähnlichem oder sogar größerem Talent, die den Weg nicht geschafft haben, weil sie nicht hart und nicht konsequent genug waren. "Es herrscht ein knallharter Sozialdarwinismus schon im Jugendbereich", sagt Graw.

Damit gehen natürlich auch Gewöhnungs- und Abstumpfungsprozesse in Bezug auf den öffentlichen Druck einher. Wer nicht gerne im Rampenlicht steht, wer Probleme mit öffentlichem Druck, Zuschauern und Medienvertretern hat, wird nur im absoluten Ausnahmefall Bundesliga-Profi.

Der Fall Deisler


Sebastian Deisler war ein solch krasser Ausnahmefall. Hier geriet die Themenkette Druck-Öffentlichkeit-Depressionen erstmals an die breite Öffentlichkeit. Der filigrane Techniker aus Lörrach war spielerisch so gut, dass er einen Beruf annahm, für den er mental nicht geeignet war. Das Wunderkind, mit dem sich die größten Hoffnungen für den deutschen Fußball verbanden, wurde im Grunde von den euphorischen Medien in die Depression getrieben - er selber wollte nur spielen, am liebsten mit Freunden unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Sebastian Deisler zog die Notbremse und beendete mit 27 Jahren das Missverständnis "Profikarriere". Skisprung-Olympiasieger Sven Hannawald entschied sich auf dem Höhepunkt seines sportlichen Ruhms 2005 für das Ende seiner Karriere, als er merkte, dass er gegen den Druck nicht mehr ankämpfen konnte: "Die Depression war ein Alarmsignal meines Körpers, dass ich etwas ändern muss", sagte Hannawald.

Bei Robert Enke sind solche Probleme nicht überliefert. Im Gegensatz zu Deisler (mit dem ihn eine gemeinsame Vergangenheit in Mönchengladbach verband) hatte der Nationaltorwart scheinbar keine Probleme mit der Öffentlichkeit. Er begegnete Journalisten und Fans gleichermaßen offen und sympathisch. Hier hat es wohl eher eine unheilvolle Verquickung von sportlichem Druck, einer Krankheitsgeschichte und privater Tragik gegeben, die zu dieser endgültigsten aller Konsequenzen führte.

Besondere Drucksituation für Spitzensportler


Zweifellos gibt es besondere Drucksituationen im Spitzensport. Das gilt natürlich insbesondere für Torhüter, die aufgrund ihrer Position immer eine Sonderrolle im Team einnehmen. Der italienische Nationalkeeper Gianluigi Buffon bekannte in seiner Biografie, vor der EM 2004 unter dem starken Druck gelitten und psychologische Hilfe in Anspruch genommen zu haben.

Andererseits hat die Sportpsychologie seit den neunziger Jahren Einzug in den Spitzensport gehalten. Im absoluten Leistungsbereich ist die regelmäßige oder punktuelle Arbeit mit Fachleuten inzwischen Normalität, um Versagensängste und Druck abzufedern. Hinzu kommen in vielen Vereinen Fachleute als Medienberater oder Pressesprecher. Den Sportlern wird also geholfen, mit ihrer speziellen Situation umzugehen. Allerdings hinken gerade im Fußball noch viel Clubs dieser Entwicklung hinterher. "Das Potential für eine Leistungssteigerung in Sachen Psyche ist im Fußball noch nicht erkannt worden", sagt Graw und fordert deshalb eine breite, öffentliche Diskussion.

Nach Robert Enkes Tod stellt sich nun aber die Frage, ob genug getan wird, um den Sportlern die Schwierigkeiten abzunehmen, die das Profidasein mit sich bringen. Jörg Schmadtke, Manager von Enkes Club Hannover 96, geht die Frage offensiv an: "Wir haben eine Aufgabe gestellt bekommen von Robert, über die sollten wir nachdenken. Wir müssen uns mit der Thematik befassen, was die Betreuung junger Menschen angeht", sagte Schmadtke weiter.

Fluchtweg Alkohol


Wer es trotzdem nicht schafft, mit seiner herausgehobenen Position umzugehen, und der ungeheuren Verantwortung im Fokus der Öffentlichkeit gerecht zu werden, sucht sich hilflos andere Auswege. Ein nahe liegendes Ventil ist die Flucht in die Drogensucht. Nicht wenigen Profis, vor allem im britischen Fußball, dient Alkohol als Ventil, bestens dokumentiert etwa in den Biographien der beiden englischen Fußball-Idole Tony Adams und Paul Gascoigne. Beide klammerten sich auf der Flucht vor ihrer Berühmtheit und dem Druck der Öffentlichkeit an die Flasche. Meistertrainer Christoph Daum und Argentiniens Idol Diego Maradona griffen wie auch die Radstars Tom Boonen und Marco Pantani zu Kokain, um das Selbstwertgefühl zu stärken, und die Versagensängste zu mildern.

Von vielen anderen Sportstars, wie auch von anderen Größen aus dem Showgeschäft, ist ähnliches bekannt, die "Öffentlichkeit", sprich die Medien, fordern einen erheblichen Tribut von diesen Gladiatoren der Neuzeit, die einen hohen Preis bezahlen für ihr scheinbar sorgenfreies Dasein.


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