Robert Enke Tragödie eines Ausnahmesportlers


Der Selbstmord von Robert Enke ist die größte Tragödie in der Geschichte des deutschen Fußballs. Verloren geht nicht nur ein herausragender Torhüter.
Ein Nachruf von Nico Stankewitz

Wenn im Fußball von Tragödien die Rede ist, sind meistens unglücklich verlorene Spiele gemeint. Was sich am frühen Abend des 10. November im beschaulichen Neustadt am Rübenberge im Norden von Hannover abgespielt hat, ist der Endpunkt einer Tragödie aus dem realen Leben abseits des Platzes. Über ihre Hintergründe wird noch viel spekuliert werden.

Nach allem, was bislang bekannt ist, spielte sich das Drama so ab: Nationaltorwart Robert Enke ist mit dem Auto zu den Bahngleisen im Ortsteil Eilvese gefahren, dann hinaus in die dunkle, regnerische Novembernacht gegangen, Schritt für Schritt über das Geröll am Bahndamm geklettert und hat sich nach einigen hundert Metern in absoluter Finsternis direkt vor den heran nahenden Regionalexpress geworfen. Es war 18.17 Uhr. Wenige Stunden später verfällt die Fußballwelt in Schockstarre - zu schwer zu fassen ist die Nachricht, der hoch geachtete Keeper habe sich das Leben genommen.

Damit endeten abrupt das Leben und die Karriere des lange umstrittenen Torhüters, der sich erst mit einer gewissen Altersreife unter den nationalen Spitzenkeepern etablieren konnte. Gestartet ins Profileben ist der Junge aus Jena bei Borussia Mönchengladbach, wo er in der Abstiegssaison 98/99 Stammspieler wurde und am Ende schon zu gut für die 2. Liga war - eine Parallele übrigens zu Sebastian Deisler, der gemeinsam mit Enke den Durchbruch schaffte und dann den Verein verließ.

Der Wanderer

Nach dem Abstieg der Borussia wurde Enke auf Wanderschaft geschickt. Obwohl es auch Angebote aus der Bundesliga gab, wechselte der damals 22-Jährige zum portugiesischen Traditionsclub Benfica Lissabon, wo er drei Jahre als unangefochtener Stammkeeper verblieb, allerdings trotz guter persönlicher Leistungen ohne große Erfolge mit der Mannschaft. Danach gab es einen ernsthaften Karriereknick für den ambitionierten Tormann, denn er wechselte vielen Zweiflern zum Trotz zum FC Barcelona, wo er direkt wieder aussortiert wurde und nur ein Ligaspiel bestritt. Trainer war übrigens Louis van Gaal.

Ein verunglücktes Türkei-Engagement (ein Spiel für Fenerbahce Istanbul), einige Monate Arbeitslosigkeit und ein paar Spiele in der zweiten spanischen Liga für Teneriffa beschreiben den Karriereknick von Enke, der sich dann vollkommen neu und solide orientierte.

Stabilität in der neuen Heimat

Der Wechsel zu Hannover 96 brachte 2004 endlich Stabilität in die Karriere von Robert Enke. In der niedersächsischen Hauptstadt spielte er mehr als fünf Jahre, die zweite Hälfte sogar als Kapitän bei den "Roten" von 96. Enke schaffte wieder den Anschluss an die Nationalelf und galt seit dem Rücktritt von Lehmann 2008 als die eigentliche Nummer Eins im Nationaltor, auch wenn er verletzungs- und krankheitsbedingt den Platz bei den beiden wichtigsten Spielen in dieser Zeit gegen Russland jeweils Rene Adler überlassen musste.

Der Schlussmann zeigte sich extrem konstant mit großer Ausstrahlung und Führungsstärke und entwickelte sich beständig weiter, zwischen den Zeilen drückte auch Bundestrainer Joachim Löw diese Wertschätzung immer wieder aus - in der Nationalelf war Robert Enkes Stellenwert weit höher, als es seine gerade einmal acht Einsätze vermuten lassen. Kaum anzunehmen, dass sportliche Gründe etwas mit dem tragischen Todesfall zu tun haben.

Gefasst, analytisch, intelligent

Auf viele Beobachter, Fans und Journalisten wirkte Robert Enke immer gefasst, analytisch und intelligent - ein absoluter Sympathieträger, der (im angenehmen Sinne) etwas andere Fußballprofi. Keiner, der sich wegduckt, offen und direkt ohne dabei unangenehm zu sein. Aber was muss in diesem Mann vorgegangen sein, was hat ihn in diese Ecke getrieben, aus der er keinen anderen Ausweg mehr gesehen hat? Der Tod seiner damals zweijährigen Tochter, die 2007 bei einer Operation an einem angeborenen Herzfehler starb, war eine schwere Belastung für den Hannoveraner und seine Frau Teresa, die aber - öffentlich - würdevoll und ernsthaft Trauerarbeit betrieben und so zum Vorbild für viele Familien mit schweren Schicksalsschlägen wurden. Mit der Adoption eines Kindes im Mai dieses Jahres schien das Paar neue Kraft gefunden zu haben. Auf dem Platz war bei Enke von privaten Rückschlägen ohnehin nichts zu spüren.

Am Vormittag seines Todestages hatte der 32-Jährige noch mit 96-Ikone Jörg Sievers Torwarttraining absolviert, war dann zur geplanten Nachmittags-Einheit nicht mehr erschienen. Nach der Todesnachricht gab es nur Ratlosigkeit, lediglich 96-Präsident Martin Kind gab mit der Bemerkung "er war labil" einen Hinweis, der zur Aufklärung der Hintergründe beitragen könnte. Laut Mannschaftsarzt Wego Kregehr war Enke gesund und belastbar und er habe über eine psychische Erkrankung "nicht mit ihm gesprochen". Enke soll einen Abschiedsbrief hinterlassen haben, möglicherweise wird die Öffentlichkeit in den kommenden Tagen noch mehr erfahren über die Hintergründe dieser unfassbaren Tragödie. Der deutsche Fußball hat einen herausragenden Torhüter und einen ungewöhnlichen, sympathischen Menschen verloren.


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