Nationalmannschaft Vom "Lieben Herr Löw" zum harten Boss


Bundestrainer Joachim Löw ist aus den Konflikten mit Michael Ballack und Torsten Frings als Sieger hervorgegangen. Beide Spieler haben sich entschuldigt, die neue harte Linie Löws wirkt. Dabei half ihm die Weltmeisterschaft 2010 als Druckmittel. Löw schob gleich noch eine klare Ansage hinterher.

Dem Friede von Frankfurt folgte der Berliner Basta-Beschluss: Joachim Löw hat nach Michael Ballack auch Torsten Frings seinen neuen Führungsstil spüren lassen und den nächsten kritischen Nationalspieler unmissverständlich in die Schranken gewiesen. Mit dem zweiten Vier-Augen-Gespräch innerhalb von fünf Tagen dokumentierte der Fußball-Bundestrainer, dass sich auch die unzufriedenen Leitwölfe an die von ihm nun klar definierten Regeln halten müssen - sonst droht Ballack und Frings der Rauswurf aus der Nationalmannschaft. "Es wird keine Nachwehen geben, weil dies in dieser Form nicht mehr passieren wird", sagte Löw schon kurz vor seinem Treffen mit Frings in Berlin.

Während Ballack nach seiner Unterredung mit Löw in der Vorwoche noch mit dem Anschein des heimlichen Siegers von Frankfurt zurück nach England geflogen war, gab sich der Bremer Frings nach dem Berliner Rapport beim Bundestrainer kleinlaut. "Ich werde mich dem Konkurrenzkampf in der Nationalmannschaft stellen, erwarte keine Garantien und möchte mit Leistung überzeugen", wurde der 31-Jährige vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) zitiert. Auch in seinem ersten eigenen Interview am späten Dienstagabend beim TV-Sender "Premiere" wirkte Frings ungewöhnlich zurückhaltend, fast scheu. "Ich habe mich entschuldigt. Ich hätte nicht an die Öffentlichkeit gehen dürfen", sagte er.

Frings ungewohnt kleinlaut

Zwei Wochen vor dem letzten Länderspiel des EM-Jahres gegen England am 19. November in Berlin hat Löw seine neue Personalpolitik mit Exempeln an seiner einst unantastbar wirkenden Mittelfeldachse manifestiert. Auch ohne unmittelbare sichtbare Sanktion spielen Ballack und Frings im DFB-Trikot auf Bewährung und dürfen sich keine öffentliche Kritik mehr leisten. "Er weiß, welche Folgen es beim nächsten Mal haben wird", drohte Löw Ballack via "Sport Bild".

Nach seiner soften EM-Linie mit sportlichen Erbhöfen für verdiente Spieler weiß der einst als "Lieber Herr Löw" geltende Bundestrainer nun, dass er für den angestrebten WM-Erfolg im Jahr 2010 mit klaren Regeln den Nationalmannschafts-Tross dirigieren muss. Der Rauswurf des Schalkers Kevin Kuranyi und die Absage an Jens Lehmann für einen nostalgischen Abschieds-Einsatz gegen England sind dafür weitere Indizien. Ballack und Frings müssen den Kurswechsel ihres Trainers spätestens jetzt begriffen haben. "Das war für mich eine neue, schwer zu verarbeitende Situation und in der ersten Reaktion habe ich deshalb das eine oder andere Wort benutzt, das ich heute bedaure", sagte der von Löw zuletzt zum Bankdrücker degradierte Frings.

Kritik von Allofs

Die Lösung der Ballack-Frings-Krise machte Löw zudem zur Chefsache und löste sie auch ohne Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff als möglichen Adjutanten. Die WM 2010 war ihm im Fall Ballack/Frings dabei ein willkommenes Druckmittel. Wie einst sein Vorgänger Jürgen Klinsmann die Heim-WM 2006, nutzte er das Turnier als "Totschlag-Argument" für Kritiker. Südafrika ist für das Mittelfeld-Duo die wohl letzte Chance, die Karriere mit einem internationalen Titel zu krönen. "Für mein Land zu spielen, ist für mich weiterhin etwas Außergewöhnliches. Ich werde meine Chance suchen und alles dafür geben, dass wir uns für die WM 2010 in Südafrika qualifizieren und dort ein gutes Turnier spielen", sagte Frings.

Weitere öffentliche Kritik wie nach den Qualifikationspartien gegen Russland (2:1) und Wales (1:0) ist daher wohl (vorerst) nicht zu erwarten - auch wenn beide Profis in ihren Entschuldigungsstatements stets nur die Form, aber nicht die Inhalte ihrer Aussagen bedauerten. Hartnäckig sollen beide Profis über die vom DFB nach den Gesprächen veröffentlichten Aussagen in den Presseerklärungen verhandelt haben. Bei Ballack soll dieser "Poker" besonders lange gedauert haben und verursachte angeblich die lange Verzögerung der Bekanntgabe der Gesprächsergebnisse.

Während Frings nach seinem Kurztrip nach Berlin gezähmt auftrat, teilte Werder Bremens Geschäftsführer Klaus Allofs einen Seitenhieb in Richtung Krisenmanager Löw aus. "Es ist für uns alle unbefriedigend, dass es so lange in der Schwebe war. Das ist ablenkend und belastend. Ich hoffe, dass das jetzt ausgestanden ist", sagte Allofs. Franz Beckenbauer konnte sich einen süffisanten Kommentar Richtung aller Beteiligter nicht verkneifen: "Jetzt ist endlich mal Schluss mit den ganzen Empfindlichkeiten und Befindlichkeiten. Ich hoffe, dass der letzte Empfindliche damit befriedigt ist."

DPA DPA

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