Oliver Kahn Abschied des Unvollendeten


Am Samstag betritt Oliver Kahn zum letzten Mal als Profi einen Fußballplatz. Gegen Hertha BSC (ab 15.30 Uhr im stern.de-Live-Ticker) gibt der Titan seinen Abschied aus der Bundesliga. Einer der besten Torhüter aller Zeiten hat fast alles erreicht, doch am Ende bleibt er unvollendet.
Von Nico Stankewitz

Oliver Kahn ist besessen vom Fußball. Schon als kleiner Junge in den Straßen von Karlsruhe hatte er nur einen Traum: Der beste Torwart der Welt zu werden. Unermüdlich arbeitet er Jahr um Jahr bei seinem Stammverein Karlsruher SC. Noch ist nicht vorgezeichnet, dass er einmal zu den größten Torhütern gehören wird, die dieses Spiel je gekannt hat. Er ist Fußballer, er ist Torwart. Er interessiert sich für nichts anderes, keine Mädchen, keine Partys, keine Drogen, kein Alkohol, keine Zigaretten. Er trainiert, jahrelang, so hart wie sonst keiner, zumindest keiner beim KSC. Er schafft den Sprung in die Bundesliga - und arbeitet weiter. Er schafft den Sprung in die Nationalelf - und arbeitet weiter. Er wechselt zum FC Bayern - und arbeitet weiter.

Der Triumph des Torhüters

Als Mann wie als Junge hat er nur Fußball im Kopf, verbissen verfolgt er sein Ziel und wird von Jahr zu Jahr stärker. Mit ihm als Rückhalt wird Bayern wieder so dominant wie in den alten Zeiten, er holt 1996 den Uefa-Pokal, wird insgesamt achtmal Deutscher Meister und sechsmal Pokalsieger. Fast noch eindrucksvoller ist sein Champions League-Auftritt, wo er zu der Bayern-Mannschaft gehört, die 1999 eine der bittersten Niederlagen der Fußball-Geschichte einstecken muss. Zwei Treffer in der Nachspielzeit bedeuten eine 1:2-Finalniederlage gegen Manchester United, auch an Kahn, dem schon Überlebensgroßen, nagt es, dass er die beiden Bälle von Solksjaer und Sheringham nicht halten kann. Dem knapp 30-jährigen Ausnahmetorwart fällt nur eine Antwort ein: Noch härter arbeiten.

Die Mannschaft um Kahn, Effenberg und Elber gewinnt zwei weitere Meisterschaften, bis sie zwei Jahre später wieder ganz oben steht. Am 23. Mai 2001 vollendet sich in Mailand die größte Saison des Oliver Kahn mit einem Sieg im Elfmeterschießen gegen den FC Valencia - einem angemessenen Triumph für einen Torwart. Denn dieser europäische Titelgewinn ist wie keiner vorher oder nachher der Triumph des Torhüters des FC Bayern. Nahezu unbezwingbar ist Kahn auch schon in den vorherigen Runden, wo die Bayern Manchester United und Real Madrid, die Sieger der beiden Vorjahre ausschalten, immer gestützt auf den großartigen Kahn zwischen den Pfosten.

Ein Bruch im Leben von Oliver Kahn

Im Sommer 2001 hat Oliver Kahn alles erreicht, was man im Vereinsfußball erreichen kann. Er ist der anerkannt weltbeste Torhüter, er wird zum "Titan". Und genau in diesem Moment passiert etwas Unerwartetes, ein Bruch im Leben von Oliver Kahn: Er beginnt das Leben zu genießen. Immer noch arbeitet Kahn hart, aber er leistet sich extravagantere Autos, Designeranzüge, beginnt das feucht-fröhliche Münchner Party-Leben zu genießen, taucht ein in die Schickeriaszene.

Die WM 2002 verstärkt noch seinen guten Ruf, aber hier zeigt sich ein erster sportlicher Riss in der titanischen Laufbahn: Kahn führt Deutschland ins Finale der WM, zeigt sich in alter Stärke - bis zur 67. Minute, als er einen relativ leicht zu haltenden Schuss von Rivaldo nach vorne abprallen lässt und Ronaldo das Ende der deutschen Titelträume einläutet. Fassungslosigkeit. Von allen hat ausgerechnet der Titan gepatzt, ausgerechnet der Garant der Siegesserie. Erstmals ist Kahn nicht mehr perfekt, auch er macht Fehler, sogar, wenn es wirklich darauf ankommt, wie im einzigen Finale, das er mit der Nationalelf je erreichen sollte.

Der Titan wird menschlich

Zunächst schlägt Kahn eine Welle der Sympathie entgegen, das Publikum verzeiht menschliche Fehler. Erst im Jahr darauf beginnt auch die Öffentlichkeit am Idol zu zweifeln. Der Aufrechte, der Zuverlässige beginnt eine Affäre mit einer Barfrau aus dem "Einser", Münchens legendärer Nobeldisco P1 - und zwar in dem Moment, als seine Frau hochschwanger im Krankenhaus auf die Geburt des zweiten gemeinsamen Kindes wartet. Der Boulevard führt es genüsslich vor, bleibt auf der Spur des gefallenen Torwarts, der laut über Abschied nachdenkt. Er macht weitere Fehler und das nächste Problem kündigt sich an.

2004 übernimmt Jürgen Klinsmann die Geschicke der Nationalmannschaft und Kahn wird demontiert. Zunächst verliert er die Kapitänsbinde an Michael Ballack, dann trennt sich Klinsmann auch von Kahns Trainer Sepp Maier, schrittweise wird die Legende demontiert. Abwechseln wird er sich mit Jens Lehmann, das ist ihm seit der A-Jugend nicht mehr zugestoßen. Kahn denkt an Rücktritt, aber er bleibt, alles dem letzten großen Ziel unterordnend - dem vier Jahre zuvor verpatzten Weltmeistertitel. Die endgültige Ernüchterung folgt dann mit der Degradierung zur Nummer Zwei. Nummer Zwei - vielleicht der bitterste Moment für einen, der seine Autobiographie bezeichnenderweise "Nummer Eins" nannte. So beginnt im April 2006 schon das Alterswerk des Titanen. Er stellt sich hinten an, zunächst zähneknirschend, später fügt er sich ein, wird mehr Teamplayer als er es je war. Kahn stützt das Team um Klinsmann und wird immer populärer, wie schon nach der WM 2002 fühlt das Publikum mit dem Unterlegenen mehr als mit dem perfekten Kahn der Vorzeit.

Das Finale

So bestreitet der Alte noch zwei Spielzeiten in der Bundesliga, ordentlich, wenn auch nicht mehr so herausragend wie früher. Er nimmt sich Pausen, kränkelt immer wieder, erlebt noch eine Krise mit seinem FC Bayern und beendet seine Karriere in Würde, nicht zu früh und nicht zu spät und mit einem Double zum Abschluss. Es bleibt der unauslöschliche Eindruck vom Weltklassekeeper, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere, in seinem wichtigsten Moment einen Ball fallen ließ und dem deshalb der ganz große Titel versagt blieb. Im Vergleich mit Turek, Maier, Schumacher, Illgner und Köpke fehlt Kahn ein Titel, der Kleinste in dieser Ahnenreihe ist der Titan aber nicht. Man wird ihn vermissen, denn seit seinem Bundesligadebüt am 27.11.1987 hat Oliver Kahn die Bundesliga geprägt - über 20 Jahre mit Kahn haben Spuren hinterlassen. Die Bundesliga verliert ein Vorbild, ein Feindbild, eine Legende.


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