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Pavel Nedved: Märchenprinz aus dem Plattenbau

Aufgewachsen im Sozialismus, hat Pavel Nedved eine Karriere hingelegt, von der er früher nicht mal träumen durfte. Er kann der Superstar dieser EM werden. Die Deutschen zittern schon jetzt

Eigentlich ist dies ja eine richtig tolle Heldengeschichte. Eine Aufsteigergeschichte. Von wahr gewordenen Träumen und so. Und schulterlange blonde Haare hat der Held auch, was ja nicht schlecht aussieht, wie ein Ritter. Und dann, aufgepasst!, sitzt der Held auch noch da, blickt freundlich aus schmalen Augen und sagt: "Es gab für uns keinen großen Traum, wir waren eingesperrt. Basta."

Der Held sagt oft basta. Pavel Nedved spricht Italienisch, kein schlechtes übrigens, er hat die Sprache damals in drei Monaten gelernt. Er sitzt im Presseraum von Juventus Turin vor einer Werbetafel: Fiat und andere, großer Sportkommerz. Er blickt freundlich aus schmalen Augen, sie funkeln lustig listig. Die kurze Trainingshose hat er viel zu weit hochgezogen. Er schaut immer noch ein wenig aus wie ein Junge, mit 31. Der Junge verdient geschätzte acht Millionen Euro im Jahr. Er ist Europas Fußballer des Jahres. Und wenn man von den Tschechen als einem der EM-Favoriten spricht, dann spricht man von ihm. Keinen anderen Spieler in ihrer Gruppe fürchtet Völlers Nationalteam mehr als Nedved.

Wenn unsere Heldensage in den USA spielen würde, müsste man sich jetzt mit dem American Dream quälen. Gottlob: Es ist eine tschechische Geschichte.

"Wissen Sie, als Kind haben wir Pavel mal einen Ball geschenkt, und da hat er den Ball so lieb gewonnen, dass er damit praktisch bis heute lebt." Das sagt Vacláv Nedved, und der kennt Pavel schon ziemlich lange. Er ist sein Vater. Allerdings ist die Sache mit dem Ball wohl vor allem die, dass es für ein Kind vor der Wende sonst nicht viel gab in Skalna, an der bayerisch-böhmischen Grenze: ein paar Häuser, Sportplatz, Turnhalle, sonst nix.

Vacláv Nedved sitzt mit seiner Frau Anna in ihrem Haus, neue Couch, schönes Parkett, Flachbildfernseher an der Wand. In einer Vitrine stehen Pokale: Pavels Trophäen. Die größte Trophäe ist allerdings drum herum gebaut auf 12 000 Quadratmetern, platziert an einem Hügel über Skalna: ein Haus für die Eltern, eins für die Schwester, großer Garten, Swimming-Pool. Es gibt nicht viele Pools in Skalna. "Pavel hat uns das gekauft", sagt Vater Nedved. "Wissen Sie: Früher hatten wir nichts." Die Eltern, Pavel und seine ältere Schwester hausten im Plattenbau in einer Zweizimmerwohnung. Wenn die Nedveds heute auf der Terrasse ihres neuen Zuhause stehen, können sie ihr früheres Leben sehen: 200 Meter Luftlinie entfernt stehen vier Plattenbauten. In dem ganz links, von dem der Putz sich löst, da wohnten die Nedveds, ganz oben drin.

Die Mutter hatte damals einen Job als Verkäuferin, der Vater als Maschinenschlosser. Ansonsten? Pavels Talent, seinen Ehrgeiz und einen Fußball. Vater Vacláv war selbst ein guter Spieler, zweite Liga, so nahm er den Jungen mit auf den Platz. Der machte schon als Kind immer eine Trainingseinheit mehr als die anderen. Der Junge wurde besser, tolle Technik, großartige Übersicht. Der könnte ein Großer werden, dachte man, ein richtig Großer, eines Tages, ja, eines Tages wird er bei "Roter Stern Cheb" spielen, wo liegt eigentlich Turin? Irgendwo hinter dem Stacheldraht und den Selbstschussanlagen.

Pavel zupft im Presseraum an seinem Juve-Trikot, schwarzweißes Wappen auf der Brust, gleich wird er im Trainingsspiel der Motor sein in der Maschine mit Del Piero, Thuram, Trézéguet, Weltstars. Er sagt: "Turin? Russland, Polen: Mehr haben sie uns im Fernsehen nicht gezeigt. Wenn, dann gab es für uns nur einen Traum: die Nationalelf."

Pavel schien wirklich ein ganz Großer zu werden: Er schaffte es schon in der Jugend zu Roter Stern Cheb. Und dann holte ihn sogar ðkoda Pilsen. Vater, sagte Mutter Nedved, unglaublich, wo wir überall hinkommen: bis nach Pilsen! Die Nedveds hatten kein Auto. Und so mussten sie Pavels Wäsche immer mit dem Auto der Großeltern holen. Später ging Pavel sogar nach Prag. Und Prag: Riesenstadt. "Wir waren schockiert", sagt die Mutter. Aber Pavel kam dort in die Nationalmannschaft.

Übrigens: Wenn man Pavel Nedved heute nach der großen Stärke des tschechischen Teams fragt, blickt er ernst, überlegt kurz, Europas Fußballer des Jahres 2003, gewählt vor Zidane, vor Henry, vor Figo, sagt dann: "Dass wir keine Stars haben." Er lacht nicht dabei.

Ja, das könnte heute die Stärke dieser Mannschaft sein, sagt Vater Nedved zu Hause in Skalna auf der neuen Couch, ein automatisches Tor hat die Einfahrt, und der Zaun ums Haus ist der längste in ganz Skalna: dass das Gerüst dieser Mannschaft Spieler wie Pavel bilden, aus einer Generation, die einst nicht mal träumen durfte, in der großen Welt zu spielen. Die es geschafft haben. Die deshalb den Erfolg umso mehr zu schätzen wissen. Und dafür arbeiten. 1996, als Tschechien bei der EM gegen Deutschland erst im Finale scheiterte, waren sie die erste Generation junger Spieler, die bei einem großen Turnier im reichen Westen für sich werben konnten. Spieler, die stärker noch als die Frischlinge westlicher Nationen lernen mussten, sich durchzubeißen. Nicht, dass das jedem gelänge. Es gibt Spieler wie Jan Simak, die aus dem östlichen Nichts in den westlichen Himmel gehoben werden, dort vollends abheben und sich in den Wolken verlieren. Und es gibt Spieler wie Pavel Nedved. Er eroberte Rom, Lazio Rom. Aber auch er brauchte seine Zeit.

Anfangs in Italien saß Nedved mal mit seinem Vater im Auto, da fing er an zu erzählen: "Du kannst dir gar nicht vorstellen, in was für ein Loch ich gefallen bin, als ich hier ankam." Nedved, im wasserdichten Mantel des Kommunismus aufgewachsen, stand auf einmal im italienischen Zeitungsgewitter, musste beweisen, dass die Tschechen das Zeug für die Spitze haben. Schnell fand er sich oben wieder: auf der Tribüne. Zurück nach Tschechien? Aufgeben? "Ich? Eher würde ich 24 Stunden trainieren", sagt Nedved im Presseraum. Damals im Auto sagte er zum Vater: "Ich bin ein Dorfjunge aus Skalna in der Höhle des Löwen." Heute nennen sie ihn den "Löwen von Prag".

Obwohl es ja eigentlich eher eine Skalna-Geschichte war, die Pavel zum italienischen Helden machte: dass er zwar durchaus ausgewachsen nach Italien kam, mit 1,77 Meter kein Zwerg, aber noch immer das Gift der Kleinen auf dem Platz versprühte. "Ja, er spielt heute noch wie ein kleiner Spieler", sagt sein Vater. Das Kind war einen Kopf kürzer als die Gleichaltrigen in den Straßen und kämpfte gegen Burschen, die vier Jahre älter waren: "Er musste immer nachdenken, wie er die Größeren überlisten und Fouls ausweichen kann. Das ist eine Frage des Überlebens." Ist es heute noch. Er wurde zu einem der meistgefoulten Spieler der Serie A. Und eine seiner größten Stärken wurde, dass er selbst in höchster Not oft noch einen Pass spielt, der mehr als nur eine Notlösung ist: genial.

Keiner der großen Mittelfeldregisseure arbeitet so viel wie Nedved, leistet ein solches Laufpensum. Und anfangs, da brach oft brüllend sein Zorn durch. Pavel Nedved ist eigentlich ein ruhiger Mensch, spricht leise. Ist höflich, fast schüchtern und bescheiden sowieso. Betont zwanghaft bei jeder großen Ehrung seine Nichtwürdigkeit vor den Zidanes und Henrys dieser Welt. Meidet die Öffentlichkeit: Fußball, Familie, sonst nichts. Er ist noch immer mit seiner Jugendliebe aus Skalna verheiratet, hat zwei Kinder, ein ruhiger Vater. Zu Hause. "Aber auf dem Platz", sagt Nedved, "musst du deine Seele hineinlegen, musst du dein Herz geben, um zu gewinnen."

Pavel aus Skalna

wurde so Meister mit Lazio, gewann den Europacup der Pokalsieger, wurde 2002 und 2003 Meister mit Juve. Und im vergangenen Jahr im Halbfinale der Champions League besiegte er Real Madrid in Turin quasi im Alleingang - Zidane, der große Franzose, bei Real kaum zu sehen, aber Nedved, der Tscheche, "das Pferd", wie ihn die Italiener auch nennen, mit seiner wippenden Mähne: überall. Er sah in diesem Spiel die fünfte gelbe Karte und war für das Endspiel gesperrt. Nedved weinte hemmungslos, und Juve hatte ohne ihn keine Chance.

In diesem Jahr kann er der Superstar werden, wenn er endlich einen der größten internationalen Titel gewinnt. Ausgerechnet mit der Nationalmannschaft. "Für uns im Ausland ist es besonders wichtig, das tschechische Trikot zu tragen. Alles, was wir erreicht haben, verdanken wir der Nationalelf", sagt Pavel. Ein koptisches Holzkreuz baumelt an seinem Hals, religiös ist er, die Großmutter hat ihn damals im Kommunismus immer heimlich in die Kirche mitgenommen. Es ist alles eine Frage der Wurzeln: Juve. Die EM. Das Haus am Hügel.

Bernd Volland Mitarbeit: Laura Geramb/Rudolf Stefec

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