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Kommentar

FC Bayern nach CL-Aus: Die Ära Guardiola - Mission erfüllt

Pep Guardiola scheitert erneut in der Champions League und bleibt beim FC Bayern unvollendet. Doch wer erlebte, wie die Bayern Atlético in Grund und Boden spielten, der weiß, was Guardiola wirklich für den FCB geleistet hat. Fazit über einen Mann, der wohl nie ankommen wird.

Ein Kommentar von Mathias Schneider

Pep Guardiola bei seinem Amtsantritt 2013 in der Kabine des FC Bayern München.

Mit sich im Reinen, damals wie heute: Pep Guardiola bei seinem Amtsantritt 2013 in der Kabine des FC Bayern München.

Nun ist also sein letztes Champions-League-Spiel als Bayern-Trainer sauber archiviert. Zwar läuft die Saison tatsächlich weiter, Meisterschaft und auch der DFB-Pokal mit seinem Finale sind schließlich noch Wettbewerbe, in denen die Bayern, nun ja, aussichtsreich im Rennen sind. Aber gemessen wurde Pep Guardiola an dieser Champions League.

Er hat sie nicht geliefert.

Wer will, kann also seit Dienstagabend das Projekt Pep meets Bayern als gescheitert betrachten, man kann sich eine solche Haltung über Zahlen erschließen, ohne als Zyniker zu gelten. Denn es geht ja immer in diesem Spiel um eines: Titel – egal ob in Madrid, Manchester, Barcelona oder München. Drei Champions-League-Finales haben diese Bayern in der Pep-Vorzeit erreicht, von 2010 bis 2013. Dreimal scheiterte Guardiola nun im Semi-Finale, zweimal ernüchternd deutlich.

Die eine Seite des Pep Guardiola beim FC Bayern

Man kann das als Beleg für seine fehlende Flexibilität nehmen. Warum nur musste er den Triple-Konterfußball des Jupp Heynckes in ein dominantes ballbesitzorientiertes Konzept verwandeln? Sollte sich nicht der Trainer ans Team anpassen, nicht umgekehrt? Hinzu kommen unzählige Wechsel, zwischen den Spielen und im Spiel. Er wurde nie warm mit Thomas Müller, so etwas wie ein wandelndes Bayern-Gen. In Madrid saß Müller gar draußen. Ein Sakrileg! Auch dem Standort München mit seinen Eigenheiten mochte Guardiola sich nur ungern beugen. Er ist ein stolzer Katalane, und er kam als profiliertester Trainer der Welt, man darf das nicht vergessen. Einen Verein und damit auch ein Umfeld für sich einzunehmen, das zwar vor seiner Ankunft den Teppich ausrollte und alle Annehmlichkeiten versprach, sich dann aber in Transfer- und Kulturfragen allzu oft still auf die Hausordnung berief, war ihm zuwider. Dass er nun zu Manchester City wechselt, dient jenen, die ihn immer als Handlungsreisender des Fußballs im Verdacht hatten, als letztes Indiz fehlender Integrität.

Das ist die eine Seite.

Tatsächlich mag Guardiola außerhalb der weißen Linien nicht die Kultur dieses Klubs aufgenommen haben, auf dem Feld hat er nicht weniger als diesen Kulturwandel vollzogen. Nur weil er eine solche herausragende Reputation genoss, ließ ihn der Bayern-Vorstand überhaupt gewähren. Wenn man ein Münchner ist, mag man heute heimlich, still und leise in der Rückschau den pepschen Paradigmenwechsel betrauern. Für den deutschen Fußball, der es sich nach dem WM-Titel schon wieder behaglich einzurichten begann in seiner neuen Bedeutung, war er bitter notwendig.

Spanische Clubs dominieren den Fußball

Spanien ist es, das Europa dominiert im Vereinsfußball. Nicht nur mit seinen Schwergewichten Real, Barca und derzeit Atletico. Sevilla und Villareal heißen zwei der Halbfinalisten der Europa League, auch dieses Jahr. Ihre finanziellen Mittel mögen im Vergleich zu Wolfsburg oder Schalke begrenzt sein, in Sachen Passgenauigkeit und Organisation sind sie weit überlegen.

Guardiola hat die Tür in diese Welt geöffnet. Trainer wie der Dortmunder Thomas Tuchel nennen ihn stilbildend. Seit drei Jahren dominiert Guardiola mit seinem Ansatz der Vorwärtsverteidigung die Bundesliga, man darf auch das nicht vergessen, wenn man nun über ihn richtet. Ließen sich die ersten beiden Meisterschaften in Ermangelung von wahrer Konkurrenz kaum vermeiden, so ist es doch seinem Drive zu verdanken, dass für diese Bayern nicht abermals nach drei Titeln in Serie im vierten Versuch Schluss war gegen ein Dortmund, das eine eines Meisters würdige Saison spielt. Der Fußball-Diskurs wird zumindest in Fachkreisen heute differenzierter geführt, auch das ist Guardiolas Verdienst. Das Geschrei nach Führungsspielern, ein deutsches Dauerthema, hat etwas als Lautstärke verloren. Es geht jetzt eher um wahre Qualität auf dem Platz - technisch wie taktisch.

Pep beim FC Bayern München: Anspruch an das Spiel selbst

Wer erlebte, wie Bayern am Dienstag den Gegner über 90 Minuten in der eigenen Hälfte einschnürten, der ahnt, dass dieser FC Bayern unter Guardiola vielleicht einen großen Titel weniger errungen haben mag, als dies mit einer eher zynisch defensiven Ausrichtung der Fall wäre. Doch neben das Diktat der Zahlen ist ein eigener Anspruch an das Spiel selbst getreten, der dem bayerischen Fußball so etwas wie Geschmeidigkeit verlieh. Nie war er ansehnlicher. Aus Überrennen ist Ausspielen geworden. Man hasst diese Münchner heute nicht mehr.

Das ist die andere Seite.

Guardiola wird nicht ankommen

Pep Guardiola mag ein wunderlicher Mann sein. Er wird wohl nie ankommen, auch nicht in Manchester, das ist sein Schicksal. Mit dem FC Bayern München ist er nie wirklich warm geworden. Und doch hat er mit seiner Akribie und der manischen Suche nach Weiterentwicklung diese so hoch dekorierte Elf geprägt. Sie sieht das Spiel nun anders, ganzheitlicher. Er mag als Unvollendeter gehen, denn dass diese Bayern-Elf nur einmal diese Champions League in den vergangenen sechs Jahren gewonnen hat, mutet grotesk an –  und tatsächlich wie ein Scheitern auf ganz hohem Niveau. Aber die B-Note, sie stimmt.

Noch drei Spiele, dann ist Pep Guardiola Geschichte. Wenn in diesem so hochtourigen Geschäft überhaupt etwas überdauert, so ist es dann nicht die Person Guardiola. Es ist sein Werk, das in den nächsten Jahren immer wieder im Detail aufscheinen wird, wenn diese Bayern übers Feld fliegen.

Nicht die schlechteste Referenz.

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