HOME

Bayern München gegen Atlético Madrid: Triple verpasst, Triple geschafft - Peps letzter Akt

Gegen Atlético Madrid zeigen die Bayern in einem der spektakulärsten Spiele der letzten Jahre eine überragende Leistung. Nur das Fortune fehlte. Pep Guardiola wirkt dennoch selig. Denn diese Bayern-Elf ist auf seine Art gegangen.

Von Mathias Schneider, München

Bayern-München-Trainer Pep Guardiola

Ein Moment der Desillusionierung: Bayern-München-Trainer Pep Guardiola im Angesicht des Champions-League-Aus.

Als er das Stadion verließ, es war bereits fast Mitternacht, hinter ihm die Frau samt Tochter, wieder ein paar Schritte dahinter, sein Vertrauter Manel Estiarte, da ging er als ein Mann, der mit sich im Reinen schien. Pep Guardiola hat sich ja immer eher als Konzepttrainer, denn als reiner Ergebnistrainer begriffen, auch deshalb sind ihm all die seit Wochen wiederkehrenden Fragen, ob seine Mission nach drei Jahre München ohne diesen Champions-League-Titel unerfüllt sei, ein Graus. Es schwang also auch an diesem Abend eine gewisse Portion Trotz mit, als er zu später Stunde verkündete: "Titel sind Nummern und Statistik ist Statistik, ich ändere nicht meine Meinung, egal ob wir ein Spiel gewinnen oder verlieren." Es ist ihm ja immer auch um das Wie gegangen, vor allem deshalb quält er sich, Woche für Woche. Selbst das arme Ingolstadt am Samstag wird auf seinem Operationstisch in den kommenden Tagen landen. Nichts überlässt er dem Zufall.

Stolz sei er auf seine Spieler, hob er wieder und wieder hervor. Und doch wirkte er diesmal weder kampfesmutig noch bitter, sondern eher unendlich erleichtert, dass dieser seit Wochen sich immer stärker aufbauende Druck nun endlich gewichen war. "Ich habe mein Bestes getan, ich habe mein Leben für diese Spieler gegeben", erklärte er pathetisch. Und dieses Aus gegen Atlético Madrid fühlt sich ja wie ein Abschied an, obgleich die Meisterschaft noch nicht ganz eingefahren ist und auch das Mats-Hummels-Gedächtnisspiel, das mal ein Pokalfinale war, in Berlin noch ansteht. Doch es war diese Champions-League, an der Guardiola in seiner Münchner Saison-Trilogie gemessen wurde. Seit Dienstagabend wird er nun München mit der Gewissheit verlassen, sie nicht gewonnen zu haben.

Dieses Jahr lagen die Dinge anders

Auch im dritten Jahr verstellten ihm die eigenen Landsleute den Weg ins Finale, es dürfte in der Nachbetrachtung die Gesamtbewertung seiner Person nicht gnädiger machen. Doch wo Guardiola im ersten Jahr seinen eigenen Stil misstraute und an Real Madrid förmlich zerschellte und im Jahr darauf gegen ein schier unbesiegbares Barca mit einer Rumpfelf nie wirklich eine Chance hatte, lagen diesmal die Dinge anders. Denn gegen Diego Simeones Altético Madrid lieferten diese Bayern ein Spiel von faszinierender Intensität und lösten damit in gewisser Hinsicht ein Versprechen ein, das trotz Seriensiegen in der Bundesliga noch fehlte: Sie können auch Halbfinales, allein das Ergebnis stimmte am Ende nicht.

Hatte Bayern München drei Mann mehr auf dem Platz?

Bereits vor dem Anpfiff lag eine knisternde Spannung über der Arena, dieser so furiose Schlagabtausch aus bayerischem Angriff und erbitterter spanischer Verteidigung kündigte sich förmlich an. Wie ein Preisboxer den Gegner in der Ringecke schnürten die Bayern in der ersten Hälfte ihre Gäste zum Teil bis in deren eigenen Fünfmeterraum ein. Nie habe er eine stärkere Mannschaft erlebt, erklärte Atlético-Trainer Diego Simeone später. Bisweilen konnte man den Eindruck gewinnen, als hätten die Gastgeber drei Mann mehr auf dem Feld. In Schwärmen sprinteten sie schon des Gegners Innenverteidiger an, von einem geregelten Spielaufbau konnte keine Rede sein. Mit atemberaubenden Kurzpässen stellten sie sich Madrid zurecht. Es müssen diesen Momente gewesen sein, die Guardiola trotz der Niederlage beseelt zurück ließen. Nie war die Elf mehr Pep als in dieser ersten Halbzeit.

Allein es fehlte das zweite Tor

Wer versäumt hatte, es zu schießen, ließ sich hernach auch an den Gesichtern der Protagonisten im Kabinentrakt ablesen. Denn wo sonst der Schalk die Einlassungen von Thomas Müller begleitet, herrschte dieses mal Leere in seinem Gesicht. Müllers verschossener Elfmeter verlieh den Gästen erstmals so etwas wie zarte Hoffnung, doch nicht schlicht überrannt zu werden. Ein erster Zweifel war aller Euphorie zum Trotz in den Köpfen gesät: Chelsea 2012 wird sich doch nicht wiederholen?

Als Antoine Griezmann den fast schon obligatorischen Konter zum 1:1 abschloss, schienen die Dinge ihren Lauf zu nehmen, allein Bayern drückte weiter. Eine Elf, die sich mit allem, was sie hatte, gegen das dritte Semifinal-Aus in drei Jahren stemmte, war da am Werk. Selten hat man intensivere 90 Minuten in diesem Stadion erlebt. Wo gegen Real Madrid Guardiolas doch noch sehr wackeliges Frühwerk einer Bayern-Elf auch den eigenen Geburtswehen erlag, schien Barca im Vorjahr bisweilen in seiner schnörkellosen Effektivität das bessere Bayern. Im dritten Jahr fehlte schlicht - Fortune.

Dritte Halbfinalniederlage in Folge

Das sogenannte Triple ist also perfekt: Der FC Bayern ist abermals im Halbfinale draußen. Er hat sich mit einem großen Spiel verabschiedet. Auch deshalb schmerzt das erneute Scheitern diesmal wohl noch ein bisschen mehr. Wohl keine Niederlage seit jenem traumatisch verlorenen Champions-League-Finale 2012 hat diese Elf ähnlich stark getroffen. Sie wird nachwirken, die nahende Meisterschaft erscheint da ein Placebo zur rechten Zeit. Das Pokalfinale mag für Titel-Fetischisten noch von herausragender Relevanz sein, der Rest dürfte es eher als spannenden Epilog dieser Saison wahrnehmen.

Pep Guardiola sagte nach dem Spiel, er wolle natürlich auch dieses Finale gegen Dortmund gewinnen, aber er hatte sich da schon zweimal durchs Gesicht gewischt, allein die Frage, sie erschien ihm grotesk, so kurz nach dem Spiel. Doch nichts konnte ihn diesmal aus der Reserve locken. Diese Bayern sind am Ende doch noch seine Bayern gewesen, auch dann, als es wirklich zählte. Als der Schlusspfiff erklungen war, sah man dann förmlich den Vorhang fallen. In das allgemeine Chaos hinein drehte sich Guardiola um und lächelte selig, dann warf er seiner Familie einen Kussmund zu.

Vorbei.  

Wissenscommunity